23.12.2018 06:00 |

Todesdrama in Hotel

Freundin erdrosselt: „Ich war da wie ein Zombie“

Im September tötete eine 31-Jährige in einem Wiener Hotel ihre Freundin. Nun liegt das Psycho-Gutachten über die Täterin vor: Sie ist schizophren. Warum hat das in ihrem Umfeld davor niemand erkannt?

Sie wirkt rastlos, verwirrt, spricht viel über ihre Angst, schwer krank zu sein und bald sterben zu müssen. Seit Monaten ist Jenni in der Forensischen Abteilung der Linzer Kepler-Klinik untergebracht und wird mit starken Psychopharmaka behandelt. „Sie tun mir nicht gut“, behauptet sie. Aber langsam beginnen die Pillen zu greifen, immer öfter gibt es Momente, in denen sie die Tragweite ihres grauenhaften Handelns zu begreifen scheint. „Ich wollte Sarah nicht töten. Ich habe sie doch geliebt“, schluchzt sie dann.

Diagnose: Paranoide Schizophrenie
In den vergangenen Wochen wurde Jenni von Gerichtspsychiater Peter Hofmann untersucht. Seine Diagnose: Die 31-Jährige leidet an paranoider Schizophrenie. Sie darf daher rechtlich nicht für ihr Verbrechen verantwortlich gemacht und sollte in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden. Auf unbestimmte Zeit. Bis sie nicht mehr als gefährlich gilt.

Ob das jemals der Fall sein wird: ungewiss. Denn die Wienerin ist seelisch hochgradig gestört. Wie lange schon?

„Jenni“, erzählt Walter P. (Name geändert), ihr bester Freund, „war einmal ein lebensfrohes Mädchen.“ Sie wuchs als Einzelkind auf, die Mutter starb früh, „doch ihre Oma und ihr Papa kümmerten sich gut um sie.“ Nach der Schule begann sie in einem Wettbüro zu arbeiten, an der Kassa, „sie verdiente prima, reiste viel, ging oft aus“. Und bekannte sich bereits in jungem Alter dazu, Frauen anziehender zu finden als Männer.

Vor zwei Jahren begann sie sich zu verändern
„Sie hatte stets fixe Partnerschaften, sie sehnte sich nach einem Menschen, dem sie vollends vertrauen konnte“, erinnert sich der 41-jährige Unternehmer: „Und sie war ja auch häuslich, kochte gerne, richtete ihre kleine Wohnung hübsch ein.“ Es muss vor etwa zwei Jahren gewesen sein, als sich Jenni zu verändern begann, sie plötzlich Dinge tat, die nicht zu ihr passten. Sie beging kleine, sinnlose Diebstähle. Beziehungen scheiterten, weil sie in Streits gewalttätig agierte. Und ihre Suche nach der großen Liebe nahm manische Formen an.

In diesem Zustand lernte sie Anfang 2018 übers Internet Sarah, eine Deutsche, kennen. Die zwei Frauen kamen sich per Chat schnell näher, es kam zu ein paar Treffen, im Mai zog die 25-Jährige zu Jenni, fand einen Job in einem Casino, „und alles war wunderbar“. Die beiden schworen einander ewige Treue, machten Hochzeitspläne, „das Glück schien perfekt“.

„Symptome falsch eingeschätzt“
Doch bald bekam es erste Risse. Wegen Jennis ständig stärker werdender Hypochondrie. Zunächst bildete sie sich ein, an einem Magengeschwür zu leiden, sie kündigte ihre Stelle, „danach wurde alles noch schlimmer“. Die 31-Jährige konsultierte unzählige Ärzte, immer begleitet von Sarah - jede Untersuchung ergab dasselbe Ergebnis: Jenni sei gesund. Körperlich. „Sarah“, sagt Walter P., „machte sich fürchterliche Sorgen um sie, genauso wie ich, aber wir schätzten ihre Symptome falsch ein, dachten, sie brauche einfach ein wenig Erholung.“ Die zwei Frauen unternahmen deshalb mehrere Urlaube, „danach ging es Jenni meistens besser“.

Aber bei einem Aufenthalt in Kroatien im August begann ein Drama, dessen Dimension damals noch niemand abschätzen konnte. Der Auslöser: „Jenni und Sarah aßen in einem Restaurant Garnelen, kurz darauf wurde ihnen übel, sie fuhren in ein Spital.“ Die Deutsche ließ sich Infusionen verabreichen, ihre Freundin verweigerte die Behandlung: „Es war das erste Mal, dass Jenni über ihre Angst, Ärzte würden sie töten wollen, sprach.“

Verdacht, vergiftet zu werden
Im Gegensatz zu Sarah fühlte sich Jenni nach der Heimreise nicht wohler, sondern, im Gegenteil, „zum Sterben“. Und zunehmend verfestigte sich bei der 31-Jährigen der irre Verdacht, ihre Freundin würde ihr Gift verabreichen, im Auftrag der Pharmaindustrie. Sarah, in ihrer unendlich großen Liebe zu Jenni, versuchte, ihrer Partnerin eine Stütze zu sein. Päppelte sie auf, machte ihr Umschläge, massierte sie. Sprach ihr gut zu. Begleitete sie weiterhin zu Ärzten, die Jenni letztlich alle als einen Fall für die Psychiatrie bezeichneten.

Am Abend des 13. September bildete sie sich ein, an der Pest erkrankt zu sein, und bekam einen Schreianfall. Sarah brachte sie daraufhin - wieder einmal - in ein Krankenhaus. Die eindeutige Diagnose dort: Die 31-Jährige leide an Schizophrenie. Sie wurde stationär aufgenommen. Die Deutsche blieb an ihrer Seite, fuhr nur spätnachts kurz nach Hause, um für Jenni ein Gemüsegericht zuzubereiten - weil sie das Essen im Spital verweigerte, darin „todbringende Substanzen“ vermutete.

„Keine Anzeichen für bevorstehende Tragödie“
Und als die 31-Jährige am nächsten Morgen - auf Revers, bloß mit der Auflage, die ihr verordneten Medikamente einzunehmen - das Krankenhaus verlassen durfte, „hoffte Sarah“, so Walter P., „dass sich Jenni bald stabilisieren würde. Am Nachmittag telefonierten wir noch miteinander, und es gab keine Anzeichen für eine bevorstehende Tragödie.“

Die beiden Frauen hatten in einem Wiener Hotel eingecheckt, „sie wollten sich dort eine kleine Auszeit gönnen, von den Strapazen der vergangenen Wochen erholen“. Wenige Stunden später erdrosselte Jenni ihre Freundin mit einem Bademantelgürtel. „Ich war da wie ein Zombie“, erklärte sie später Gutachter Hofmann. „Jetzt verhält sie sich wie ein kleines Kind“, erzählt Walter P. Wenn er Jenni in der Psycho-Klinik besucht, „hält sie einen Teddybären im Arm und liebkost ihn“.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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