Mi, 12. Dezember 2018

Parallelgesellschaften

01.10.2018 07:00

So tief ist die Kluft zwischen den Kulturen

Ihr Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ hatte zuletzt gehörig Staub aufgewirbelt - kein Wunder, spricht doch die Wiener Lehrerin Susanne Wiesinger darin ein durchaus heikles Thema an und zeigt auf, wie stark der Einfluss des konservativen Islam an Schulen ist. Dass dieser jedoch nicht an den Toren des Lehrgebäudes endet, sondern weitaus tiefer in die Gesellschaft hineinreicht und diese zu spalten droht, zeigt ein Bericht der Rechercheplattform „Addendum“, die sich auf einen 93-seitigen Bericht des Integrationsfonds beruft.

Die zusammengetragenen Informationen zeigen durchaus deutlich die herrschende Kluft zwischen den unterschiedlichen Kulturen in der Bundeshauptstadt auf: In Gesprächen mit Exekutivbeamten wurde etwa deutlich, dass sich in einigen Wiener Bezirken bereits jetzt eine Art Parallelgesellschaft zu etablieren begonnen hat. Genannt wurden etwa Favoriten, Ottakring, Simmering, Rudolfsheim-Fünfhaus, Brigittenau sowie die Leopoldstadt - gerade dort sei diese Entwicklung am stärksten zu beobachten.

Abschottung als Integrationsfalle
Besonders Migranten aus der Türkei hätten sich in so manchem Wiener Viertel bereits eine eigene Community aufgebaut. Türkische Geschäfte, von türkischen Ärzten geführte Praxen sowie weitere türkische Institutionen würden den Menschen die Möglichkeit geben, den ganzen Tag in ihrer „Gemeinde“ zu verbringen, ohne auch nur ein einziges Wort Deutsch sprechen zu müssen. Das jedoch treibe die Abschottung unweigerlich voran. Ähnliche Entwicklungen seien mittlerweile auch bei Migranten aus Serbien, Tschetschenien oder Afghanistan zu beobachten, wie es in dem Bericht heißt.

Aufgrund der ethnischen Unterschiede steigt gleichzeitig auch das Konfliktpotenzial. Auseinandersetzung werden notfalls auch gewaltsam auf den Straßen ausgefochten, ebenso stehen immer wieder territoriale Konflikte auf der Tagesordnung, wenn beispielsweise bestimmte ethnische Gruppen Parks oder Plätze für sich beanspruchen. „Wir haben richtige Großaktionen gemacht, wo wir in den Park hinein sind mit einem polizeilichen Aufgebot und gesagt haben, das ist unser Park“, berichtete etwa ein Wiener Polizist.

„Paralleljustiz“ und der Ehrbegriff
Doch auch befragte Vertreter der Justiz schlagen in dem Bericht Alarm: So ortete eine Richterin Ansätze einer sogenannten Paralleljustiz, die sie in erster Linie bei familienrechtlichen Angelegenheiten beobachten konnte. Frauen würden etwa bei vermeintlich einvernehmlichen Scheidungen im Hintergrund oftmals massiv unter Druck gesetzt und unterdrückt. Ein ähnliches Vorgehen werde im Bereich des Strafrechts vermutet. So mancher Fall werde - trotz vieler Verdachtsmomente - gar nicht erst vor Gericht verhandelt, da oftmals nicht genügend Beweise für eine Straftat vorliegen würden, wie kritisiert wurde.

Doch auch die unterschiedliche Definition des Ehrbegriffs birgt großes Konfliktpotenzial. Familie, Außenwelt und Staat würden gerade in der muslimischen Kultur strikt voneinander getrennt, dies gehe in der Folge jedoch gleichzeitig „mit einer gewissen Ablehnung des geltenden staatlichen Rechtssystems (in Österreich, Anm.) einher“, kritisierten die befragten Richter und Polizisten - ein weiterer Punkt, der die Bildung einer Parallelgesellschaft fördere, so das Fazit der Studienautoren.

„Je mehr muslimische Schüler, umso größer die Abschottung“
Das spiegelt sich auch in der Kindererziehung wider - das Ergebnis dieser Wertevermittlung werde dann besonders in der Schule ersichtlich, heißt es in dem Bericht. „Je mehr muslimische Schüler an einer Schule sind, umso deutlicher zeigen sich Tendenzen kultureller Abschottung, Widerstände gegen bestimmte Unterrichtsinhalte und Versuche identitär islamischer Peergroups, Schülerinnen und Schüler mit muslimischem Familienhintergrund zu einem ‚islamkonformen‘ Lebensstil zu nötigen“, bilanzieren die Autoren. Trägt also etwa ein Mädchen kein Kopftuch, werde es als „Nutte“ beschimpft.

Eine AHS-Lehrerin weiß von „politischer Missionierung“ im Klassenzimmer zu berichten. Sie bezeichnet die „Präsenz der türkischen Außenpolitik in den Schulklassen“ als „Wahnsinn“. Mittlerweile werde ebenso eine „Verhärtung islamischer Regeln“ beobachtet, etwa im Fastenmonat Ramadan. Halten sich Kinder nicht daran, würden sie von Klassenkameraden oder anderen Schulkollegen abgewertet. Konfliktpotenzial zeigt sich - wie bereits mehrfach berichtet - auch beim Thema Schwimmunterricht: Viele Familien würden diesen boykottieren und ihre Kinder davon befreien, weil sie nicht wollen, dass sich ihre Töchter gemeinsam mit Burschen im Schwimmbad aufhalten. „Bevor man dann mit Kindern im Burkini hingeht, verzichtet man lieber drauf“, so eine Pädagogin.

„Wie nach einer Gehirnwäsche“
Als hinderlich bei der Integration wird auch der Besuch von Gebetshäusern am Wochenende gesehen. „Nach dem Wochenende haben wir oft den Eindruck, dass die Kinder wie nach einer Gehirnwäsche wieder in der Schule sitzen“, schildert eine Lehrerin. Eine Auseinandersetzung mit Sexualität oder Nacktheit gilt zumeist als verpönt, dieses Gedankengut werde auch in manchem Gotteshaus vermittelt, wie eine Lehrerin berichtet. „Und der Bub in der fünften Klasse hat zu mir gesagt, außerehelicher Sex sei eine Todsünde und man komme in die Hölle. Da war ich noch unvorbereitet und habe alarmiert gefragt: ‚Woher hast du denn das?!‘ Und da hat er mir gesagt, das habe er schon an vielen Moscheen in Wien so erklärt bekommen.“ Ähnliche Erfahrung hatte auch Wiesinger gemacht:

Ähnlich kritisch wird die antisemitische Einstellung einiger muslimischer Schüler gesehen. In einigen Klassen sei es kaum noch möglich, über das Thema Nationalsozialismus zu sprechen, ohne dass es zu heftigen Störungen, Boykotten und antisemitischen Ausbrüchen komme.

Bericht nicht zur Veröffentlichung bestimmt
Verfasst wurde der 93-seitige Bericht, der „Addendum“ exklusiv vorliegt, von der Politikwissenschaftlerin Nina Scholz und dem Historiker Heiko Heinisch im April 2018, die anhand von Gesprächen mit Vertretern der Justiz, der Exekutive sowie der Lehrerschaft Informationen zusammentrugen. Die Analyse war allerdings nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sondern hätte später in eine breit angelegte Studie zum Thema Parallelgesellschaft einfließen sollen, heißt es auf Anfrage der Rechercheplattform. Dies sei so im Integrationskapitel des Regierungsprogramms festgeschrieben.

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