Fr, 21. September 2018

Russland

09.09.2018 06:00

Flusskreuzfahrt von Moskau nach St. Petersburg

Auf breiten Wasserwegen durch die grandios weite Landschaft Russlands zwischen zwei historischen Metropolen.

Schon der Transfer von Moskaus Flughafen Scheremetjewo zum Flusshafen hat russische Dimensionen: Moskau mit geschätzt 14 Millionen Einwohnern und sechs Millionen Autos ist ein wahrer Moloch, auf den Stadtautobahnen und den bis zu 120 Meter breiten Boulevards tost der Verkehr, auch um ein Uhr nachts.

Zur Begrüßung gibt es Wodka
Die Herzlichkeit, für die das Land ebenso berühmt ist wie für seine Weite, zeigt sich dafür gleich beim Empfang auf der „MS Igor Strawinski“, die uns auf breiten Wasserwegen nach St. Petersburg bringen wird: Strahlend bieten die bunt bekränzten Gästebetreuerinnen frisches Brot und Salz zur Begrüßung an, auch ein Schlückchen Wodka darf nicht fehlen. Die Atmosphäre auf dem komfortablen Kreuzfahrtschiff mit knapp hundert Kabinen ist freundlich und familiär, die deutschsprachige Betreuung perfekt - in vielen Vorträgen bringen die Dolmetscherinnen Jenny und Nelli den Gästen russische Geschichte, Gebräuche, Kunst, Landeskunde und vor allem die Seele des Landes näher. Wer möchte, kann mit Bordmusiker Andrej russische Lieder singen, mit Nelli 99 russische Wörter lernen, sogar Rezepte aus der Bordküche, von Borschtsch bis zu den mit Pilzen oder Topfen gefüllten Pelmeni-Teigtaschen, werden verraten.

Sehenswürdigkeiten stehen natürlich auch auf dem Programm: Die beiden ersten Tage sind Moskau gewidmet, dem 1148 gegründeten unumstrittenen Herz des Landes. Alles in der Hauptstadt ist groß: Die Boulevards, der legendäre 500 Meter lange und 150 Meter breite Rote Platz, der Kreml, eine wahre Stadt in der Stadt, bis heute Zentrum der Macht. Die Basilius-Kathedrale mit ihren acht Kuppeln, die sogar Versuchen der Kommunisten, sie niederzureißen, widerstanden hat. Im Gegensatz zur Christi-Erlöser-Kathedrale, die unter Stalin völlig zerstört wurde und deren Gelände bis 1990 als riesiges Freibad diente. Unter Jelzin wurde sie wiederaufgebaut, um sechs Millionen Euro, und fasst jetzt wieder fast 10.000 Gläubige. Ein Symbol für die Renaissance der russisch-orthodoxen Kirche. In den vergangenen 28 Jahren wurden 29.000 Kirchen neu gebaut, Geistliche gehören überall zum Ortsbild.

Prunkvoll schließlich auch die Bauten der Stalin-Zeit, wie die Sieben Schwestern, riesige Hochhauskomplexe im berühmten Zuckerbäckerstil, und die schönste U-Bahn der Welt. Moskaus 1935 eröffnete Metro transportiert täglich rund 6,9 Millionen Fahrgäste, ihre prächtig dekorierten Stationen wirken teilweise wie unterirdische Paläste oder Museen.

Auch der Kanal, auf dem wir Moskau schließlich in Richtung Wolga verlassen, ist ein Monumentalwerk der Stalinzeit - eine gigantische Leistung, ein 128 Kilometer langes „Schaufenster des Sozialismus“. Inklusive acht prunkvollen Schleusen in nur vier Jahren und acht Monaten erbaut. Aber unter unvorstellbaren Opfern, von etwa 250.000 Gulag-Gefangenen, rund um die Uhr, bei Temperaturen bis zu minus 30 Grad Celsius, vor allem mit der Hand. 900 Kilometer Eisenbahn wurden nur für den Materialtransport errichtet, 2500 Dörfer überflutet, 700.000 Menschen umgesiedelt. Fast 23.000 Zwangsarbeiter starben bis zur Eröffnung des auch Moskaus Wasserversorgung sichernden Kanals im Juli 1937. Insgesamt forderten Kanalbau und Umsiedlung noch viel mehr Opfer. Heute erinnert auf den ersten Blick nur noch der hoch aus dem Wasser ragende Glockenturm der Kirche von Kaljasin an die nicht mehr bestehenden Dörfer: für uns ein schönes Foto. Doch heute noch finden dort jährlich am Jahrestag der Überflutung Trauerfeiern statt.

Auf der Wolga ist unser Schiff dann schließlich in Richtung Uglitsch unterwegs: Eine hübsche Kleinstadt mit einer eigenen Kreml-Burg und dem Palast des Zarewitsch Dimitry, Sohn Iwans des Schrecklichen, der dort im Alter von sieben Jahren 1584 (wahrscheinlich) auf Befehl von Boris Godunow getötet wurde. Ein geschichtsträchtiger Ort mit typischen teilweise schön restaurierten Holzhäusern, gelegen inmitten weiter Birkenwälder und Felder. Bis zu neun Monate im Jahr ist hier tiefster Winter, auf dem Markt verkaufen Frauen neben Souvenirs auch selbst eingelegtes Gemüse. Unter den Kunden sehen wir auch Popen, denn im kleinen Uglitsch gibt es mehrere schön restaurierte Kirchen und eine Auferstehungs-Kathedrale.

Ganze 244 Kirchen zählte einst Jaroslawl, die nächste Station der Reise. Die historische Kaufmannsstadt beeindruckt heute noch durch zahlreiche Gebäude aus dem 17. Jahrhundert und hatte einst 244 Kirchen. 200 davon wurden im Verlauf der Oktoberrevolution zerstört, viele kürzlich wieder aufgebaut. Am prächtigsten die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, 1937 niedergerissen, ab 2004 originalgetreu rekonstruiert und 2010 zum 1000-Jahr-Jubiläum der Stadt wieder geweiht. Finanziert wurde der Prunkbau durch wohlhabende Geschäftsmänner. Oligarchen, die sich der freiwilligen Spendenaktion nicht sofort anschlossen, bekamen von Präsident Putin eine Kontrolle durch die Steuerbehörde in Aussicht gestellt - und schon war der 50 Meter hohe Prachtbau mit fünf vergoldeten Zwiebeltürmen gesichert Unsere Jenny erklärt lakonisch: „Wir Russen haben keine Hoffnungen, außer der Hoffnung auf Wunder!“

Wenig besiedelt sind die Fluss-, Kanal- und Seeufer in den folgenden drei Reisetagen, zu besichtigen sind Goritsy mit seinem prächtigen Kloster, die Museumsinsel Kischi mit ihrer einmaligen Holzarchitektur-Sammlung und das Handwerkerdorf Mandrogy. Extrem weit wird die Wasserfläche schließlich am Ladogasee, Europas größtem Süßwassersee - seine Fläche entspricht in etwa ganz Niederösterreich, seine Inselchen sind zusammen so groß wie der Bodensee! Hier ist Finnland ganz nah, die russische Weite verbindet sich mit nördlichem Licht, ein wunderbares Naturspektakel. Gute Gelegenheit, die Blicke schweifen zu lassen, sich gelassen oder melancholisch wie eine Figur von Tschechow zu fühlen. An Bord verbreiten Andrej mit seinem Akkordeon und Sergej mit seiner Balalaika weiter die passende Stimmung, der Spruch über dem Tagesprogramm ist eine Lebensweisheit der Wolgaschiffer: 100 Gramm sind kein Wodka, 100 Rubel kein Geld, 100 Kilometer sind keine Entfernung und 100 Minuten keine Verspätung.

St. Petersburg erreichen wir aber auf jeden Fall - und verbringen die beiden letzten Kreuzfahrttage wieder in einer quirligen, geschichtsträchtigen Metropole. Besichtigungen von Winterpalast, Isaaks-Kathedrale, Eremitage und Peterhof runden das Programm ab - dann geht es heim. 

Brigitte Egger, Kronen Zeitung

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