Mi, 14. November 2018

Kulturhauptstadt

20.08.2018 08:00

Malta: Modernes Tor zu den Schätzen der Geschichte

Das maltesische Valletta ist heuer Kulturhauptstadt Europas. Ein Besuch im Schmuckkasten des Mittelmeers.

Es hat ein paar Monate gedauert, aber mittlerweile haben sich die Malteser mit dem neuen Stadttor an der Südseite von Valletta angefreundet. Die kleinste Hauptstadt der EU - nur knapp 6000 Menschen leben hier - ist heuer europäische Kulturhauptstadt. Und Stararchitekt Renzo Piano hat aus diesem Anlass das Parlamentsgebäude mit dem anschließenden Stadttor neu gestaltet. Der moderne Komplex besteht aus dem für Malta typischen Sandstein und fügt sich eigentlich dezent und luftig ins Stadtbild - trotzdem hatten die Einheimischen anfangs Zweifel: Immerhin ist Valletta die Visitenkarte für eine Insel, die sonst mit vielfältiger Geschichte und architektonischen Prunkstücken vergangener Jahrhunderte punktet.

Bereits um 5000 v. Chr. gab es auf den maltesischen Inseln - neben Malta sind das Gozo und Comino - erste Siedler. Wo genau sie herkamen, weiß man nicht. Doch sie haben hier mehrere Tempelanlagen errichtet - etwa den Megalithtempel von Hagar Qim, der heute als eine der ältesten erhaltenen Tempelanlagen der Welt auf der Liste der UNESCO steht. Später siedelten hier die Phönizier und Katharer. Lange Zeit besetzten die Araber Malta, bis Karl V. die Insel 1530 an die Johanniterritter übergab, die sie zu einem Bollwerk des Christentums ausbauten - und sich dabei auf eine alte Legende beriefen, nach der einst der Apostel Paulus hier gestrandet war.

365 Kirchen und Kapellen gibt es insgesamt auf den maltesischen Inseln - „70 Prozent der Malteser gehen mindestens einmal im Monat zur Messe“, weiß Fremdenführer Martin. Jede Kirche hat ihren eigenen Schutzheiligen, dessen Namenstag mit einer „Festa“ gefeiert wird - die Straßen werden mit bunten Fahnen geschmückt, der Ort kommt zusammen, und es wird aufgekocht: Frischer Fisch, Ftira (Fladenbrot), Stuffat tal-Fenek (Kanincheneintopf) oder der würzige Gozo-Käse stehen auf dem Menüplan. Und es gibt ein obligatorisches Feuerwerk. „Wenn die Chinesen das Feuerwerk nicht erfunden hätten, hätten es wir getan“, scherzt Martin. Um den Bedarf für die „Festas“ zu decken, gibt es 30 Feuerwerksfabriken auf den maltesischen Inseln.

Doch die Ritter haben nicht nur Kirchen gebaut: In Mdina, das majestätisch auf dem höchsten Hügel der Insel thront und im Mittelalter noch Hauptstadt war, finden sich zahlreiche alte Paläste und Piazze - einer davon diente zuletzt der Serie „Game of Thrones“ als Drehort. In Birgu kann man im Inquisitorenpalast in ein dunkles Kapitel der maltesischen Geschichte eintauchen. Und auch auf Gozo, der Schwesterinsel von Malta, gibt es neben wunderbaren Steilküsten und Salinen, in denen seit der Römerzeit Meersalz gewonnen wird, einzigartige Bauwerke zu entdecken: Über dem Hauptort Victoria thront eine Zitadelle, deren Renovierung vor Kurzem abgeschlossen wurde und für deren schweißtreibende Besteigung man mit einem spektakulären Panoramablick belohnt wird. Zudem finden sich auf der Insel mit 35.000 Einwohnern gleich zwei Opernhäuser, die zweimal im Jahr bespielt werden und Musikliebhaber aus aller Welt anlocken.

In einem dieser Häuser feierte auch der maltesische Startenor Joseph Calleja sein Bühnendebüt. Und der ist seiner Heimat treu geblieben: Wenn er nicht gerade in Paris, New York oder Wien engagiert ist, lädt er zum Open-Air-Konzert vor sommerlicher Kulisse in Valletta mit vielen Stargästen - heuer sang etwa Eros Ramazotti, im kommenden Jahr fliegt Andrea Bocelli ein. Das Spektakel war heuer Teil des offiziellen Programms im Kulturhauptstadtjahr, das bis Ende des Jahres noch zahlreiche Musik- und Theaterfestivals im Angebot hat. Und auch das Muźa, das neue Museum für Nationalkunst und Vorzeigeprojekt des Kulturhauptstadtjahres, soll demnächst - verspätet, aber doch - eröffnet werden.

Und wer nach derartigen kulturellen genüssen, von denen man auf Malta viele erleben kann, noch einen Absacker einnehmen will, ist in Valletta gut aufgehoben. Denn die abends einst verschlafene Hauptstadt hat sich gemausert: Viele kleine Bars wurden in den charmanten Gässchen eröffnet, die von den Rittern einst so angelegt wurden, das fast immer ein angenehmes Lüfterl durchzieht. Touristen wie Einheimische sitzen hier bei einem erfrischenden Kinnie - die Bitterorangen-Limo ist das Nationalgetränk der Malteser -, einem Glas fruchtigen maltesischen Weins oder einem Gläschen Bajtra, wie der traditionelle Kaktusblüten-Likör genannt wird.

Und wenn man in einem der charmanten neuen Boutique-Hotels, die in Valletta derzeit in vielen der alten Palazzi entstehen, ein Zimmer gebucht hat, kann man auch durchaus noch ein zweites Glas trinken - der Heimweg ist in der kleinsten Hauptstadt der EU ja nie wirklich weit!

Christoph Hartner, Kronen Zeitung

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