Stoff für 5 A-Bomben

Frankreich: 31 Kilo Plutonium in altem Reaktor 'vergessen'

Ausland
15.10.2009 13:45
Bei der Demontage einer Atomanlage in Frankreich sind in einem abgedichteten Behälter 39 Kilo hochgefährlicher Plutoniumstaub entdeckt worden. Die Betreiber hatten mit acht Kilo gerechnet - die restlichen 31 hatte man offenbar "vergessen". Nach Informationen von Greenpeace würde die gefundene Menge für fünf Atombomben ausreichen. Frankreich hat derzeit auch mit einem Skandal um einen heimlichen Export radioaktiven Abfalls nach Sibirien zu kämpfen.

Die Atomsicherheitsbehörde ordnete am Donnerstag an, die Arbeiten an der seit mehr als 40 Jahren betriebenen Anlage in Cadarache umgehend einzustellen. "Große Mengen Plutonium am selben Ort können zu einer gefährlichen Kettenreaktion führen", sagte Alain Delmestre, Vizechef der Atomsicherheitsbehörde, am Donnerstag in Paris. In einem solchen Fall könnten Menschen tödlich verstrahlt werden. Nach Angaben der Behörde handelt es sich um den ersten Zwischenfall der Gefahrenstufe zwei bei insgesamt sieben Vorfällen in diesem Jahr in Frankreich.

Die Atomsicherheitsbehörde wirft dem Betreiber CEA vor, den Zwischenfall nicht rechtzeitig gemeldet zu haben. "Es sieht so aus, als ob es schon im Juni bekannt geworden sei, aber wir erst jetzt informiert wurden", sagte Delmestre. Der Fall sei deswegen der Staatsanwaltschaft gemeldet worden. Umweltminister Jean-Louis Borloo zeigte sich schockiert über die verzögerte Bekanntgabe und forderte Aufklärung. "Gerade bei Atomsicherheit muss absolute Transparenz herrschen", betonte er. 

Atommüll nach Russland transportiert
Erst am Dienstag hat Frankreich angekündigt, die möglicherweise unsachgemäße Versendung von Hunderten Tonnen Nuklearabfällen nach Russland untersuchen zu lassen. Einem Bericht der Zeitung "Liberation" und des Senders Arte zufolge werden seit Mitte der 90er-Jahre jährlich 108 Tonnen abgereichertes Uran aus französischen Atomkraftwerken in Containern nach Sibirien gebracht. Dort wurde der Abfall zuletzt auf einem Parkplatz offen gelagert. Paris hat nun angekündigt, die möglicherweise unsachgemäße Versendung der Nuklearabfälle untersuchen zu lassen. "Wir dürfen nicht den Hauch eines Verdachts bestehen lassen, dass es ein Problem gibt", sagte Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno.

Der Energiekonzern EDF, der die französischen Atomkraftwerke betreibt, hat die Darstellung jedoch als "völlig unzutreffend" zurückgewiesen. Das Material sei kaum noch radioaktiv und werde nicht ungeschützt gelagert, sagte der Chef der Abteilung für nuklearen Brennstoff, Sylvain Graner. Der Transport des kaum mehr angereicherten Urans sei internationaler Standard und werde auch von deutschen, niederländischen oder US-Unternehmen vorgenommen.

An der Luft "auf großen Parkplätzen" gelagert
Der technische Hintergrund wird von beiden Seiten unterschiedlich bewertet. Laut EDF ist das nach Sibirien verfrachtete Uran und auch die kleine Menge Plutonium, das als Abfallprodukt in den Atomkraftwerken anfällt, nur von geringer Radioaktivität und wird in Russland zur Wiederverwertung aufbereitet. Laut "Liberation" ist die Deponie Tomsk-7 bei der russischen Firma Tenex jedoch die Endstation des nuklearen Abfalls, der dort an der Luft "auf großen Parkplätzen" gelagert werde.

EDF und Areva, die französischen Atomkonzerne, sehen in dem Abfall einen Rohstoff. Experten und Umweltschützer bezeichnen das Material jedoch als nicht wiederverwertbar. Es sei wie eine bereits zweimal ausgepresste Orange, die kaum mehr Saft liefern könne. EDF-Direktor Granger sagte dagegen, dass 20 Prozent der französischen Atomenergie aus wiederaufbereiteten Nuklearabfällen hergestellt werde. Welchen Anteil dabei jene Abfälle haben, die nach Sibirien verschickt und nicht von Areva in Frankreich aufbereitet werden, blieb unklar.

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