08.10.2009 10:33 |

Radikaler Vorstoß

Paris will chemische Kastration von Sextätern forcieren

Wie weit darf der Staat gehen, um seine Bürger vor sexueller Gewalt zu schützen? Diese Frage sorgt derzeit in Frankreich für heftige Diskussionen. Denn nach der grausamen Vergewaltigung einer Joggerin (siehe Infobox) hatte Premierminister François Fillon angekündigt, die chemische Kastration von Sextätern auszuweiten. Doch Experten sehen in der Methode kein Allheilmittel.

Hätte der Tod von Marie-Christine Hodeau verhindert werden können? Diese Frage beschäftigt Frankreich seit Tagen. Ein verurteilter Sexualstraftäter hatte der 42-Jährigen beim Joggen aufgelauert, sie entführt und ermordet.

Premier: "Chemische Kastration muss zwingender werden"
Nun reagiert die Regierung auf die Tat - mit dem Plan, chemische Kastrationen von Sextätern zu forcieren. Die Methode müsse laut Premierminister François Fillon "zwingender" werden. "Wir verbieten uns keinerlei Überlegung zu dem Thema." Die oppositionellen Sozialisten werfen der Regierung vor, "unpassend" zu reagieren. Und auch in der Regierungspartei UMP warnen einige davor, auf die Empörung in der Bevölkerung mit überstürzten Maßnahmen zu reagieren. "So eine Frage entscheidet man nicht nach einem Drama, so schrecklich es auch sein mag", sagte der Abgeordnete François Goulard.

Die chemische Kastration, die es für inhaftierte Straftäter bereits auf freiwilliger Basis gibt, erfolgt durch die Gabe von Medikamenten. Diese sollen den Sexualtrieb bremsen. Brechen die Häftlinge Behandlung ab, die alle drei Monate erneuert werden muss, können sie nicht auf eine vorzeitige Entlassung hoffen.

Experten warnen: "Kein Allheilmittel"
Experten warnen davor, die Hormonbehandlung als Allheilmittel anzussehen. "75 bis 80 Prozent der Sexualstraftäter werden nicht rückfällig", sagt der Kriminologe Roland Coutanceau. "Man muss sich auf die konzentrieren, die ein Rückfallrisiko haben". Innerhalb einer Therapie könne der Einsatz der Sexblocker ein "nützliches Werkzeug" sein. Für Serge Stoleru vom staatlichen Gesundheitsforschungsinstitut Inserm führt aber auch in Zukunft an der Freiwilligkeit kein Weg vorbei. "Die Verabreichung der Medikamente kann nicht ohne Einwilligung des Patienten erfolgen."

Fall von entführter Joggerin stieß Diskussion los
Fall von vergewaltigter Joggerin hielt Frankreich in Atem
Der Fall von Hodeau hielt Frankreich zwei Tage in Atem, weil das Opfer aus dem Kofferraum seines Mörders per Handy noch einen Notruf absetzen konnte. Das ganze Land hoffte, dass sie noch lebend gefunden würde, praktisch jede Zeitung druckte ihr Bild. Ihre Leiche wurde schließlich nackt in einem Waldstück entdeckt. Ihr Mörder Manuel R. gestand, sie erwürgt zu haben. Der 47-Jährige war 2002 zu elf Jahren Haft verurteilt worden, weil er ein 13-jähriges Mädchen aus der Nachbarschaft vergewaltigt hatte. 2007 kam er unter Auflagen vorzeitig aus dem Gefängnis, ab 2008 war er vollkommen frei.

Präsident Nicolas Sarkozy empfing die Familie des Opfers und verlangte härtere Strafen für Wiederholungstäter.
Premierminister François Fillon sprach von einem "absolut unausstehlichen Verbrechen, das hätte verhindert werden können".

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