So, 24. Juni 2018

„Krone“-Interview

22.02.2018 07:00

Melody Gardot: „Fühle mich heute wie neugeboren“

Als Melody Gardot im zarten Alter von 19 von einem SUV gerammt wird, zieht sie sich schwere Wirbelsäulen-, Nerven- und Kopfverletzungen zu, bricht sich das Becken. Da sie bereits davor als Sängerin in Bars in Philadelphia reüssierte, empfehlen ihr die Ärzte eine Musiktherapie, um ihre kognitiven Fähigkeiten wieder zu erlangen. Gardot kämpft sich mühevoll zurück, muss aufgrund von Lichtempfindlichkeiten mit Sonnenbrillen durch die Gegend laufen und spielt lange Konzerte im Rollstuhl oder kann sich nur mit einem Stock fortbewegen. Drei Alben später gehört sie nicht nur zu den größten Jazzstimmen der Gegenwart, sondern ist auch nahezu voll gesundet, topfit und mit sich und ihrer Vergangenheit im Reinen. Das alles und noch mehr erzählt sie uns im Interview zu ihrem famosen Doppel-Livealbum "Live In Europe", mit dem sie am 4. Juli auch in die Wiener Staatsoper kommt.

"Krone": Melody, du gibst nicht nur gerne Interviews und Konzerte in Paris, sondern scheinst mittlerweile auch hier zu leben?
Melody Gardot: Zu sagen, ich würde hier leben, ist etwas übertrieben, aber ich bin mitunter hier stationiert, nur eben nicht permanent. Ich habe ein winziges Apartment, das ich als Büro und kleines Studio benutze. Mein Piano nimmt quasi den ganzen Raum ein und ich habe auch keine Küche, sondern eine Art halbe Bar und ein Bett daneben. (lacht) Es ist aber ein sehr kreativer Bereich, weil ich mir die Inspirationen nicht draußen holen muss, sondern sie in meiner Wohnung kriege. Ich habe mehr als zehn Jahre lang in Hotels gelebt und ich brauchte einfach meine eigenen vier Wände, um mal durchatmen zu können und zu wissen, dass nicht immer andere Menschen ein- und ausgehen. Ich war schon oft in Paris und so machte das mit der Wohnung viel Sinn.

Paris ist ganz sicher auch eine der inspirierendsten Städte in Europa – das haben schon viele Künstler so erlebt.
Auf jeden Fall. Aber auch Wien würde ich dazuzählen. Allein wenn ich mir vorstelle, dass ich die Wiener Staatsoper vor meiner Wohnungstür hätte, ist unglaublich. Ich war schon so oft bei euch und liebe diese Stadt. Vor allem den Augartenpark, wo die Porzellanmanufaktur steht. Ein guter Freund führte mich herum, ich habe dort unglaublich gut gegessen und auch meinem Hund gefiel der Park gut. Ich weiß nicht, ob du das wusstest, aber es gibt dieses ungeschriebene Gesetz, dass die meisten Leute dieselben Blumen auf ihren Balkonen haben. So kleine rote Blumen. Im Sommer sieht das einfach atemberaubend aus – wie aus einem Werk eines Malers. Das ist schön und ganz anders zugleich, denn in Paris ist die Architektur viel mehr mit Gold oder Bronze verbunden.

Ist die Architektur europäischer Städte für dich und deine Kunst wichtig?
Absolut. Ich liebe die Kirchen, die Museen, Theater, alten Gebäude und großen Fenster. Als Amerikaner kommst du aus einer Gegend, wo die ältesten Wohnungen vielleicht aus dem 18. Jahrhundert stammen, während du in Europa ins 15. Jahrhundert eintauchen kannst. In Amerika haben die Leute kein Gespür für die indianische Kultur und Spiritualität, die das Land geprägt hat. Die Leute wollen diese Art von Geschichte auslöschen, um sich selbst so darzustellen, als wären sie schon immer die ersten gewesen. In Europa ist das total anders, da hat man ein Gefühl für die Geschichte, die jedes Land und jede Stadt umgreift. In den USA lernst du einfach, wie man die Geschichte verändert um die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Obwohl du prinzipiell in den USA lebst, verbringst du die meiste Zeit in Paris, weil du ständig arbeitest. Zumindest projizierst du das Bild eines Workaholics.
Das ist witzig, denn ein Freund fragt mich oft, was ich mache. Ich sage dann, ich bin zuhause und in unserer Gesellschaft wird das daheim sein nicht mit Arbeit verbunden, obwohl das Blödsinn ist. Ich schreibe und komponiere zuhause, manchmal liege ich auch nur herum und erwarte in der Stille Einfälle. Songwriter haben einen besonderen, kreativen Lebensstil. Wir gehen nicht ins Büro und wenn ich nicht gerade draußen bin, dann kreiere ich Dinge innerlich. Das verstehen aber meist nur Menschen, die selbst aus dem Kreativbereich stammen. Manche haben den Luxus, ihr Studio zuhause bei ihrer Familie zu haben, um ihr nahe zu sein. Jeder hat seine eigenen Gewohnheiten, kreativ zu sein. Zu mir kommen oft Musiker und wir können locker zu dritt arbeiten, mit Schlagzeug, Bass und Klavier. Es ist einfach ein schönes Gefühl, so ungezwungen arbeiten zu können.

Das bringt mich zu deinem neuen Doppelalbum „Live In Europe“ - bist du der Meinung, dass deine Auffassung von Jazzmusik viel besser nach Europa als in die USA passt?
Dieses Urteil will ich nicht machen, das finde ich auch nicht fair. Der Grund für dieses Doppelalbum war strenggenommen ein technischer. Es lag hauptsächlich daran, dass wir die Songs bei den Europa-Konzerten in besserer Qualität aufgezeichnet hatten. Wir hatten uns die Freiheit genehmigt, dort ein eigenes Soundboard zu verwenden und haben uns jede Nacht nach der Show den Gig und die Songs noch einmal angehört. Es war ein Werkzeug, bei dem wir viel gelernt haben, weil wir natürlich auch unterschiedliche Musiker, Stimmungen und Einsätze hatten.

Für die 17 Songs, die wir auf dem Doppelalbum zu hören kriegen, hast du dich durch etwa 300 Konzerte wühlen müssen. Nach welchen Kriterien hast du schlussendlich entschieden, was du wählst?
Es waren eigentlich noch mehr, aber manche Bänder sind zwischenzeitlich verendet. Ich weiß nicht genau, ob das jetzt mehr Fluch oder Segen war. (lacht) Wenn ein Maler Bilder in eine Galerie bringt, dann wählt die Galerie die Bilder so aus, wie sie der Meinung ist, sie am besten verkaufen zu können. Ich musste über mich selbst richten und das war hart. Wenn du dir auf diesem Wege die Songs anhörst, dann macht das keinen Spaß, weil es um die technischen Details geht. Ich habe mir also die Songs nach Genauigkeit und Timing angehört, nach Instrumentierung und der Qualität meiner Stimme. War die Band besser eingespielt als ein anderes Mal? All diese Details und das war ziemlich schmerzvoll. Ich konnte mich irgendwann nicht mehr selbst hören und musste diesen Prozess stoppen, weil eine Selbstbeurteilung psychisch sehr belastend sein kann. Ich hatte also diesen naiven Gedanken, dass nach einem Monat alles besser sein würde. (lacht) Unser Techniker gab mir dann Platz im Studio seines Hauses. Ich habe also einfach aus dem Fenster gesehen und mir am Tag sechs, sieben Stunden meiner Musik angehört und als meine Ohren müde waren, habe ich eine Pause gemacht. All das hat extrem lange gedauert und ich habe mir zunehmend Notizen zu allen möglichen Details gemacht. Daraufhin habe ich meine Notizen gescannt und weiter verknappt. Dann gab es Momente, wo ich in einem Restaurant saß, plötzlich im Unterbewusstsein etwas hörte und mir plötzlich wieder Details dazu einfielen. Es war etwas einfacher, weil die Grundproduktion der Songs ohnehin schon auf der Bühne stattfand, aber ich wollte unbedingt das unmittelbare Gefühl eines Livekonzerts vermitteln.

Was dir auch gelungen ist, das Album atmet förmlich diese livehafte Atmosphäre…
Es ist so anders als meine Alben und ich mag dieses Werk auch lieber. Ich habe so viel gelernt von meinen Konzerten. Alben von Fleetwood Mac etwa wurden damals so unmittelbar aufgenommen, dass es immer diesen Moment gab, wo etwas plötzlich fertig war und dann musste man damit umgehen – keine Chance mehr auf nachträgliche Änderung. Es ist schön, wenn man vieles überarbeiten kann, aber das beste Essen ist oft das simpelste. So ist es auch mit einem Livealbum. Wir haben diese Simplizität einfach übernommen und uns darin fallengelassen. Du spielst jeden Song an jedem Liveabend anders, denn wenn du nicht variierst, wirst du wahnsinnig und kannst keine Emotionen mehr vermitteln. Es ist wie das Liebemachen – du machst es auch nicht jeden Tag gleich. (lacht) Sogar von meinem Hund konnte ich lernen, denn auch der mag nicht jeden Tag dasselbe essen. (lacht) Das Leben braucht Variationen und so auch die Musik – keiner will in einem Gefängnis sitzen. Ich wusste, welches Potenzial meine Bandkollegen hatten, da gab es überhaupt keine Sorgen. Aber ich wollte auch, dass sie stolz auf das Projekt sind, auf dem sie mit ihrem Namen verewigt werden. Das ist superkomplex, weil du nicht mehr nur an dich denken kannst, sondern dich in sie hineinversetzen musst. Nach etwa vier Monaten ergab sich aber eine Richtung und jeder Raum, jede Konzertlocation, hat einen anderen Klang und ein anderes Gefühl. Die Wiener Staatsoper ist eine der schönsten Locations der Welt, es gab gar keine Chance, dieses Album ohne einen Wien-Song zu machen. Als audiophile Person wollte ich den Klang der Staatsoper so wiedergeben, dass auch Leute, die nicht nach Wien kommen, das Gefühl kriegen, wie es sich dort anfühlt. Es ist ein sehr ehrliches Album, weil sich jeder sofort in die jeweilige Location hineinversetzen kann.

Hast du bei der Recherche für dieses Album, beim Anhören der vielen alten Konzerte auch eine Entwicklung bei dir entdeckt? Wurde dir bewusst, wie du dich über die Jahre verändert und verbessert hast?
Ja, meine Stimme hat sich wirklich stark verändert. Ich wollte mich über die Jahre weiterentwickeln, mehr Instrumente integrieren, die Band vergrößern und Saxofone und Cellos einbauen. Ich habe gelernt, dass viele der wesentlichsten Veränderungen oder Verbesserungen in der Musikhistorie auf natürlichem Wege, ohne Zwang, passiert sind. Als wir die Songs auf dem Album in eine Reihenfolge brachten, habe ich das Gefühl der Musik verstanden. Welche Klangwand wir auf der letzten Tour mit den Backgroundstimmen, dem Saxofon, dem Bass und den Trompeten erschaffen haben, aber die Simplizität blieb trotzdem und die hörte ich bewusst heraus. Wir haben die Reihenfolge so zusammengestellt, dass sie für Vinyl passt. Es muss fließen. Wenn du ein romantisches Dinner hast und die richtige Musik auflegen willst, dann muss das passen und es kann aus einem Eck heraus nicht plötzlich Death Metal tönen. (lacht) Zumindest nicht nach Nat King Cole. Ich habe die Diversität beim Aneinanderreihen gespürt. Natürlich ist mir klar, dass viele digital durch Songs springen, aber ich mag den Gedanken eines konzeptionellen, durchdachten Albums. Es ist ein bisschen gegen den Trend gebürstet, aber das war eine bewusste Entscheidung. Wir waren einerseits limitiert, weil eben einige Festplatten kaputt waren, andererseits, weil wir das Ganze auf ein Doppelalbum beschränken mussten. Ich hätte gerne drei CDs gehabt, aber es gibt wohl niemand 20-25 Euro dafür aus. Für Sammler ist das großartig, aber nicht für den gewöhnlichen Musikhörer. Plattenfirmen sind wahrscheinlich weniger davon begeistert, instrumentale Musik zu veröffentlichen als Künstler. (lacht) Man muss also aufpassen, wie man das ordnet. Ich würde es lieben, einen Filmsoundtrack zu machen, weil man nicht immer Wörter braucht, um Emotionen zu kreieren. „March For Mingus“ ist so ein mehr als elf Minuten langer Song, den ich aber bewusst auf das Album geworfen habe. Live kann mir schließlich keiner sagen, was ich zu tun habe. (lacht) Solche Songs sind genauso ein Teil meiner Persönlichkeit.

Willst du Film-Soundtracks und instrumentale Musik in der Zukunft bewusst forcieren?
Nicht mit der Brechstange, es gibt aber Projekte, wo ich mich in der Form gerne beteiligen würde. Die Simplizität der Melodien beschreiben oft sehr gut eine bestimmte Musikkultur und eine Geschichte mit Songs und Tönen zu erzählen, ist einfach irrsinnig interessant. Als Instrumentalist hast du endlos viele Möglichkeiten in diesem Bereich. Als Schreiber musst du nicht der perfekte Techniker sein, sondern einfach deine Gefühle auf ein bestimmtes Bild projizieren. Ich bin sehr gut darin, ein Fundament eines Songs zu erschaffen und das passiert immer in instrumentaler Form. Es ist wichtig, immer wieder Grenzen einzureißen und sich in neuen Bereichen zu versuchen. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals wiederholt habe und manchmal braucht man einfach Ruhe, um in eine Stimmung rutschen zu können. Da reicht dann auch Musik, die nicht mit Texten durchzogen sein muss. Dafür gibt es immer Platz. Texte sind wundervoll und oft sehr bewegend, aber sie müssen nicht immer da sein.

Die musikalische Vielseitigkeit ist auf „Live In Europe“ genauso eine Stärke wie die Tatsache, dass du sehr viel Humor beweist. Etwa auf der zweiten CD, wo du den britischen Akzent nachmachst und selbst zum Lachen kommst. Waren dir diese Momente der Auflockerung ein besonderes Anliegen?
Jede Location braucht etwas Komödie und Drama, das ist Teil des Spiels. Es kann nicht das Ziel eines Künstlers sein, die Leute mit einem zu schweren Gefühl im Magen zurückzulassen. Das tut niemandem gut, auch wenn man selbst oft schwerere Songs spielt. Wenn du durch einen Abend leitest, musst du die unterschiedlichsten Formen von Emotionen unter deinen Hörern wecken. Als das passierte, ging uns der Verstärker in London ein und so musste ich diese Zeit mit dem Publikum überbrücken. Ich kann mich erinnern, als ich in Montreux spielte und Prince seitlich von der Bühne stand. Das Mikro ging nicht, aber ich sang das ganze Lied durch, weil ich davon nichts mitkriegte, obwohl die Zuseher schon auf die Bühne schrien, um mir das zu vermitteln. Das war ein furchtbares Gefühl. (lacht) Ich habe daraus gelernt und so checke ich heute alles doppelt und baue im schlimmsten Fall das Publikum ein. In diesem speziellen Fall imitierte ich nicht nur den Akzent, sondern machte auch einen sexuell anzüglichen Witz über den G-Punkt der Gitarre. Jeder im Publikum lachte in dem Moment und auch ich muss heute noch darüber lachen. In diesem Moment hat das einfach perfekt gepasst und so war es klar, dass es auf diesem Album verewigt werden muss.

Auf dem Cover präsentierst du dich in einer sehr ästhetischen Form nackt, von hinten fotografiert. Ein mutiges Statement in Zeiten des allgegenwärtigen Feminismus und der #metoo-Debatte, das gewiss von vielen falsch verstanden werden könnte…
Das bin gar nicht ich. (lacht) Ich beginne jetzt einfach, Kanye-West-Antworten zu geben, was bedeutet, jeder kriegt von mir eine andere Geschichte zum gleichen Thema zu hören. (lacht) Die Entscheidung für dieses Foto fiel lange vor dem großen Klimawandel der Feminismus-Diskussion. Das hatte und hat nichts mit diesem Thema zu tun – nicht in irgendeiner Weise. Ich kann dir deine Frage nun in zwei Teilen beantworten. Meine Entscheidung zu diesem Bild fußte darauf, was in mir steckt. Auf meinem ersten Album „My One And Only Thrill“ in Paris siehst und hörst du meine innere Schwäche, dass ich noch von nichts eine Ahnung hatte. Ich konnte nach meinem Unfall mit 18 noch nicht einmal meinen Kopf heben oder geradestehen. Auf dem Foto stehe ich sehr ruhig da und das war so, wie ich damals eben war. Auf „The Absence“ liege ich auf dem Felsen und sehe irgendwie komisch aus. Selbst der Büstenhalter wirkt seltsam, das gebe ich gerne zu. (lacht) „Currency Of Man“ war ein Foto, das wie eine Banknote wirkte. Es war ein Statement dafür, welchen Wert wir dem Menschen in diesen Zeiten entgegenbringen. Das Livealbum jetzt dreht sich um Weiterentwicklung.

Eine Weiterentwicklung im körperlichen, als auch musikalischen Sinne?
Meine physische Reise hat sich parallel zu meiner musikalischen entwickelt. Die Entwicklung vom Stehen können, dem Halten einer Gitarre und dem Singen bis zum heutigen Zustand ist ein einziger Triumph für mich. Ich fühle mich wie eine olympische Athleten, die den Schrei ihres eigenen Triumphs empfängt. Ich bin heute stark und selbstsicher und mir bewusst, dass ich sehr viel physisches und psychisches Training brauchte, bis ich dort landen konnte, wo ich heute bin. Ich sage mit diesem Album danke für die Anerkennung, die mir durch Menschen zuteilwurde. Ich wurde oft alleine gelassen und sogar Ärzte sagten mir, dass sich all das niemals zum Guten wenden würde.  Auf Tour zu sein war ein unglaublicher Stress für mich. Ich brauchte einen Rollstuhl, viele Ärzte und unterschiedliche Dosen an Medikation. Das Foto am Cover stammt von einem guten Freund von mir, denn ich war nicht ganz zufrieden mit allen anderen Ideen, die ich vorher dafür hatte. Er wählte das Foto nach Gesichtspunkten wie der Musik und dem Weg, wie ich mich fühlte. Er sagte, er würde mich sehen und nichts würde mich besser erklären als dieses Bild, weil es natürlich und schön sein würde. Wir hatten 20 Minuten im Theater und ich begann zu posen. Er sagte dann, ich solle Gitarre spielen und einfach ich sein. So entstand diese sehr frauenhafte Position, sehr simpel. Der Körper ist ein Instrument und ich bin heute selbstsicher, fühle mich frei und jeden Tag wie neugeboren. Ich bin dankbar, inspiriert und vor allem sehr stark durch alles, was in meinem Leben passierte. Ich wollte diese Stärke, die mir alle gaben, damit wiedergeben. Es geht nicht darum, stark zu sein, um seine Kleider abzulegen oder eine Kontroverse starten zu wollen – wenn es darum gehen würde, hätte ich mich von vorne gezeigt. Es ist nichts erschreckend an einem weiblichen Körper und alles steht in einem gewissen Kontext. Sex und seine Ausstrahlung werden dadurch definiert, wie wir es sehen und zulassen. Die pure Nacktheit eines menschlichen Körpers kreiert keine Provokation – es ist immer nur die Botschaft, die mitschwingt.

Die Botschaft müssen die Menschen richtig herauslesen können. Sie richtig deuten können.
Auf diesem Foto hatte ich keine Sorgen, dass ich beurteilt werde, ich wollte einfach schön, stark und natürlich sein und das ausstrahlen. Es ist ein Testament für die Musik, die mich so weit brachte. Der Feminismus unterliegt einer steten Veränderung. Alle Jahrzehnte bedeutet Feminismus oder das Frausein etwas anderes, es geht um eine konstante Evolution. Im Iran sterben Frauen beim Kampf dafür, ihr Haar offen tragen zu dürfen. Keine westliche Feministin kann ihren Stand mit den Frauen von dort vergleichen. Man sollte nie pauschalisieren. Wir springen von einer Krise zur nächsten. Ich bin nicht Gandhi, sondern nur eine Künstlerin, aber ich glaube, dass wir aufhören sollten, uns wie Ratten immer in gleichen Zirkeln zu bewegen. Wir wissen es nicht besser und machen Dinge daher oft immer wieder falsch. Es geht in der Welt nicht um das Geschlecht, sondern um die Macht. So wie Könige die Armen sterben lassen, lassen die großen Konzerne heute die normalen Bürger darben. Es gibt immer jemanden, der der Meinung ist, dass er über andere entscheiden müsse. Das Schlimme daran ist, dass das Opfer dieses Systems immer glaubt, es müsse sich anpassen, um überhaupt weiterkommen zu können. Weil es keine Wahl hat und sonst nicht gehört wird. Das ist eine geistige Vergewaltigung, die Probleme evoziert.

Unterschiedliche Machtverhältnisse ziehen sich durch alle Gezeiten…
Als ich 16 war gab es für mich gar keine Möglichkeit, ein Foto mit Duckface und aufgepushten Brüsten auf Instagram zu posten – heute kann man damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Ich finde mein Cover nicht provozierend oder offensiv, sondern vielmehr als eine Bestätigung für mich selbst, dass ich mich heute wohlfühle und voller Selbstvertrauen stecke. Es ist ein Zeichen für die Stärken der Frauen und nicht eines für die Sexualisierung. Ich bin dankbar dort zu sein, wo ich bin und diese Karriere haben zu dürfen. Ich kann heute, nach all den schlimmen Erlebnissen, sagen, dass ich stolz auf mich und meinen Körper bin. Zum Glück war mein Gesicht durch den Unfall nicht so entstellt, aber man wird wütend, wenn etwas nicht funktioniert, wie man will. Natürlich bin ich wie ein altes Auto und es gibt Dinge, die nicht so funktionieren wie bei anderen, aber heute, in meinen 30ern, fühle ich mich wohl in meiner Haut und bin mir bewusst, dass die Musik mir dorthin verhalf.

Am 4. Juli kommt Melody Gardot mit ihren größten Hits und eindringlichsten Songs im Zuge des Jazz Fest Wien 2018 in die Wiener Staatsoper. Karten für das Ereignis erhalten Sie unter 01/588 85-100 oder unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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