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23.05.2017 - 15:36
Foto: Martin A. Jöchl

Was haben Sie falsch gemacht, Herr Hofer?

17.12.2016, 17:00

Im ersten Interview nach der Niederlage gegen Alexander Van der Bellen bei der Bundespräsidentenstichwahlwiederholung vor zwei Wochen spricht Norbert Hofer (45) mit Conny Bischofberger über Trauerarbeit, Gebete und Morddrohungen.

Im Büro des Dritten Nationalratspräsidenten bereiten sich die Mitarbeiter am späten Freitagnachmittag auf die Weihnachtsfeier vor. Auf einem Tablett stehen vier weiße Kerzen vor einer der eingestampften Karten mit der Aufschrift: Danke, Österreich! Euer Norbert Hofer.

Der sitzt an seinem Schreibtisch, als Sprecher Martin Glier mich in sein Zimmer führt, vor sich das iPad, und kichert. "Ich hab' mir grad 'Maschek' von gestern Abend angeschaut, den Beitrag über die GIS", erzählt Hofer, erhebt sich und geht am Stock zur Chesterfield- Couch mit Stichen des Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer im Hintergrund. Sein Kommentar zur ORF- Gebührenerhöhung: "Irgendwann wird der Seher selbst entscheiden, was er sehen will, und nur noch dafür bezahlen." Allerdings, fügt er rasch hinzu, "erst, wenn die FPÖ in die Regierung eintritt".

Hofers Stimme klingt ein wenig heiser, er trinkt Willi Dungls "Belebender Kräuter- Grün- Tee Gute Laune" mit Kärntner Bienenhonig. Ab und zu saugt er an seiner E- Zigarette, dann strömt ein süßlicher Geruch durch den vier Meter hohen, dunklen Raum. "Riecht wie Pfeife", meint er und zieht zum Beweis das Liquid- Fläschchen aus dem Sakko. "Almpfeiferl" steht darauf.

Wenn dieses Interview erscheint, wird der FPÖ- Nationalratspräsident übrigens in Moskau sein. "Ich treffe dort Vertreter der Partei Einiges Russland und werde mir auch das Eishockeymatch Russland gegen Finnland anschauen." Der Doch- nicht- Bundespräsident nennt das Zusammentreffen mit der Putin- Partei "Pflege der internationalen Kontakte".

Foto: Martin A. Jöchl

"Krone": Herr Hofer, es ist jetzt zwei Wochen her, seit Sie zur Kenntnis nehmen mussten, dass Sie NICHT österreichischer Bundespräsident geworden sind. Tut's noch immer weh?
Norbert Hofer: Nein, nicht mehr. Ich wusste ja bereits am Wahltag beim Mittagessen im Gasthaus Zapfel, dass es sich wahrscheinlich nicht ausgeht. Der Wirt hat mich vor drei Tagen zu Hause in Pinkafeld besucht. Er meinte, er hätte mir damals am Gesicht angesehen, dass irgendetwas nicht stimmt - und so war es auch.

War das vor oder nach der Hauptspeise?
Das war noch bevor das Essen gekommen ist. Trotzdem habe ich mir die Kürbiscremesuppe, den Zander und die Nachspeisenplatte noch schmecken lassen ... Ich bin jemand, der Dinge sehr schnell verarbeiten kann. Wenn ich traurig bin, brauche ich nur ein bisschen Zeit für mich, um die Dinge neu zu ordnen.

Wie sah diese Trauerarbeit aus?
Ich habe am Montag eine lange Mountainbike- Tour gemacht, ganz allein. Da war es wirklich kalt, und ich habe mich verkühlt. Ab Mittwoch lag ich dann im Bett und hatte zwei Tage Zeit, nachzudenken.

Was ging da durch Ihren Kopf?
All die Pläne, die ich mir für 2016 gegen Jahresende gemacht hatte, und die durch diesen langen Wahlkampf total über den Haufen geworfen wurden, tauchten wieder vor meinen Augen auf. Und wie es jetzt weitergeht.

Es gibt dieses Foto von Ihnen und Ihrer Frau, die ihre Tränen nicht verbergen kann. Wem galten diese Tränen?
Es waren keine Tränen des Selbstmitleids. Ich glaube, es waren vor allem Tränen des Mitleids für mein gesamtes Team. Weil auch die Mitarbeiter geweint haben. Alle waren so voller Hoffnung, dass es gelingt. Da ist auch meine Frau weggebrochen.

Enttäuschung bei Verena und Norbert Hofer
Foto: APA/Hans Klaus Techt

Haben Sie auch geweint?
Nein, obwohl ich schon nahe am Wasser gebaut bin. Aber bei mir sind es andere Dinge, die mich zum Weinen bringen. Ein trauriger Film oder eine Musik, die mir ans Herz geht.

Welche zum Beispiel?
Udo Jürgens. "Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient." Das hat meine Frau einmal im Radio spielen lassen nach meinem schweren Unfall.

Fühlen Sie sich als Verlierer?
Hofer nimmt einen tiefen Zug aus dem "Almpfeiferl" und sagt dann mit fester Stimme: Nein. Es ist mit Abstand das beste Wahlergebnis in der Geschichte der FPÖ.

Trotzdem haben Sie die Wahl verloren. Gute Verlierer zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Gewinner letztlich den Triumph ehrlich gönnen. Ist das bei Ihnen so? Freuen Sie sich für Herrn Van der Bellen?
Ich freue mich nicht, dass Van der Bellen gewonnen hat. Es wäre unehrlich, das zu behaupten. Aber ich wünsche ihm alles Gute, damit er diese Aufgabe so gut wie möglich erledigt.

Was haben Sie falsch gemacht? Von 49,7 Prozent bei der letzten Stichwahl auf 46 Prozent bei der Stichwahlwiederholung: Was ist da passiert?
Ich glaube, es war die Dauer des Wahlkampfs. Das ganz große Interesse, das am Anfang für diese Wahl da war, ist abgeflaut. Viele dachten sich vielleicht auch: Die FPÖ ist schuld, dass wir jetzt das ganze Jahr Wahlkampf haben, und haben deswegen anders gewählt. Nichtsdestotrotz war es ein gutes Ergebnis, denn ich habe es ja nicht ganz leicht gehabt.

"Alle gegen einen" - war das Ihr Eindruck?
Ja, und es war nicht nur ein Eindruck. Es haben ja die SPÖ, der Obmann der ÖVP, ehemalige ÖVP- Obleute, die NEOS, die Grünen, alle gemeinsam Van der Bellen unterstützt. Da ist es nicht einfach zu bestehen. Und dann die Sache mit den zwei Gesichtern. Dieses Gerücht, ich würde mich verstellen. Jetzt ist der Wahlkampf vorbei und die Menschen werden sehen, dass ich immer noch so bin wie ich vorher war.

Waren Sie vielleicht im Finale zu aggressiv?
Nein. Weil ich Dinge eben anspreche. Wenn Unwahrheiten da sind, dann sage ich das auch. Das wird bei mir immer so sein.

Also fällt Ihnen kein Fehler ein, den Sie selbst zu verantworten haben?
Ich wüsste nicht, was ich anders hätte machen können. Die Dinge sind so, wie sie sind. Deshalb konzentriere ich mich jetzt auf andere Aufgaben. Jene hier im Parlament. Aber auch auf die Übersiedlung. Und ich werde mithelfen, die Inhalte in meiner Partei zu vertiefen. Wir bereiten uns auf Regierungsverantwortung vor, da ist es wichtig, dass die Inhalte stimmen. Wir werden auch ein Grundsatzpapier erstellen, wo wir jene Punkte festlegen, die umgesetzt werden müssen, wenn die FPÖ regiert. Den Ausbau der direkten Demokratie zum Beispiel.

Sie haben diesen interessanten Satz gesagt: "Man hat einen schlafenden Bären in mir geweckt." Was macht der Bär jetzt?
Er nascht am Honigtöpfchen. (Hofer grinst und zeigt auf das Glas mit dem Kärntner Bienenhonig.) Nein, im Ernst: Ich war bis Jänner relativ unbekannt und habe das auch genossen, nicht bekannt zu sein und trotzdem inhaltlich in meiner Partei viel beizusteuern. Aber dann habe ich gezeigt, dass ich wahlkämpfen kann, auch als Spitzenkandidat. In sechs Jahren werde ich das wieder tun. Da bin ich 51 und endlich im richtigen Alter.

Ein Wahlspruch von Ihnen war: "So wahr mir Gott helfe". Würden Sie Gott wieder anrufen?
Ich war am Wahltag in der Kirche und habe ihn einfach gebeten, die Entscheidung so zu treffen, wie sie aus seiner Sicht richtig ist.

Und Gott hat sich für Van der Bellen entschieden?
Er hat sich dafür entschieden, dass ich jetzt andere Aufgaben zu erfüllen habe. Ich mache jetzt zum Beispiel den Flugschein und werde zu Terminen in anderen Bundesländern auch einmal selbst hinfliegen können.

2,124.661 Österreicher haben Ihnen ihre Stimme gegeben. Wären Sie damit nicht der bessere FPÖ- Obmann?
Nein. Das ist etwas, was mir nicht liegt. Eine Partei braucht jemanden, der sie eng zusammenhält und deren Chef in der Opposition auch einmal etwas schärfer auftritt. Die Kombination zwischen Heinz Christian Strache und mir ist deswegen so optimal, weil wir einander perfekt ergänzen.

Sind Sie konzilianter?
Das ist ein guter Begriff, das gefällt mir.

Wie viel Prozent der Stimmen sind bei den nächsten Nationalratswahlen für die FPÖ drin?
Das Ziel von SPÖ und ÖVP ist klar: Man will die Große Koaliton mithilfe der Grünen als Mehrheitsbeschaffer fortsetzen, weil sich die 50 Prozent möglicherweise nicht mehr ausgehen. Diese Form der Zusammenarbeit hat sich aber abgenutzt. Es würde alles so bleiben, wie es ist, die ganzen Strukturen. Das wäre nichts anderes als ein Rückschritt. Wir können das nur dann aufbrechen, wenn wir so stark werden, dass wir ein Drittel der Mandate erreichen, plus ein Mandat. Also rund 33 Prozent. Bei guten Inhalten, gutem Personal und einem guten Wahlkampf ist das möglich.

Foto: Martin A. Jöchl

Aber selbst wenn das gelingen sollte und wenn Alexander Van der Bellen Strache mit der Regierungsbildung beauftragen sollte, werden Sie keinen Partner finden.
Das sehe ich nicht so. Ich halte das für extrem unwahrscheinlich, dass wir keinen Partner finden, wenn die FPÖ so stark ist, dass ohne sie keine Verfassungsgesetze gemacht werden können. Dann hätte eine Dreierkoalition der anderen Parteien eine ganz, ganz geringe Überlebenschance.

Wann wird gewählt?
Ich glaube, wenn Kurz für die ÖVP antreten sollte, worauf wir uns einstellen, dann würde er seinen OSZE- Vorsitz nutzen und es schon dieses Jahr machen. Dann gäbe es möglicherweise vorzeitige Wahlen. Aber das ist alles Spekulation.

Wäre Kurz ein schwerer Gegner?
Das wird man erst im Wahlkampf sehen. Kurz hat viele Stärken, aber er hat auch eine Schwäche und das ist seine Partei. Er wird die Maßnahmen, die er ankündigt, ganz schwer oder gar nicht umsetzen können.

Herr Hofer, haben Sie das Posting Ihres Unterstützers Felix Baumgartner gesehen, der ein Foto von Alexander Van der Bellen mit Bier und Sekt auf Facebook gestellt und sich über den gewählten Bundespräsidenten abfällig geäußert hat?
Ich kannte das Foto. Man hat mir das auch zugeschickt, aber ich habe es natürlich nicht verwendet. Für mich zeigt es einen Mann, der gerade einkaufen war. Ich glaube, den Menschen, der noch nie ein Bier oder eine Flasche Sekt gekauft hat, gibt es nicht in Österreich.

Was sagen Sie dazu?
Das sind Peanuts im Vergleich zu dem, was über mich gepostet worden ist. "Fuck Hofer!" "Wann bringst du dich endlich selber um?", "Pass auf deine Tochter auf." "Wir sprengen dich am 4. Dezember in die Luft!" Gerade vorgestern kam wieder eine Morddrohung.

Nehmen Sie das ernst?
Ja, wir haben es an den Verfassungsschutz weitergegeben. Er klärt den Ernst der Lage ab. Bei größeren Veranstaltungen habe ich Personenschutz, Dauerüberwachung Gott sei Dank nicht mehr. Ich habe auch keine Angst, denn sterben werde ich auf jeden Fall.

Wie geht es Ihrer Frau jetzt?
Meine Frau hätte ihren Job als Pflegehelferin aufgeben müssen, jetzt kann sie ihre Arbeit weitermachen. Trotzdem hätte sie das irrsinnig gern mit mir gemacht. Was mich am allermeisten ärgert: Ich hätte CETA abbiegen können. Das können wir jetzt nur noch verhindern, wenn es vorzeitige Neuwahlen gibt und die FPÖ gewinnt.

Und Ihre Tochter? Sie war so stolz auf Sie …
Sie ist noch immer stolz auf mich. Die Anni kann jetzt ihre Schule im Südburgenland weiterbesuchen. Keine Nachteile ohne Vorteile. Aber in sechs Jahren ist sie schon fertig damit.

Foto: Peter Tomschi

Was ziehen Sie für einen Vorteil aus der Niederlage?
Eine Niederlage ist immer ein Steigbügel. Ich habe in diesem Jahr zwei Dinge gelernt. Erstens, dass ich körperlich ganz schön viel aushalte. Und zweitens, dass du nicht unbedingt ein Hai werden musst, um im Haifischbecken Politik zu überleben.

Nur ein Bär … Der ist aber auch ein gefährliches Raubtier und kann Gegner ganz leicht zerfleischen.
Als Ewald Stadler noch eine große Nummer war, wurde er immer Dobermann genannt. Ich wurde Landesparteisekretär, da fragte mich eine Journalistin: "Sind Sie auch ein Dobermann?" Ich habe gesagt: "Nein, ich bin ein Cockerspaniel." Ich war dann lange der Cockerspaniel. Aber um auf den Bär zu kommen: Zerfleischen werde ich niemanden. Ich bin kein Grizzly. Eher ein Panda.

Zur Person
Geboren am 2. März 1971 in Vorau (Steiermark), aufgewachsen in Pinkafeld. Ausbildung zum Flugtechniker, danach Systemingenieur bei der Lauda Air. In der Politik seit 1994. Vizebundesparteiobmann der FPÖ, seit 2013 Dritter Präsident des Nationalrates. Am 4. Dezember unterliegt Hofer in der Stichwahlwiederholung Van der Bellen um 348.231 Stimmen. Vater von vier Kindern, in zweiter Ehe mit der Altenpflegerin Verena verheiratet.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

Redaktion
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