Mi, 22. November 2017

Wahlkrimi eskaliert

07.10.2017 18:15

Kanzlerberater bombardiert Kronzeugin per WhatsApp

14 Handy-Textnachrichten belasten nur sieben Tage vor der Wahl nun noch zusätzlich die SPÖ und Parteichef Christian Kern: Ein Berater und Redenschreiber des Kanzlers setzt Anna J., die Kronzeugin des Silberstein-Skandals, via Mobiltelefon unter Druck - und er bietet der jungen Frau auch Schweigegeld an. Wie berichtet, hat die Übersetzerin die gesamte Schmutzkübel-Kampagne sowie die Hauptverdächtigen der Facebook-Hetze gegen Sebastian Kurz auffliegen lassen.

"Anna ist mit den Nerven am Ende. Sie hält das nicht mehr aus und ist jetzt in psychotherapeutischer Behandlung. Wir wollen, dass sie in Ruhe gelassen wird", schiebt eine Vertraute von Anna J. das goldgerahmte Mobiltelefon ihrer Freundin über den Tisch in einem Wiener Innenstadt-Café. Am Display ist der WhatsApp-Nachrichtendienst offen. "Sie müssen sich bitte ansehen, was da jetzt abläuft", zeigt Annas Freundin auf die Textnachrichten, die von der Telefonnummer +43 699 153 2x xxx kommen. Es ist die Handy-Nummer von Rudi Fußi, einem Berater und Redenschreiber des Kanzlers der Republik Österreich.

Der Besitzer einer kleinen Wiener Marketingagentur ging noch kürzlich in der SPÖ-Parteizentrale in der Löwelstraße sowie in der SPÖ-Parteiakademie in Wien-Altmannsdorf ein und aus, auch belastende E-Mails des Dirty-Campaigning-Spezialisten Tal Silberstein, die ebenfalls der "Krone" vorliegen, wurden in Kopie an ihn geschickt.

"Du versenkst die ganze Partei. Warum?"
Seine Handy-Nachrichten an die Kronzeugin des Wahl-Krimis lassen darauf schließen, dass die Nerven des Vertrauten der SPÖ-Parteiführung kurz nach dem Auffliegen der ganzen Schmutzkübel-Affäre blank liegen. So schreibt Fußi am Donnerstag um 13.13 Uhr: "Anna, ich will nur verstehen: Warum?" Dann um 13.14 Uhr: "Du versenkst die ganze Partei. Warum?" Wenige Sekunden später die nächste WhatsApp-Nachricht: "Meine privaten Mails liegen bei denen. Warum hast du denen alles gegeben?"

Der Kanzlerberater dürfte in Panik sein, dass Anna J., die von ihrem Arbeitsplatz mitten in der SPÖ-Wahlkampfzentrale in der Wiener Löwelstraße die gesamte Korrespondenz mit Tal Silberstein übersetzt hat, nun alle vertraulichen Dokumente an Medien und an die Justiz weitergeben könnte.

"Glaub mir, so ein Leben willst nicht führen"
Ab 13.20 Uhr werden die Textnachrichten dann rauer: "Du kommst da auch nimma raus. Du bist die Einzige, die alle Mails bekommen hat." Fußi wird direkter: "Glaub mir, so ein Leben willst nicht führen. Oder glaubst du, die Partei lässt dich in Ruhe, wenn du sie versenkst? Die klagen dich in Grund und Boden und zerren dich durch die Arena."

Anna J. antwortet nicht. Um 15.30 Uhr startet Fußi über WhatsApp seinen nächsten Versuch, die Kronzeugin im Silberstein-Krimi wieder auf die Seite der SPÖ zu ziehen, und erwähnt dabei auch den Kanzler: "Ich kann dafür sorgen, dass dir rechtlich nichts passiert. Aber nicht mehr lange. Geh in dich, Mensch, ck hat das nicht verdient."

Da alle Überredungsversuche scheitern, schickt der Kanzler- und Wahlkampfberater der SPÖ um 15.35 Uhr ein Schweigegeld-Angebot: "Egal, was dir die VP dafür gegeben hat. Ich gebe dir das Doppelte und sorge dafür, dass dir rechtlich nichts passiert." Anna J. antwortet wieder nicht.

"Morgen Deal oder ich kann dir nimma helfen"
Spät abends, um 22.33 Uhr, schickt Rudi Fußi seine letzte WhatsApp-Nachricht an die Ex-Mitarbeiterin von Tal Silberstein: "Entweder wir machen das morgen oder der Zug ist abgefahren." Und er erhöht nochmals den Druck auf die junge Frau: "Sie haben deine Telefonprotokolle. Und klagen dir wohl den Arsch weg. Morgen Deal oder ich kann dir nimma helfen."

Auf Anfrage der "Krone", ob diese WhatsApp-Nachrichten tatsächlich von ihm seien, bestätigt Rudi Fußi: "Selbstverständlich. Meine privaten Mails wurden weitergegeben, da verstehe ich keinen Spaß."

SPÖ distanziert sich von Fußi
Das interimistische Bundesgeschäftsführer-Duo Christoph Matznetter und Andrea Brunner reagierten entsetzt, "mit welchen Methoden Kommunikationsberater und Kabarettist Rudi Fußi gegen die ehemalige Mitarbeiterin von Tal Silberstein Anna J. vorgegangen ist". Solche "Einschüchterungsversuche" seien "unentschuldbar und keinesfalls im Sinne der SPÖ". Fußi sei weder Parteimitglied, noch stehe er in einem Auftragsverhältnis zur SPÖ, versuchten sich Brunner und Matznetter von Fußi zu distanzieren.

Die SPÖ habe über ihren Anwalt die Dolmetscherin zur Kooperation eingeladen, um die Ereignisse rund um geleakte Mail-Korrespondenzen, Konzepte und Dokumente aus dem Wahlkampf aufzuklären. "Wir werden jedenfalls in aller Ruhe und Konsequenz in Zusammenarbeit mit den Behörden zu einer vollständigen Aufklärung beitragen", erklärten Brunner und Matznetter.

Kommentar von Claus Pandi: Geistiges Eigentum
Am Freitag, dem 8. September 2017 um 19.00 Uhr, wenige Stunden vor Bekanntwerden der  von Kanzler-Berater Tal Silberstein initiierten Schmutzkübel-Affäre gegen ÖVP-Chef Sebastian Kurz, hatte sich der damals noch im Amt befindliche SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler zu Wort gemeldet. In Niedermühlbichlers schriftlicher Erklärung heißt es sinngemäß, der SPÖ sind interne Daten gestohlen worden. Wie wir heute wissen, handelt es sich bei diesen Daten im Wesentlichen um die Silberstein-Papiere.

Gestohlen kann einem nur werden, was einem gehört. Und mit der damaligen SPÖ-Mitteilung war bereits geklärt, dass es sich bei den schmutzigen Pläne für diesen schmutzigen Wahlkampf  um das geistige Eigentum der Kanzler-Partei handelt. Jede weitere Debatte über deren Ursprung ist daher müßig.

Wie sich jetzt nun herausstellt, hat ein weiterer Handlanger von Bundeskanzler Christian Kern die Person, die man des Datendiebstahls in der SPÖ verdächtigt, außerhalb der rechtlich möglichen Schritte unter Druck zu setzen versucht. Das sagt einiges über die dahinter stehende Geisteshaltung aus.

Was sich hier seit Wochen im österreichischen politischen Betrieb auf beklemmende Weise offenbart, ist der Überlebenskampf eines morschen Systems. Wir erleben, wie ein Apparat sich verzweifelt gegen den selbst und im Alleingang verschuldeten Untergang wehrt. Und was wir sehen, ist nicht schön.

Richard Schmitt
Chefredakteur krone.at
Richard Schmitt
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