Das freie Wort

Europas gefährlicherDämmerschlaf

Als Oberst Stefan Lekas, stellvertretender Militärkommandant von Kärnten und mehrfacher Auslandseinsatzveteran – von Afghanistan bis zum Westbalkan –, dieser Tage die „werten Inselseligen“ zum Aufwachen aufforderte, war das kein rhetorischer Ausritt, sondern eine sicherheitspolitische Lagebeurteilung. Wer seine Worte als Alarmismus abtut, verkennt: Hier spricht kein Provokateur, sondern ein Offizier mit operativer Erfahrung und strategischem Überblick. Lekas erinnert an den oft verdrängten zweiten Satz unseres Neutralitätsgesetzes: Neutralität ist „mit allen zu Gebote stehenden Mitteln“ zu verteidigen. Genau dieser Halbsatz wurde über Jahrzehnte politisch sediert. Wir haben uns an die Illusion gewöhnt, Neutralität sei ein Schutzschild, der ohne Investition funktioniert. In Wahrheit ist sie ein Leistungsversprechen. Ohne glaubwürdige Abschreckung bleibt sie eine moralische Dekoration. Der europäische Kontext verschärft die Lage. Seit dem EU-Beitritt sind wir Teil einer sicherheitspolitischen Solidargemeinschaft. Während andere Staaten ihre Verteidigungsbudgets erhöhen, Rüstungskooperationen vertiefen und strategische Resilienz aufbauen, diskutieren wir noch immer, ob vier Milliarden Euro für Landesverteidigung „zu viel“ seien – bei über 50 Milliarden für Soziales und Gesundheit. Soziale Sicherheit ist essenziell. Aber ohne äußere Sicherheit gleicht sie einem prachtvoll eingerichteten Haus ohne Fundament. Europa hat militärische Fähigkeiten an die USA delegiert, Energieabhängigkeit vom Osten in Kauf genommen und Lieferketten nach Asien verlagert. Die geopolitische Quittung liegt nun auf dem Tisch. Wer jetzt weiter von der „guten alten Zeit“ träumt, betreibt sicherheitspolitische Nostalgie – und riskiert strategische Bedeutungslosigkeit. Als interessierter Bürger (in Uniform) kann ich nur unterstreichen: Abschreckung ist kein Säbelrasseln, sondern Friedenspolitik mit Substanz. Neutralität verlangt Fähigkeiten, nicht Folklore. Wenn wir wollen, dass Österreich in einem selbstbewussten Europa mitgestaltet statt mitläuft, müssen wir investieren – in Wehrfähigkeit, in Resilienz, in strategische Klarheit. Lekas hat recht: Aufwachen ist keine Zumutung. Es ist überfällig.

John Patrick Platzer, Rauth

Erschienen am Do, 26.2.2026

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