17.12.2017 08:16 |

"Krone"-Interview

Wie war das mit den Männern, Frau Mangold?

Nach 71 Jahren nahm die große Erni Mangold (91) diese Woche Abschied von der Theaterbühne. Mit Conny Bischofberger spricht sie über das Leben und die Liebe, ihre Erinnerungen an die Nazizeit - und die neue österreichische Regierung.

Barfuß und schimpfend öffnet uns Erni Mangold die Tür zu ihrem Waldviertler Haus, das am Ende des "Professor Erni Mangold Wegs" in der Gemeinde St. Leonhard liegt. "Wolltet's ihr ned am Sonntag kommen?" Am Telefon meinte sie auf die Frage, ob ihr Freitag 11 Uhr passen würde, nur: "Ist mir wurscht!", und legte auf.

Es passe ihr grad gar nicht, grantelt sie herum, "immer dieser Stress. Das hört wohl nie auf!" Und mit tadelndem Blick auf unsere Schuhe: "Die müsst ihr aber ausziehn!"

Die Schauspielerin, die am vergangenen Mittwoch das letzte Mal auf der Theaterbühne stand, trägt eine graue Strickjacke und hat ihre Haare hochgesteckt. "Auf den Erni-Mangold-Weg bin ich schon stolz", meint sie später, schon etwas versöhnt, in der Küche, "in Wien kriegt man sowas erst, wenn man gestorben ist." Vergnügtes Kichern. Die 91-Jährige liebt schwarzen Humor. Früher hat in dem 300 Jahre alten Domizil noch ein Papagei namens "Bazi" mit ihr gelebt, er wurde 42 Jahre alt. "Gott sei Dank ist er endlich tot", sagt sie, "am Ende hat er nur noch 'Leck mi am Oasch' gerufen." Von wem er das wohl hatte?

Jedenfalls ist es ein gutes Stichwort. Auch ihr Erinnerungsbuch heißt "Lassen Sie mich in Ruhe" (erschienen 2011 im Amalthea-Verlag), dabei ist sie mit jedem per Du. Bevor es losgeht, zieht sie sich noch schnell die Lippen nach.

"Krone": Frau Mangold, Sie sind eine österreichische Institution: Ungehobelt, zornig und stur. Wo liegt eigentlich die Wurzel für Ihre Kratzbürstigkeit?
Erni Mangold: Ich bin immer eine Anarchistin gewesen. Nie mit, sondern immer gegen den Strom geschwommen. Kein Wunder, nach dem Krieg, die ganze Nazi-Scheiße, das war grauenhaft! Ich war erst zwölf, als Hitler kam, aber mir ist schon damals das Würgen hochgekommen, ich habe mich geekelt vor dem Regime. Auch im Knödel-Gymnasium, alles Nazis! Die Familie meiner jüdischen Freundin wurde vergast. Aber eigentlich bin ich ja gar nicht kratzbürstig, nur keine so verlogene Gurk'n.

Sie sind 1955 nach Deutschland gegangen. War es eine Flucht?
Überhaupt nicht. Ich war einfach froh, aus Wien wegzukommen. Ich hatte keine Ruhe, die Männer waren hinter mir her, dass es ein Graus war. Dieses #metoo ist in unserer Generation in einer ganz anderen Form abgelaufen. Das war ja das Furchtbare, dass sich damals jeder Mann das Recht herausgenommen hat, über dich herzufallen. Ein Mann konnte der Frau auf den Hintern greifen oder ihr den Rock hochheben. Gott sei Dank war ich immer sehr stark und konnte mich wehren.

Wie oft ist Ihnen das passiert?
Ich wurde viermal überfallen. Wenn du damals einem Mann eine Ohrfeige gegeben hast, dann hat er zurückgeschlagen. Du hattest nur eine Chance: wenn du einen Freund hattest, der dem eine runtergehaut hat.

Haben Sie diesen Männern Ohrfeigen gegeben?
Nein, aber einen Tritt in die Eier (lacht). Und zwar einem Ami, der mich vergewaltigen wollte. Der hat mich auch entführt, ist eine lange Geschichte. Steht alles in meinem Buch.

Ist die #metoo-Bewegung wichtig?
Sie ist wahnsinnig wichtig. Weil sie zeigt, wie weit wir gekommen sind. Damals, nach dem Krieg, hatten dich alle ausgelacht, wenn du sowas angezeigt hättest.

Sie waren die Weggefährtin von Helmut Qualtinger, von Gustaf Gründgens, von O.W. Fischer und von Peter Patzak. Wie war das mit den Männern?
Ach. Da gibt es eine schöne Geschichte. In der Josefstadt hat eine junge Frau ihrem Mann einmal das Programm über den Schädel g'haut. Er hat angeblich auf meinen Popo geguckt, ich hatte so ein hübsches kleines Hoserl an und habe getanzt und auf der Bühne einen Striptease gemacht. Da hat die Frau zu ihrem Ehemann gesagt: "Wenn du noch einmal auf den Popo von der Mangold schaust, hau ich dir das Programm auf den Schädel." Und so war's dann. Die Frauen haben mich nie gemocht, weil sie dachten, ich nehme ihnen ihre Männer weg. Ich bin halt jeden Tag mit einem anderen Burschen ausgegangen und habe auf den Tischen getanzt. Ich war nicht so verklemmt wie die anderen. Manchmal sagten sie: "Die Mangold ist ja eigentlich ganz nett, weil ihr die Kinder und die Hunde zugehen." Das hat mich gekränkt.

Enfant terrible?
Das ist ein viel zu netter Ausdruck. Ich war in deren Augen eher eine Nutte, aber mein Gott. Nach dem Krieg war ich mit dem Qualtinger zusammen, wir waren wie zwei streunende Hunde. Nie vor sechs Uhr früh nach Hause gekommen, immer diesen grauslichen Wein getrunken. Ich fand das wahnsinnig schön.

Und Gustaf Gründgens?
Hat mich in die Hamburger High Society eingeführt. Die ganzen Reichen waren sehr, sehr unangenehm. Auf einer dieser Nullachtfünfzehn-Partys hat mir ein Ehepaar ein Angebot gemacht: "Drei Tage Venedig und einen Nerzmantel". Ich hab gesagt: "Den Nerzmantel könnt ihr euch um den Hals schmieren." Andere Frauen haben das schon gemacht. Aber ich war immer unbestechlich. Immer.

Hat Sie das unabhängiger gemacht?
Nein, es hat mir nur Zores gebracht.

20 Jahre lang waren Sie mit dem Schauspieler Heinz Reincke verheiratet. Glücklich?
Es war furchtbar lang. Ich hätte zehn Jahre vorher weggehen sollen. Er war ein gutmütiger Mensch, aber ein schwerer Alkoholiker. Gründgens hat beim Abschied zu mir gesagt: "Das ist ein kleiner Idiot, dein Mann. Du musst auf ihn aufpassen." Das habe ich gemacht, wie eine Aufgabe, die einem zugeschanzt wird.

Aber Sie tragen ein goldenes Herz von ihm?
Das ist kein Herz. Das war mein Ehering. Er war so dick, dass ich dreimal hängen geblieben bin, da habe ich ihn einschmelzen lassen. Es ist mein einziger Schmuck, alles andere ist mir eh gestohlen worden.

Gab es einen Traummann?
Nein. Meine Traummänner waren die Kumpels vom "Gutruf" (Anm.: Ein Club im ersten Wiener Gemeindebezirk). Dort bin ich immer wie eine Besonderheit behandelt worden, auch wenn ich besoffen war. Ich glaube, Traummänner wünschen sich nur Prinzessinnen. Aber ich habe schon als kleines Kind am Land immer lieber den Prinzen gespielt, weil ich den viel interessanter fand.

Hätten Sie gern Kinder gehabt?
Ich konnte keine kriegen, also habe ich mich damit abgefunden. Ich war ja ein Kriegskind, wir haben nichts gegessen, wahrscheinlich war meine Gebärmutter völlig verkümmert. Ich hatte vier Fehlgeburten. Aber als ich dann unterrichtet habe, da hab ich genug Kinder gehabt und viel von ihnen gelernt. Ich verstehe mich bis heute mit jungen Leuten besser als mit alten.

Sie wurden vielfach ausgezeichnet, wo bewahren Sie alle Preise und Erinnerungen auf?
Ich bin wie der alte Marcel Prawy. Es liegt alles ungeordnet in so Nylonsackerln herum. Mir ist das völlig wurscht, was einmal damit passiert. Sollen sie es von mir aus wegschmeißen.

Vergangenen Dienstag standen Sie das letzte Mal in "Harold und Maude" in den Kammerspielen der Josefstadt auf der Bühne. Macht Sie der Abschied wehmütig?
(Erni Mangold ballt ihre Hände zu Fäusten.)
Wehmütig, so ein Blödsinn! Wenn im Leben etwas vorbei ist, darf man sich nicht festkrallen. Die Entscheidung ist ja nicht von heute auf morgen gefallen. In meinem Alter kommen halt so Kleinigkeiten, einmal hoher Blutdruck, dann eine Infektion, dann platzt dir ein Äderchen. Ich habe gespürt: Das nagt an meinem Leben, es schneidet mir die Energien ab. Ich bin trotzdem aufgetreten. 75-mal hintereinander, jeden Abend! Manchmal hab ich mir gedacht: Hoffentlich schaffe ich das.

Ist jetzt wirklich Schluss?
Ja, ja, ja. Ich mache aber noch Film und Fernsehen.

"Sie ist eine der größten Schauspielerinnen unserer Zeit, ein Monstrum an Wahrhaftigkeit", hat Michael Schottenberg über Sie gesagt. Freut Sie das?
Wenn er das sagt, dann finde ich das schön.

Was wird einmal von Erni Mangold bleiben?
Goar nix. Als mir der Qualtinger den Herrn Karl gezeigt hat, habe ich gesagt: "Helmut, damit wirst du unsterblich." Er hat gemeint: "Geh!" Na, recht habe ich gehabt. Aber das ist nicht jedem gegeben. Ich bin nicht Einstein oder Mozart. Wenn ich einmal tot bin, wird sich vielleicht irgendjemand noch an die Mangold erinnern. Aber ein paar Jahre später weiß es schon keiner mehr. Das finde ich völlig okay.

Glauben Sie, dass nach dem Tod noch etwas kommt?
Nein. Wie oft soll ich das noch erklären? Nach dem Tod ist es aus. Du bist weg und kommst nicht wieder. Vielleicht schweben meine Energien dann noch irgendwo herum, in einer Fliege oder in einem Schmetterling, was weiß man.

Wie lange möchten Sie noch leben?
Was heißt noch? Was heißt möchten? Das einzige, was du tun kannst, ist Bewegung. Wenn ich nicht jeden Tag Krafttraining machen würde, dann hätte ich mein Leben nicht so gut im Griff. Mit 91 liegst du schneller im Sarg, als du glaubst! Du musst was tun. Weil die Gene machen es nicht und der liebe Gott auch nicht.

Nächsten Sonntag ist Heiliger Abend. Mögen Sie Weihnachten?
Ich habe noch immer die Kuhglocke, mit der meine Mutter dem Christkind geläutet hat. Aber feiern tu ich es schon lange nicht mehr. Als ich verheiratet war, musste ich immer einen riesigen Christbaum kaufen, es musste eine Gans gegessen werden, ich fand das zum Kotzen. Ich hatte dann Vorstellung bei Gründgens und habe nach Gans gestunken, furchtbar! Heute habe ich nicht einmal mehr einen Adventkranz.

Während wir uns hier unterhalten haben, sind in Wien die Regierungsverhandlungen in die letzte Runde gegangen. Was sind Ihre Bedenken als Sozialdemokratin?
Die Bedenken sind, dass es ein Zurück sein wird in jeder Hinsicht. Bei der Bildung, bei der Migration, bei der Sicherheit. Deshalb werde ich auf meine alten Tage am Montag noch einmal auf eine Demo gehen. Ich spüre das in den Knochen, es wird alles furchtbar. Ich sage dir, ich bin fertig mit den Nerven.

Zur Person
Geboren am 26. Jänner 1927 als Tochter einer Künstlerfamilie im Weinviertel, aufgewachsen in Wien. Ihre Laufbahn begann vor 71 Jahren (1946 Theater in der Josefstadt, ab 1955 Schauspielhaus in Hamburg, danach Düsseldorf). Erni Mangold spielte in unzähligen Filmen und TV-Produktionen. Sie unterrichtete an der Theaterschule Kraus, am Reinhardt-Seminar und an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. Von 1958 bis 1978 war sie mit dem Schauspieler Heinz Reincke verheiratet. Heute lebt sie in einem 300 Jahre alten Haus im Waldviertel.

Interview: Conny Bischofberger

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