Mi, 15. August 2018

Tag 2 in St. Pölten

16.08.2017 15:48

Frequency 2: Zwischen Mozart und Avicii

Sichere Bänke auf der Hauptbühne mit Placebo sowie Bilderbuch und die sonst oft spärlich besuchte "Weekender Stage" als heimlicher Tagessieger in Sachen Stimmung: Der zweite Tag des Frequency-Festivals in St. Pölten überraschte mit einer Programmierung, die altgediente Bands mit zeitgemäßen Acts zu vereinen verstand. Und der Auftritt des Wiener Rappers Yung Hurn entpuppte sich als das geheime Publikums-Highlight.

Nach der Gluthitze am Dienstag beruhigte sich das Wetter beim Frequency am zweiten Tag etwas. Wolken zogen über St. Pölten, konnten die Schwüle aber nicht ganz verhindern - dennoch war die Gefahr von Sonnenbränden nicht mehr gegeben. Musikalisch brannte hingegen eine ganze Armada an internationalen Top-Stars aus den unterschiedlichsten Stilbereichen ein Feuerwerk ab.

Bunter Stilmix
Dank Fiva x JRBB gab es einen für das Frequency ungewöhnlichen Auftakt mit Streichern, der dann auf der Hauptbühne in beschwingten Bigband-Sound mündete. Einen "wunderschönen guten Morgen" wünschte Rapperin Nina Sonnenberg ihrem Publikum am Nachmittag. Gute Laune war jedenfalls das Motto der einheitlich mit roten Jacken bekleideten Combo, die einen eingängigen Mix aus Soul, Hip Hop und Reggae vorlegte, der äußerst begeistert angenommen wurde. Beim Song "Goldfisch" steuerte dann noch Kevin Andre seine Stimme bei, ein beherztes Saxofon-Solo und der druckvolle Follower "Einen Sommer lang nur tanzen" waren dann in Summe die Zutaten dafür, dass der Opener als Idealbesetzung bezeichnet werden konnte. Noch war das Publikum nicht sehr zahlreich vorhanden, dafür aber von Anfang an begeistert.

Schon relativ früh zeichnete sich aber ab, dass die wahre Stimmung indoor vonstattenging. Während die britische Folk-Band Bear's Den mit quasi vor Ausschluss der Öffentlichkeit die opulente "Space Stage" bespielte, füllte sich die "Weekender Stage" beim Stuttgarter Cloud-Rapper RINnfast bis in die letzten Ecken. Gemeinsam mit dem österreichischen Rap-Mysterium Yung Hurn gelang ihm mit "Bianco" ein Sommerhit für eine ganze Generation Feierwütiger, die sich auch beim Frequency von den dicken Beats zu Moshpits animieren ließ. So brachten Hunderte Teenager die Veranstaltungshalle zum Überkochen - was sich auch bei Nimo oder Karate Andi nicht mehr ändern sollte. Hier gab es auf jeden Fall den Sound der Zukunft hören.

Cloud-Rap-Phänomen
Der Siedepunkt des Festivals fand nämlich drinnen statt - der Wiener Cloud-Rapper Yung Hurn sorgte für einen fast problematischen Besucherandrang im VAZ: Gegen 21 Uhr mussten wartende Festivalbesucher zeitweise von den Securitys vom Eintritt in die Halle abgehalten werden, da das Fassungsvermögen dieser Location an erschöpft war. Wie auch immer: Die so simple, wie recht geniale Herangehensweise, mit der sich Yung Hurn samt zahlreichen Mitstreitern mit Hip Hop bis Techno dem Publikum präsentierte, war an diesem Mittwoch ein Auslöser größter Begeisterung - da wurde gar manche Barrikade durchbrochen und die Securitys einem wenig beneidenswerten Belastungstest unterzogen.

Vor dem österreichischen Senkrechtstarter wurde das Setting durch den US-Amerikaner Vince Staples aufgelockert. Der 24-Jährige debütierte vor zwei Jahren mit dem Album "Summertime '06" und legte dieses Jahr den Nachfolger "Big Fish Theory" nach. In St. Pölten kombinierte der Straight-Edge-Rapper die beiden unterschiedlichen Stile dieser Alben zu einem äußerst mitreißenden Mix. Die tanzbaren, zum Teil hochbeatigen Tracks des aktuellen Albums vereinte Staples mit den von minimalistischen Strukturen geprägten Stücken des Debüts so aggressiv wie überzeugend.

Englische Familienbande
Etwas massenkompatibler waren die beiden Hauptbühnen bestückt. Auf der "Space Stage" begeisterte die britische Sängerin Anne-Marie dauerlächelnd und in allerbester Laune mit ihren zahlreichen Pophits, die ihr in den letzten etwa eineinhalb Jahren ein Abonnement auf die Chartspitzenplätze besorgte. In Österreich war sie bei der "Warner Label Night" schon 2016 vorstellig, das Frequency ist an diesem sonnig-windigen Nachmittag somit ihre erste Show vor größerem Publikum.  Etwas früher waren ein paar hundert Meter weiter ihre Landsleute von Clean Bandit zu sehen. Deren und Anne-Maries kleinster gemeinsamer Nenner ist die Hit-Single "Rockabye", die auch auf der "Green Stage" für Stimmung sorgte. Auf Dauer ist der mit Klassikzitaten durchzogene Dancefloor-Pop aber doch etwas beliebig. Formatradiotauglichkeit und songwriterisches Geschick gehen zwar manchmal, aber eben nicht immer Hand in Hand.

Zudem hat die Band mit Reisemüdigkeit zu kämpfen, wie Chellistin Grace Chatto im Gespräch mit der "Krone" zugibt. "Wir fliegen von einem Land zum anderen und sind ziemlich müde. Da bleibt dann leider auch wenig Lust um in den wenigen freuen Stunden Stadterkundungen zu machen." Wesentlich begeisterter zeigte sie sich aber vom Rundherum am Frequency. "Es gibt hier so viele Details, alles ist liebevoll gestaltet und uns Künstler fehlt im Backstage nichts". Einer ihrer größten Erfolgssongs war übrigens "Mozart's Suite". "Würde Mozart noch heute leben, wäre er wohl Avicii", betonte Chatto etwas keck, aber wohl die Popularität meinend. Die Fans warten heiß auf den Albumnachfolger von "New Eyes", der 2014 das Licht der Welt erblickte. "Nächstes Jahr ist es soweit", verspricht die Frontfrau, "und dann kommen wir sicher wieder für ein Konzert zu euch."

Engelsstimme
Ein Leckerbissen für musikalische Feinschmecker erschien in einer engelsgleichen Person namens Birdy auf der Bühne. Trotz ihrer erst 21 Jahre kann die Britin auf eine fünfjährige Top-Karriere zurückblicken, in der es quasi durchgehend bergauf ging. Mit tonnenweise Charisma, einer wundervollen Stimme und dem bedachten Bedienen des Pianos sorgt sie für die musikalische Höchstqualität an diesem Tag. Besonders bei den Hit-Songs "Wings" oder "Keeping Your Head Up" verschmelzt ihre Stimme mit den warmen Klängen der reduziert vorgehenden Backing-Band und liefert somit vor beachtlichem Spätnachmittagspublikum einen dringend benötigten Moment der Entschleunigung. Eine kurze Pause von den donnernden Beats und rasanten Raps haben eben auch die größten Partytiger nötig.

Weiterhin eher der Nachdenklichkeit verpflichtete Melodien präsentierte indes der Brite George Ezra auf der Hauptbühne. Dann folgten dort die Frequency-Veteranen Placebo. Mit einem druckvollen Gig, bei dem man den Gitarrensound in den Vordergrund stellte, trat man an, begeisterte aber nicht ganz. Zu routiniert wirkt Brian Molko mittlerweile, zudem lässt auch er seit mittlerweile gut vier Jahren auf ein weiteres Studioalbum warten. Ein weiteres ist derzeit nicht in Sicht, wie er der "Krone" im Interview bestätigte. "Wir schreiben fleißig Songs, aber über ein Album haben wir noch nicht gesprochen." So könnten die Indie-Veteranen ihr Frequency-Teilnahmekonto in den nächsten Jahren vielleicht auf zweistellig erhöhen...

Geborene Politpartyband
Bei Cypress Hill - zeitgleich mit Placebo zugange auf der "Green Stage" (Nomen est Omen) - wissen die Fans längst, was sie erwartet: dicke Beats, humorige Bühnenansagen und eine nebelverhangene Stimmung, wie sie am besten in düstere Tijuana-Tequilabars passt. Das kongeniale und seit mittlerweile fast 30 Jahren verbandelnde Rap-Duo B-Real und Sen Dog hat nichts von ihrer Bühnenenergie und Gesellschaftswertigkeit verloren. Auch wenn bei Cypress Hill schnell jemand "Insane In The Brain" ist oder zum "(Rock)Superstar" gekürt wird, das Herz der beiden Ikonen schlägt für Politkritik. Das lebte B-Real unlängst mit der All-Star-Combo Prophets Of Rage beim Nova Rock aus (das Debütalbum folgt am 15. September), während Sen Dog mit dem Erstwerk seiner neuen Band Powerflo noch auf der Suche nach Europatourterminen ist.

"Manchmal wissen wir selber nicht, wie wir all unsere Projekte und die Familien unter einen Hut bringen", lacht B-Real im "Kt in Europa quasi die "Festivalband", während sie mit den anderen Bands auch Touren planen. Doch bei Festivals explodiert die Zuseherzahl immer gerne - so auch an diesem Abend, wo sich die Hip-Hop-Fans vor der "Green Stage" quasi auf die Finger stiegen. Mit viel Publikumsinteraktion und dem einzigartigen "Weed-Schmäh" hatten Cypress Hill die nicht mehr ganz nüchterne Partyschar sofort im Griff. Ein ähnliches Phänomen wie bei The Offspring: neue Songs braucht man nicht, um erfolgreich zu sein.

Pause notwendig
Kurz vor Mitternacht kamen dann Bilderbuch auf die Hauptbühne um einen stilistisch bunt gemischten, aber durchaus gut besuchten zweiten Tag zu beschließen. Während die 2005 gegründete Band aus Oberösterreich bei ihrem Auftritt im Vorjahr nichts zu wünschen übrig ließ, gestaltete sich ihr Auftritt in diesem Jahr dann doch ein wenig medioker, zumindest anfangs. Erst mit Fortdauer des Sets gerieten Maurice Ernst und seine Mitstreiter doch noch richtig in Fahrt, doch einem guten Jahr auf Tour und unzähligen Österreich-Auftritten scheint eine temporäre Pause angemessen. Die Fans ließen sich davon natürlich nicht abschrecken und holten noch einmal alles aus sich raus.

Das nächste Frequency steht bereits an: "Momentan ist 16. bis 18. August geplant", so Veranstalter Harry Jenner, womit das Festival wieder auf ein Wochenende hin angesetzt sein würde. Rundum zufrieden sei man bisher mit der diesjährigen Ausgabe.

Robert Fröwein, APA/Westphal

Robert Fröwein
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