10.11.2006 15:49 |

Hau den Bully

Canis Canem Edit

Viel wurde im Vorfeld über Rockstars neuestes Spiel „Bully“ – oder „Canis Canem Edit“, wie es später heißen sollte – geredet. In den USA drohten Anwälte bereits mit Klagen gegen das ihrer Ansicht nach zu gewalttätige Spiel. Jetzt ist es endlich da und zur Beruhigung aller Eltern kann gesagt werden: Alles halb so wild. Gewalt gibt es zwar, Blut fließt aber keines. Mal abgesehen davon ist „Canis Canem Edit“ einfach ein sehr gutes Spiel voller Witz und frischer Ideen...

Jimmy Hopkins ist nicht gerade das, was man einen Musterschüler nennt. Als seine Mutter sich gemeinsam mit dem Stiefvater für ein ganzes Jahr in die Flitterwochen verabschiedet, hat Jimmy das Nachsehen. Er wird kurzerhand auf die Bullworth Academy verfrachtet, eine Lehranstalt für all jene, die sonst auf keiner Schule mehr aufgenommen werden. In den nächsten zwölf Monaten ist Jimmy also auf sich allein gestellt und muss sich gegen seine nicht immer umgänglichen Mitschüler behaupten.

Schule bedeutet natürlich auch Unterricht, und so muss Jimmy, nachdem er zur Begrüßung erst einmal verdroschen wurde und sich anschließend in eine uncoole Schul-Uniform zwängen musste, jeden Tag um 9.00 Uhr und dann noch mal am Nachmittag die Schulbank drücken. Oder besser gesagt: Er sollte. Allerdings kann sich ein Besuch der insgesamt sechs Unterrichtsfächer durchaus lohnen.

So erlangt er im Englisch-Unterricht, nachdem er aus einzelnen Buchstaben so viele Wörter wie möglich gebildet hat, neue rhetorische Fähigkeiten, mit denen er einer Schulhof-Schlägerei auch mal aus dem Weg gehen kann. Im Sport lernt Jimmy im Ringen oder Völkerball-Spiel neue Schläge, durch seine Chemie-Kenntnisse – hier muss zur richtigen Zeit auf den richtigen Button gedrückt werden - kann er sich Kracher, Stinkbomben oder Juckpulver basteln. Darüber hinaus stehen noch Fotografie, Werken und Kunst auf dem Lehrplan.

Aber Jimmy hat schließlich besseres zu tun, als ständig den Vorträgen des Lehrers zu lauschen. Wenn er schwänzt muss er sich jedoch vor den patrouillierenden Präfekten in Acht nehmen. Befindet sich Jimmy nämlich während der Unterrichtszeit nicht in seiner Klasse und während der Schlafenszeit nicht in seinem Bett, dann wird er gnadenlos gehetzt. Ein einzelner Aufpasser lässt sich meist noch leicht abschütteln, indem man sich im Spint oder einem Mistkübel versteckt. Bei mehreren Präfekten hilft meist nur noch Gewalt – sind die Herren allerdings in der Überzahl, endet der rabiate Fluchtversuch im Büro des Rektors.

Während seines Schuljahres in der Bullworth Academy hat Jimmy jedoch nicht nur mit den Autoritäten und dem Unterricht zu kämpfen. Diverse Gruppierungen, wie man sie an jeder Schule vorfindet, können ihm das Leben zur Hölle machen. Da wären zum Beispiel die typischen Nerds, oder auch Streber-Kinder, die mit ihren dicken Hornbrillen zwar harmlos wirken, aber im Notfall äußerst fies mit Stinkbomben und Co. gegen Jimmy vorgehen können. Dann wären da noch die Jocks, die sportlichen Helden der Schule, und die Preps, die versnobte Oberschicht. Die Greaser hingegen stehen auf Motorenlärm, Ölflecken und ihre Lederjacken.

Mit jedem angenommenen Auftrag sammelt Jimmy bei einer dieser Gruppen Pluspunkte, verscherzt es sich aber zumeist mit der anderen Seite. Zum Beispiel dann, wenn die Nerds eine Stinkbombe im Spint ihrer Feinde platziert haben wollen. Auch finden es die Jocks wenig unterhaltsam, wenn man während ihres Football-Trainings vom Baum aus mit einer Steinschleuder feuert. Sinkt das Ansehen bei einer Gruppe auf Null, muss man mit kleinen Gemeinheiten und Rempeleien aus dem Hinterhalt rechnen. Das Überqueren des Schulhofs gerät zum Spießrutenlauf.

Doch es gibt auch allgemeine Gefälligkeiten, bei denen Jimmy nicht unbedingt in den Konflikt mit anderen Schülergruppen gerät. Immer wieder muss er beispielsweise für verliebte Schüler Botengänge übernehmen, um Pralinen oder Blumen zu überbringen. Oder Jimmy muss für den perversen Sportlehrer getragene Schlüpfer aus dem Mädchenschlafsaal schmuggeln. Für solche Aufträge gibt es dann meist Geld, mit dem Jimmy beispielsweise neue Klamotten oder Energie spendende Limonaden kaufen kann, oder diverse Items, wie zum Beispiel ein Skateboard oder Bmx.

Damit lassen sich die zu überwindenden Distanzen schneller überbrücken. Denn nicht nur der Campus ist extrem groß und bietet allerlei Gelegenheit für Entdeckungstouren, auch die Stadt außerhalb der Tore der Bullworth Academy will von Jimmy im Lauf des Spiels erkundet werden. Anstatt der Präfekten muss man sich hier allerdings vor den wachsamen Augen der Polizisten hüten. Unbedingt erwähnenswert ist noch die romantische Komponente des Spiels: Wer nämlich Blumen pflückt und diese den Mädchen überreicht, kann sich damit den einen oder anderen Kuss verdienen. Das macht nicht nur Spaß, sondern füllt zudem Jimmys Gesundheitsleiste wieder auf.

In Sachen Grafik ist „Canis Canem Edit“ hingegen leider nur Mittelmaß. Nicht nur, dass die Charaktere allesamt ein wenig klobig aussehen, auch die Landschaften sind eine Spur zu trist ausgefallen. Hinzu kommt eine nicht immer den Kommandos folgende Kamera und ein störrisches Steuerverhalten von Bmx und Skateboard. Lobenswert ist wieder einmal der spielerische Umfang mit den zahlreichen Quests – auch wenn viele sich auf Dauer ähneln – und der großen Map. Leider geht der Wechsel von Raum zu Raum nicht ohne Ladezeiten über die Bühne. Auch die Musik hätte eine Spur abwechslungsreicher gestaltet sein können, sehr gut hingegen die Synchronisation.

Fazit: So gut gemacht ein „Der Pate“, „Scarface“ oder „Saints Row“ auch sein mögen, sie behandeln letzten Endes doch immer die selbe, fast schon ausgelutschte Gangster-Thematik. Mit „Canis Canem Edit“ beweist Rockstar hingegen eindrucksvoll, dass sich die Grundidee dieser Spiele auch hervorragend für andere Orte eignet. Die Wahl eines Schul-Szenarios erweist sich dabei als Volltreffer: Frisch, originell und mit viel Witz dürften Jimmy und seine Mitschüler selbst jene begeistern, die bis dato nichts von Spielen dieser Art hielten. Da kann man dann auch getrost über die kleinen Patzer hinwegsehen.

Plattform: PS2
Publisher: Rockstargames/ Take2
Krone.at-Wertung: 88%

von Sebastian Räuchle

Montag, 17. Mai 2021
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