10.04.2017 08:19 |

"Krone"-Interview

Son Of The Velvet Rat: Aus der Zeit gefallen

Mit "Dorado" gelang dem Steirer/Wahl-Amerikaner Georg Altziebler aka Son Of The Velvet Rat unlängst nicht nur eines der intensivsten, sondern auch internationalsten Alben aus dem heimischen Musiksektor. Im Interview erklärte er uns, warum seine elegische Singer/Songwriter-Lyrik aus der Zeit gefallen ist, weshalb die kalifornische Wüste essenziell für seine Inspirationen ist und warum österreichische Künstler sich weniger mokieren sollten.

Es ist schön, dass die österreichische Musikszene so floriert wie schon lange nicht. Doch hinter dem großen Hype um die neue Bilderbuch, dem 20-Jahre-Bandjubiläum von Heinz oder der weltumspannenden Touraktivitäten der Tiroler Psychedelic-Rocker Mother's Cake wurde ein Kleinod heimischer Musikkunst viel zu stark unter Wert geschlagen. Singer/Songwriter Georg Altziebler hat sich wieder in seine wüstenheiße Kreativitätsstätte im kalifornischen Joshua Tree zurückgezogen, um mit Ehefrau Heike und einer illustren Musikerschar am famosen Liedermacher-Schmuckstück "Dorado" zu werken. Vier Jahre nach dem gitarrenlastigen "Firedancer" hat der passionierte Vollblutmusiker aka Son Of The Velvet Rat nun den Weg zu poetischen Klanggebilden gefunden. Wo vor nicht allzu langer Zeit Ausflüge in den Rock en vogue waren, herrscht heute eine fragil-träumerische Grundstimmung, die irgendwo zwischen staubbedeckten Cowboyfantasien und elegischem Stoner Rock oszillieren.

Vergleich mit Größen
"Mir gingen die verzerrten Gitarren ein bisschen auf die Nerven", erklärt das Mastermind an einem nebeligen Spätwintertag der "Krone" im Wiener Café Westend, "es war an der Zeit, den Rockgeist etwas zurückzuschrauben. Langsame Songs gab es bei mir schon immer und die Rhythmen sind auch ähnlich wie früher, aber die Gitarren sind eben nicht mehr angezerrt, sondern reiner und klarer." Herausgekommen ist ein vertontes Manifest der Entschleunigung, das dem Hörer nicht nur allerlei Detailreichtum und klangliche Finessen mitliefert, sondern ihn auch mit einer Sogwirkung in eine Traumwelt der weiten amerikanischen Prärie zieht. Die US-Fachmedien überschlugen sich mit Lob und Louisiana-Country-Ikone Lucinda Williams vergleicht Melodien und Lyrik gar mit internationalen Größen wie Mark Lanegan oder Nick Drake. "Ich höre gerne, dass die Leute in den Songs Poesie sehen", freut sich Altziebler über das Lob von außen, "ob man mich mit Tom Waits vergleicht oder nicht, ist aber nicht wichtig. Ich weiß sehr gut, dass ich ein paar Songs schrieb, auf die sogar er stolz wäre."

Seit mittlerweile vier Jahren wohnen die Altzieblers den Großteil des Jahres in der kalifornischen Wüste, nur im Winter und Frühling kehren sie in die altbekannte Grazer Heimat zurück. In der sandigen Steppe am amerikanischen Westflügel fand Altziebler nicht nur Mitmusiker, sondern relativ schnell auch ein Label und ein Publikum für seine aus allen Trends gefallenen Ideen. "Für mich hat sich in Amerika eine neue Welt erschlossen. Ich kannte schon ein paar Musiker von früher aus L.A., war in der Szene also schon leicht verankert. Außerdem wollte ich aus Österreich raus und etwas Neues erleben. Irgendwohin gehen, wo man meine Musik versteht. Ich schreibe und singe seit jeher in Englisch und die Amerikaner verstehen meine Songs einfach schneller, exakter und intuitiver. Ich bin alles andere als ein Networker, habe mir die Leute aber einfach erspielt."

Keine Hilfe von außen
Unerlässlich für das musikalische Fortkommen war die amerikanische Brutalität - Geschenke werden bei derart großer musikalischer Konkurrenz nicht verteilt. "In Österreich wird sehr viel gestreichelt und alle sind wahnsinnig stolz, wenn es eine Band gibt, die sich durchsetzt. Die, die hier bei uns jammern sollen einmal nach Amerika gehen, damit sie wissen, was wirkliche Härte ist. Dort kriegst du für deine Auftritte überhaupt keine Gage, die Clubs werden auch nicht staatlich gefördert oder von Kulturinitiativen subventioniert. Dort kommt nur Geld in deine Taschen, wenn du gut spielst und dich die Menschen sehen wollen." Vom typisch österreichischen Gejammer hält Altziebler sowieso nichts. "Das ist unwürdig, denn es gibt nichts besseres, als Musiker zu sein. Jeder der jammert soll sich mal beim Billa hinter die Kassa stellen oder eine Straße aufgraben und asphaltieren."

"Dorado" ist eine Momentaufnahme, eine Ansammlung loser Geschichten, die sich um eine nicht näher definierte Suche dreht und dem Hörer nicht nur Zeit um Fallen gibt, sondern ihm auch Möglichkeiten der Eigenreflektion anbietet. Mit der oft hinzugezogenen Kategorisierung Americana kann sich der Steirer nur bedingt anfreunden, sieht er die Ursprünge seiner Kunst doch eher im französischen und italienischen Chanson verankert. Songs wie das mitreißende "Love's The Devil's Foe", das neu aufgenommene und zart phrasierte "Sweet Angela" oder der eindrucksvolle Albumcloser "Franklin Avenue" wurden ganz entgegen der Songgeschwindigkeit in nur wenigen Tagen eingespielt. An den Reglern saß niemand Geringerer als Joe Henry, der schon mit Legenden wie Elvis Costello oder Solomon Burke zusammenarbeitete.

Aus der Zeit gefallen
Percussionist Jay Bellerose wurden die Instrumente an den Beinen festgeschnallt und Altziebler selbst hat sich in die Klangwelt des E-Bows verliebt. "Ich habe die ganze Platte damit zugebuttert und es am Ende fast schon übertrieben", schmunzelt er im Rückblick. Die elegischen Songparts können so wohl auch nur von amerikanischen Mitmusikern kommen, deren gesamte Identität sich im internationalen Soundkosmos von "Dorado" wiederspiegelt. Das Name-Dropping mit diversen Künstlergrößen aus den USA haben Son Of The Velvet Rat längst nicht mehr nötig, denn "Dorado" ist nicht nur eine musikalische Kehrtwende zu den Basics handgemachter Musik, sondern auch die Eintrittskarte in die globale Genre-Bedeutsamkeit. "Ich hoffe ja inständig, dass das Album aus der Zeit gefallen ist, denn ich bin selbst recht altertümlich", verrät der Songwriter, "wenn es also so gesehen wird, dann verstehe ich das als Kompliment."

Live werden Son Of The Velvet Rat ihr neues Album "Dorado" rund um Österreich präsentieren. Unter anderem am 13. Mai in der Wiener Sargfabrik und am 20. Mai im Grazer ppc. Alle Termine und weiteren Infos finden Sie unter www.sonofthevelvetrat.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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