Mi, 15. August 2018

3.000 Jobs weg

05.12.2014 10:06

In Bochum lief der letzte Opel vom Band

Eine Ära ist zu Ende: Im deutschen Opel-Werk in Bochum, das in stolzen Zeiten bis zu 22.000 Menschen beschäftigt hat, lief das letzte Auto vom Band. Für die Stadt und 3.000 Mitarbeiter ein bitterer Tag. Nach 52 Jahren Fahrzeugproduktion ist in der westdeutschen Stadt das letzte Auto vom Band gelaufen.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag lief gegen halb eins früh in Bochum der letzte Opel vom Band - ein dunkelgrauer Zafira-Compact-Van. Er soll nicht regulär verkauft, sondern einem sozialen Zweck gewidmet werden. Eine Ära geht damit zu Ende. "Das Herz von Opel hat aufgehört zu schlagen", sagt ein Mitarbeiter später, als er aus dem Werkstor kommt. Gut 3.000 Beschäftigte verlieren ihren Job, die meisten wechseln im neuen Jahr erst einmal in eine Transfergesellschaft. Die 2012 verkündete Schließung des Werkes war für viele ein Schlag ins Gesicht.

Auf dem riesigen Werksgelände bleibt nur ein Ersatzteillager des Autokonzerns mit insgesamt 700 Beschäftigten. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen will dort in den nächsten Jahren neue Gewerbebetriebe ansiedeln. Die Entwicklungsgesellschaft "Bochum Perspektive 2022" rechnet dafür zunächst mit rund 50 Millionen Euro Aufwand - verteilt über acht Jahre.

"Man hat uns verhungern lassen"
Nach der letzten Produktionsschicht ist am Werkstor Enttäuschung, Resignation und Kritik am Opel-Management zu hören, das am Ende nicht einmal mehr das Dach der Fabrik erneuert habe. "Tja, man hat uns hier verhungern lassen", sagt Hans Skopek aus der Endmontage, der seit 40 Jahren bei Opel arbeitet. Die letzten zehn Jahre sei es mit dem Werk immer weiter bergab gegangen. "Das Management hat das Werk vor die Hunde gehen lassen." Am Ende habe es sogar reingeregnet.

Für den 55-jährigen Anlagenelektroniker geht es 2015 in die zweijährige Transfergesellschaft - sieben Monate mit vollem Geld, dann mit 80 und im letzten Jahr mit 70 Prozent des Gehalts. "Das ist jetzt Neuland: vielleicht finde ich ja was in meinem gelernten Beruf." Doch Skopeks Zeit in diesem Beruf ist lange her.

"26 Jahre habe ich hier gutes Geld verdient", sagt Antonio Gonzalez, 48, der als Kolonnenführer Logistik bei Opel arbeitet. Er will nach dem Aus bei Opel versuchen, sich zum Ausbilder für Lagerfachkräfte umschulen zu lassen. Das bedeutet erhebliche Lohneinbußen für Gonzalez, der zusammen mit seiner Partnerin sechs Kinder versorgen muss. "Dennoch - das Leben ist nicht Opel", sagt er. Sein bewegendster Moment in den 26 Jahren? "Als ich eingestellt wurde. Da habe ich gedacht: Jetzt kann nichts mehr passieren - Rente, Du kannst kommen."

Trauer und Existenzangst bei Mitarbeitern
Nicht alle am Werkstor sind so gelassen wie der gebürtige Spanier. Viele schütteln nur stumm den Kopf oder antworten kurz im Vorbeigehen Sätze wie "Was soll ich sagen - ich bin traurig" bis "Ich sag nix, mir reicht's". Einem Mitarbeiter schießen die Tränen in die Augen, als plötzlich eine Fernsehkamera auf ihn gerichtet ist. Güler Nihat, der 1991 bei Opel gelernt hat, will sogar gegen Opel klagen, wenn er seine Kündigung bekommt. Er zählt zu den wenigen, die den Sozialtarifvertrag nicht unterschrieben haben. "Meine Zukunft?", sagt der Familienvater mit drei Kindern zögernd, "50:50 - ach, ich weiß nicht."

Mike Szczeblewski ist nicht nur auf Opel, sondern auch auf die IG Metall sauer, die den Tarifvertrag für den Ausstieg ausgehandelt hat. "Ich bin tief enttäuscht", sagt er. "Die haben das Angebot aus Detroit von GM angenommen und nicht richtig für unsere Jobs gekämpft." Für seine Zeit draußen ist der 37-Jährige wenig optimistisch. 1994 hat er bei Opel Schlosser gelernt, wechselte aber schon 1998 in die Lackiererei. Nach der langen Zeit außerhalb des erlernten Berufs gelte er auf dem Arbeitsmarkt jetzt als Ungelernter, sagt Szczeblewski. "Meine Existenz ist zerstört."

Grönemeyer will Konzert für Opelaner spielen
Für die Region ist der Opel-Rückzug ein schwerer Schlag. Die Entscheidung sei "sehr bitter" für die direkt Betroffenen und die Stadt, hatte die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz vor kurzem gesagt. Der in der Stadt aufgewachsene Musiker Herbert Grönemeyer will seine Solidarität mit einem Konzert zeigen. "Es gibt konkrete Überlegungen, ein Konzert für die Bochumer Opelaner zu spielen oder sie alle einzuladen", sagte der 58 Jahre alte Sänger der Deutschen Presse-Agentur bei einer Musikveranstaltung in Bochum. "Es geht jetzt darum, ihnen Mut zu machen."

Bochum leidet mit aktuell 9,4 Prozent Arbeitslosenquote unter überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit. Rund die Hälfte der Opel-Beschäftigten wohnt in Bochum selbst. Deshalb ist mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Bochum hatte in der Vergangenheit bereits andere schwere Schläge zu verkraften wie den Rückzug des Handyherstellers Nokia mit 2.300 Beschäftigten im Jahr 2008.

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