Mo, 16. Juli 2018

High-Tech-Waffe

18.07.2014 14:12

Haben solche Raketen Flug MH17 vom Himmel geholt?

Um den Abschuss der Passagiermaschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine ist am Freitag ein regelrechter Propagandakrieg entbrannt. Laut Experten dürfte das Geschoss, das Flug MH17 mit 298 Menschen an Bord vom Himmel holte, Teil eines hochmodernen Boden-Luft-Raketensystems vom Typ "Buk" ("Buche") gewesen sein. Doch darüber, wer die Rakete auf den Flieger abgeschossen hat, wird zwischen den Konfliktparteien in der Ukraine heftig gestritten.

Neben brisanten Telefonmitschnitten, die laut ukrainischen Geheimdiensten die Verantwortung der prorussischen Separatisten für den Abschuss der Boeing 777-200 beweisen sollen (siehe Story in der Infobox), und neuen Videoaufnahmen vom Absturz der Maschine (siehe Video oben) wurde am Freitag auch heftig über die nötigen Raketen diskutiert, die über die technischen Voraussetzungen für einen solchen Angriff verfügen.

Schultergestützte Raketenwerfer kommen nicht infrage
Im Kriegsgebiet im Osten der Ukraine waren bisher vor allem schultergestützte Raketenwerfer zum Einsatz gekommen. Diese erreichen allerdings nicht die vor dem Absturz für Flug MH17 verzeichnete Flughöhe von rund 10.000 Metern. Fortschrittliche Waffensysteme, um ein Flugzeug auch aus großer Höhe abzuschießen, besitzen aber sowohl das ukrainische als auch das russische Militär.

Vor Kurzem hatten zudem die prorussischen Separatisten behauptet, in den Besitz moderner Raketen gelangt zu sein. Die Rebellen griffen am 29. Juni nach eigenen Angaben einen ukrainischen Militärstützpunkt an und beschafften sich ein Boden-Luft-Raketensystem "Buk-M2", das, auf einem Lastwagen montiert, in der Lage ist, auch ein Linienflugzeug aus der Reiseflughöhe abzuschießen.

Verwirrung um gestohlene "Buk"-Anlage
Am Donnerstag aber - kurz nach dem Absturz der Boeing 777-200 - nahmen die Separatisten ihre Aussagen zurück. Am Freitag erklärten dann auch die ukrainischen Behörden, die Rebellen hätten ihrer Kenntnis nach keine Raketenflugabwehrsysteme vom Typ "Buk" in ihrem Besitz. Die Aufständischen hätten - anders als von ihnen selbst im Juni behauptet - keine einsatzfähigen Waffensysteme dieser Art erobert, sagte der ukrainische Generalstaatsanwalt Witali Jarema.

Diese Informationen seien auch dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dem nationalen Sicherheitsrat vom ukrainischen Militär übergeben worden. Nach offiziellen Angaben aus Kiew hatten die Separatisten zwar im Juni eine "Buk"-Anlage erobert, die sei allerdings nicht funktionsfähig gewesen. Aus Sicht der Ukraine führe die Spur nach Russland. Demnach soll von dort ein "Buk"-System mit Raketen und Bedienpersonal in die umkämpfte Ostukraine gebracht worden sein.

Moskau will ukrainische "Buk"-Aktivitäten registriert haben
Der Konter aus Moskau ließ nicht lange auf sich warten: Das russische Verteidigungsministerium erklärte laut einem Bericht der Nachrichtenagentur RIA, zum Zeitpunkt des Absturzes der malaysischen Passagiermaschine Radar-Aktivitäten einer ukrainischen Raketenstellung registriert zu haben. Dabei habe es sich um ein Raketensystem vom Typ "Buk" gehandelt, das zur Abwehr von Kampfflugzeugen, Hubschraubern und Marschflugkörpern dient.

Das Verteidigungsministerium in Kiew teilte wiederum mit, am Tag des Absturzes selbst keine Abwehrsysteme vom Typ "Buk" oder auch Kampfbomber im Einsatz gehabt zu haben. Die Anlagen würden während der "Anti-Terror-Operation" gegen die prorussischen Kräfte in der Ostukraine nicht eingesetzt. Es habe keinen einzigen Start einer Rakete gegeben, teilte das Ministerium weiter mit.

Während die Konfliktparteien also bemüht sind, dem jeweils anderen die Verantwortung für den Abschuss der Maschine zu geben, ist vorerst nur eines klar: Um ein solches Flubabwehrsystem zu bedienen, ist ein entsprechendes Training und technisches Wissen erforderlich - das sich die Rebellen seit Ende Juni schwerlich angeeignet haben dürften - es sei denn, sie wären bereits zuvor militärisch für diese Systeme ausgebildet worden, hieß es dazu in einem Bericht des "Wall Street Journal".

"Kein System, das man mal eben mitnimmt und anwendet"
"Wenn es ein Buk war, dann ist das ein ziemlich ausgeklügeltes System, das ein gewisses Wissen über dessen Funktionsweise voraussetzt", sagte Douglas Barrie, ein leitender Militärforscher am International Institute for Strategic Studies, gegenüber der Zeitung. "Das ist kein System, das man mal eben mitnimmt und anwendet."

Das Flugabwehrsystem "Buk" wurde in der Sowjetunion entwickelt und Ende der 1970er-Jahre erstmals in Betrieb genommen. Schon Raketen aus der allerersten Serie fliegen mit dreifacher Schallgeschwindigkeit und können Ziele auf einer Flughöhe von mehr als 12.000 Metern treffen, wie Daten des Forschungsverbands Federation of American Scientists zu entnehmen ist. Jedes Geschoss trägt einen Sprengkopf von rund 55 Kilogramm.

"Raketentransportfahrzeug reicht für Abschuss aus"
Üblicherweise besteht ein solches System aus drei Fahrzeugen: Eines feuert die Raketen ab, ein anderes transportiert das Radargerät, um mögliche Ziele auszumachen, und ein drittes dient als Kommandozentrale. Das Raketentransportfahrzeug allein reiche allerdings bereits aus, um ein Geschoss abzufeuern, wie Doug Richardson, Redakteur beim Militärmagazin "IHS Jane's", zu bedenken gibt.

Brisantes Detail: Im Jahr 2001 schoss die Ukraine bei Militärübungen versehentlich ein Passagierflugzeug über ihrem Territorium ab. Alle 66 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder an Bord des Jets, der von Tel Aviv nach Nowosibirsk flog, kamen damals ums Leben.

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