Störche gelten als Glücksbringer. Für Rust im Burgenland stimmt das allemal. Immerhin prägen die klappernden majestätischen Zugvögel die Identität der Stadt auf einzigartige Weise und locken unzählige Touristen in die Region. Doch bei manchen scheinen die Tiere erst erwünscht, wenn sie tot sind.
Die Freistadt Rust am Ufer des Neusiedler Sees ist für ihre große Storchenpopulation weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und wird deshalb oft als „Storchenstadt“ bezeichnet. Jedes Jahr im Frühling, wenn zahlreiche Weißstörche aus ihren Winterquartieren in Afrika nach Rust zurückkehren und auf Dächern, Rauchfängen, Masten, Bäumen und eigens errichteten Nistplattformen der historischen Häuser ihre großen Nester bauen, reisen auch zahlreiche Touristen an, um „Meister Adebar“ beim Brüten zu beobachten.
Für die Ökologie sind Störche ebenfalls von großer Bedeutung, weil sie als Indikator für eine gesunde Landschaft gelten. Auch deshalb stehen sie in Österreich unter strengem Artenschutz.
Hohe Strafen bei Verwaltungsübertretungen
Wer vorsätzlich und ohne behördliche Genehmigung ein Storchennest entfernt, Brut- und Fortpflanzungsstätten vernichtet oder Eier zerstört, auch wenn das Nest gerade leer ist, verstößt gegen das Burgenländische Naturschutz- und Landschaftspflegegesetz (§ 78) und muss mit Geldstrafen von bis zu 3600 Euro bei einmaligen Vergehen und mit Bußzahlungen von bis zu 7300 Euro bei wiederholten oder schwerwiegenden Verstößen rechnen. Zusätzlich können Verfahrenskosten (z.B. Wiederherstellung des Zustands) vorgeschrieben werden. Erlaubt ist eine Nestentfernung nur dann, wenn eine naturschutzrechtliche Genehmigung der Behörde vorliegt oder sie im Rahmen von fachlichen Maßnahmen durch Experten erfolgt.
Darum wurde ein Nest entfernt
Eine Wahl-Rusterin, die bei einer Wiener Immobilienfirma arbeitet und Apartments in der Ruster Altstadt vermietet, ließ bereits im Frühjahr 2023 im Zuge von Umbauarbeiten des besagten Wohnhauses den Reisig-Nistring am Dach entfernen. Dafür habe sie extra den Ruster Storchenverein kontaktiert, der die Demontage übernommen habe. Sie sehe sich daher keiner Schuld bewusst, erklärt sie auf „Krone“-Anfrage.
Den nesttreuen Störchen, die seit mehr als 20 Jahren einen fixen Nistplatz auf dem Dach haben – damals gehörte das Gebäude noch der Bank Burgenland –, war das egal. Sie okkupierten ihren altvertrauten Platz erneut und versuchten 2024 abermals, ein Nest darauf zu bauen. „Im Vorjahr hat eine Störchin sogar wieder darauf gebrütet“, behauptet die Ruster Künstlerin und Naturschutzaktivistin Catherine Sica, die im Haus nebenan wohnt und gleich ein „Beweisfoto“ zückt.
Die Sache mit dem ausgestopften Storch
„Das stimmt nicht! Das Nest war schon 2023 seit zwei Jahren unbewohnt, sonst hätten wir es nicht entfernt“, kontert Rudi Karassowitsch, der stellvertretende Obmann des Storchenvereins.
Vor Kurzem ließ besagte Wahl-Rusterin wegen geplanter Dacharbeiten das komplette Eisengestell über dem Schornstein absägen – und zwar von Karassowitsch höchstpersönlich. Das bringt Catherine Sica nun erneut auf die Palme. „Wozu gibt es den Naturschutz und die strengen Gesetze, wenn man die Nester entfernen lässt, nur weil man Störche offenbar nicht mag?“, zürnt sie und erzählt von einem abgestürzten Storch mit heraushängender Zunge, den ihre Nachbarin von einem Tierpräparator ausstopfen ließ und in die Einfahrt der besagten Pension gehängt hat. So eine Trophäe sei in einer Storchenstadt „mehr als geschmacklos und unpassend“, kritisiert Sica.
Kein Ende des Clinchs in Sicht
Über Geschmack lässt sich bekanntlich steiten, meint auch Storchenvereinsobmann Rudi Karassowitsch: „Jeder Ruster und jede Rusterin ist stolz, wenn er oder sie einen Storch auf dem Dach hat. Dass die beiden zugereisten Damen ihre schon jahrelang dauernden Animositäten auf dem Rücken der Störche austragen, finde ich wirklich bedauernswert. Wir hegen und pflegen die Tiere und versuchen, sie so gut wie möglich zu schützen.“
Und was sagen die beiden Frauen? „Ich fordere, dass das abmontierte Nest nach Beendigung der geplanten Dacharbeiten umgehend wieder installiert wird, so wie es das Gesetz vorsieht. Nur so können die Störche ein Nest bauen, Eier legen und brüten“, pocht Sica, die wegen der Causa bereits Anzeige beim Naturschutzbund erstattet hat.
Ob ihre Nachbarin, die Wahl-Rusterin mit dem ausgestopften Storch, diesem Drängen nachkommen wird, ist fraglich. Sie will sich nach dem ganzen Wirbel nun nochmal überlegen, ob sie die geplanten Bauarbeiten überhaupt durchführen lässt.
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