Paradox: Viele Geringqualifizierte verdienen in der Industrie so gut, dass der wirtschaftliche Anreiz zur Bildung oft fehlt – auch das zeigt die jüngste Studie von „Joanneum Research“.
Entscheidungen in Sachen Bildung und Weiterbildung entstehen in der Regel auf Basis einer nüchternen Risiko-Nutzen-Abwägung. Finanzierbarkeit, Vereinbarkeit, Erfolgschancen und Signale der Arbeitgeber sind entscheidend – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von „Joanneum Research“, vorgestellt von der Arbeiterkammer und dem AMS Vorarlberg. Auf Basis der Forschungsergebnisse präsentierten AK-Präsident Bernhard Heinzle und AMS-Chef Bernhard Bereuter am Dienstag neue Ideen für den Vorarlberger Arbeitsmarkt und die Politik: Im Zentrum stehen modulare Ausbildungen, eine existenzsichernde finanzielle Absicherung sowie ein Ausbau der Beratung, um Fachkräftepotenziale zu erschließen.
Für Menschen in stabilen, aber gering qualifizierten Jobs wird Qualifizierung erst dann zum Thema, wenn sie als konkrete Sicherheitsgarantie wahrgenommen wird.
Andreas Niederl, Studienautor
Industrie mit stabilen Arbeitsplätzen
Die Studie zeigt zudem, dass der Arbeitsmarkt im Ländle weiterhin durch eine starke industrielle Basis, stabile Beschäftigungsentwicklung und eine hohe Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften geprägt ist – insbesondere nach Personen mit Lehrabschluss. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele formal gering qualifizierte Frauen und Männer langfristig beschäftigt sind und ein solides Einkommen erzielen. Ein niedriger Bildungsabschluss führt daher nicht automatisch zu einem niedrigen Einkommen oder Erwerbslosigkeit. Weiterbildung wird häufig eher als Mittel zur Absicherung gegen gesundheitliche Belastungen im Beruf, betriebliche Veränderungen oder langfristige Unsicherheiten gesehen.
„Bildungsentscheidungen sind keine spontanen Impulse – sie sind das Ergebnis eines sehr bewussten Abgleichs mit der eigenen Lebensrealität“, erklärt Studienautor Andreas Niederl. Für Menschen in stabilen, aber gering qualifizierten Jobs werde Qualifizierung erst dann zum Thema, wenn sie als konkrete Sicherheitsgarantie wahrgenommen werde. Menschen prüfen, ob eine Qualifizierung finanzierbar ist, ob sie sich mit Familie und Arbeit vereinbaren lässt, wie realistisch ein erfolgreicher Abschluss ist und welche Signale der eigene Betrieb sendet. Besonders wichtig seien sogenannte „Chancenfenster“ – Phasen, in denen gesundheitlicher Druck, drohende Umbrüche im Betrieb oder Arbeitslosigkeit eine Bereitschaft zur Veränderung erhöhen.
Bereuter fordert modulare Bildungswege
Das AMS entwickelt nun auf Grundlage der Studienergebnisse Handlungsanleitungen, die insbesondere auf Flexibilität setzen. Ein zentraler Schwerpunkt wird dabei auf modulare Ausbildungswege gelegt, die es ermöglichen, in kleinen und gut planbaren Schritten zu einem Abschluss zu gelangen. „Ebenso wichtig ist eine existenzsichernde finanzielle Absicherung während längerer Ausbildungsphasen – etwa durch stipendienähnliche Unterstützungsmodelle für besonders nachgefragte Berufe“, betont Bernhard Bereuter.
Heinzle sieht klaren politischen Auftrag
Für AK-Präsident Bernhard Heinzle ergibt sich aus den Ergebnissen ein klarer politischer Auftrag. „Eine Bildungsentscheidung ist für viele Menschen eine der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens. Die Politik muss deshalb mehr investieren – nicht weniger.“ Ein Kahlschlag bei der Bildungskarenz und massive Kürzungen beim AMS-Budget seien die falschen Signale. Seine Forderung an die Bundesregierung: Die Studienergebnisse müssen in die Fachkräftestrategie einfließen. „Wir benötigen realistische Rahmenbedingungen für Bildungsvorhaben während einer aufrechten Beschäftigung. Denn es ist volkswirtschaftlich klüger, Beschäftigte während der Arbeit auszubilden, als Ausbildungen während der Arbeitslosigkeit zu finanzieren.“
Ein konkreter Schritt ist bereits gesetzt: Seit 1. Jänner 2026 gilt der reformierte Vorarlberger Bildungszuschuss – mit höheren Fördersätzen für Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss und einer neuen Einkommensstaffelung.
Wichtig ist eine finanzielle Absicherung während längerer Ausbildungsphasen – etwa durch stipendienähnliche Unterstützungsmodelle für nachgefragte Berufe.
Bernhard Bereuter, AMS-Chef
Für die Vertreter von AK und AMS ist die Studie mehr als eine Bestandsaufnahme, sie ist ein Auftrag an alle Akteure am Vorarlberger Arbeitsmarkt. Die Botschaft sei eindeutig: Prävention schlägt Reparatur. Ein formaler Abschluss und lebenslanges Lernen reduzieren das Risiko von Arbeitslosigkeit erheblich und erhöhen Produktivität und Innovationskraft am Wirtschaftsstandort Vorarlberg, sind sich Bereuter und Heinzle einig.
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