Schauspielhaus Graz

Die tödlichen Abgründe der gutbürgerlichen Familie

Steiermark
07.02.2026 13:08

Regisseur Jakab Tarnoczi bringt am Grazer Schauspielhaus Marlen Haushofers Novelle „Wir töten Stella“ auf die Bühne. Nach „Rutherford & Sons“ im Vorjahr (für einen Nestroy-Preis nominiert) gelingt ihm der nächste grandiose Theaterabend in Graz.

Die gutbürgerliche Idylle bräuchte dringend eine Renovierung: Eine große Wand ist unverputzt, die Malerlampen stehen durch die Gegend. Doch Bauarbeiter sind weit und breit keine zu sehen. Der Altbau (Bühne: Eszter Kalman), in dem das Drama von „Wir töten Stella“ sich in der Regie von Jakab Tarnoczi am Grazer Schauspielhaus abspielt, bleibt bis zum Schluss eine Baustelle. Viel besser hätte man das Setting für die Dramatisierung von Marlen Haushofers gleichnamige Novelle nicht wählen können – denn feudal aber verfallen sind auch die Charaktere, die sich darin bewegen.

Das patriarchale Familiengefüge bröckelt
„Es wäre meine Pflicht gewesen, Stella zu warnen“, erinnert sich Anna (Olivia Grigolli) Jahre später an jene tragischen Monate zurück, in denen die junge Stella (Otiti Engelhardt), die Tochter einer Freundin der Familie (Anke Stedingk), bei Ihnen Unterschlupf fand. Anna selbst war damals noch eine junge Frau (Sarah Sophia Meyer) und hatte recht schnell erkannt, dass sich zwischen Stella und ihrem Ehemann Richard (Sebastian Schindegger) eine Affäre entspinnt. Sie hatte dem Mädchen sogar geholfen, zur Frau zu werden – und sie damit nur noch mehr zu einem Fremdkörper im patriarchal geprägten Familiengefüge gemacht, das ohnehin schon bröckelte. Denn Richard selbst nahm sich zwar alle Freiheiten, gestand diese aber weder seiner Frau noch seinem ungewöhnlichen Sohn Wolfgang (Danylo Dmytrenko) zu.

Spiel mit Distanz und Nähe: Auch Live-Kameras kommen zum Einsatz.
Spiel mit Distanz und Nähe: Auch Live-Kameras kommen zum Einsatz.(Bild: Lex Karelly)

Von Anfang an ist klar, dass die Begegnung mit dieser Familie für Stella tödlich enden wird. Es ist gerade diese Unvermeidbarkeit, die Haushofers Novelle so eindringlich macht und der immer noch vie zu wenig geschätzten Autorin ermöglicht mit glasklarer Sprache die fatalen Auswirkungen von aberwitzigen patriarchalen Strukturen und den leeren Gesten und Floskeln des Gutbürgerlichen zu zeigen. Regisseur Jakab Tarnoczi, der für seine Grazer Inszenierung von „Rutherford & Sons“ in der vergangenen Saison für eine Nestroy-Preis nominiert war, bringt all das grandios auf die Bühne. Kunstvoll lässt er die zwei Zeitebenen der Novelle (das fatale Drama um Stella und Annas späterer Versuch, dieses Drama schreibend aufzuarbeiten) ineinanderfließen – getragen von den beiden Annas Sarah Sophia Mayer und Olivia Grigolli, die eindrucksvoll zwischen Mitleid und Selbstmitleid, Aufarbeitung und Verdrängung oszillieren.

Der Abgrund lauert unter der Oberfläche
Zudem kommt seine Inszenierung den Figuren mit zwei Live-Kameras sehr nahe, erlaubt ihnen mit Blicken direkt in die Linse (und damit ins Publikum) auch kurze Ausbrüche aus der gespielten Bürgerlichkeit. Trotzdem ist klar zu erkennen, dass unter der Oberfläche der Abgrund schlummert und es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Kern der Geschichte – Otiti Engelhardt braucht nicht viel Text, um sich ins Zentrum zu spielen – abstürzt.

Bewusst spielt der Abend nicht nur mit der Meta-Ebene, sondern auch mit Längen und Langeweile – das Böse ist hier nämlich kein schillernder Teufel, sondern ein verrottet-überhebliches System. Sebastian Schindegger als aalglatter Richard, Thomas Kramer als sein befreundeter Arzt sowie Anke Stedingk als theatralisch-trauernde Mutter verkörpern sie symbolisch und doch ganz ohne überzeichnete Klischees.

Das Resultat ist eine Inszenierung die nah am Text ist und doch einen sehr klare eigene Bühnensprache findet – sehr gelungen!

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