Das Schauspielhaus Graz entdeckt mit „Rutherford & Sohn“ ein Stück der britischen Autorin Githa Sowerby wieder und verwandelt es meisterhaft in ein hochintensives, zeitgenössisches Familiendrama. Ein Glücksgriff.
Das Zuhause ist ein Gefängnis aus Containerwänden und Ikea-Katalogs-Chic, aus Erwartungen und Missverständnissen, in dem die Familie über zwei Stunden konsequent auf die Eskalation zusteuert: Die Bühne dreht, die dumpfen Geräusche schwelen. Alle hassen einander und alle sind voneinander abhängig.
Das Schauspielhaus Graz ist auf einer Mission, den Kanon der Theaterliteratur zu erweitern. Dafür ist „Rutherford & Sohn“ der in Vergessenheit geratenen Autorin Githa Sowerby ein Glücksgriff: 1912 in London uraufgeführt, dreht sich das Stück um einen Glasfabrikanten und dessen Familie. John, der Erbe, will dem Vater seine Idee verkaufen, die das Unternehmen retten könnte, scheitert aber am Vertrauen zu sich selbst. Janet, die Tochter, bandelt mit des Vaters getreuesten Mitarbeiter Martin an. Richard, der zweite Sohn, kann sich auch als Priester nicht seiner Autorität entziehen.
Großes Kino auf der Bühne
Der ungarische Regisseur Jakab Tarnóczi findet für die österreichische Erstaufführung von Sowerbys autobiografisch inspiriertem Stück einen fast filmischen Zugang: Die Schauspieler sprechen mikrofoniert direkt miteinander, das Publikum beobachtet sie durch fehlende Wände in intimsten Bereichen: zu Tisch, bei der Morgentoilette, im Büro. Bühne (Eszter Kálmán) und Kostüme (Ilka Giliga) im skandinavischen Minimalismus bieten Raum für die Dialoge ohne jegliche Längen zwischen Liebenden, Geschwistern, Vater und Kindern. Gerhild Steinbuchs geglückte Neuübersetzung holt das Stück auch sprachlich ins Jahr 2025: „Wie kann man nur so ein Arschloch sein?“, sagt John einmal.
Macht ist subtil
Franz Solar spielt Rutherford nicht als polternden Patriarchen, sondern übt seine Dominanz unterschwellig aus: Er tritt nicht im Dreiteiler auf, sondern in Gore-Tex-Wanderhose. Seine Macht behält er auch in Unterwäsche am Mini-Stepper. Er säuselt fast. Er muss gar nicht schreien.
Das ganze Ensemble zeigt Höchstleistungen: Marielle Layher als Janet ist stark und stur, Thomas Kramer als Martin verzweifelnd gut, Mario Lopatta lässt seinen John hadern und schwanken. Anke Stedingk als Mrs. Henderson, eine Bewohnerin des Ortes, bricht aus und brüllt – um nur einige zu nennen.
Das einzige Manko ist das etwas dick aufgetragene Ende. Ansonsten ist „Rutherford & Sohn“ ein Paradebeispiel dafür, wie man ein über hundert Jahre altes Drama in Höchstform bringt.
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