Nicht weit von Vorarlberg entfernt liegt eine Landschaft mit rauem Charme: die Adelegg. Der deutsche Journalist und Autor Rudi Holzberger hat deren Geschichte aus dem Vergessen geholt.
Die Adelegg im Allgäu ist eine Landschaft der leisen Extreme. Zwischen Kempten, Isny und Leutkirchen erhebt sich dieser voralpine Höhenzug – ein ausgedehntes Waldmassiv aus markantem Nagelfluhgestein. Tief eingeschnittene Tobel, weite Hochweiden und eine vielfältige Natur prägen das Bild. Mitten hindurch verläuft die historische Grenze zwischen Bayern und Württemberg. Hier ragt auch der höchste Punkt Württembergs empor: der Schwarze Grat mit 1118 Metern. Die Flüsse Eschach und Kürnach durchziehen das zerklüftete Bergland und haben es über Jahrtausende geformt.
Abgeschieden und lange Zeit unberührt
Lange Zeit blieb die Adelegg nahezu unberührt – ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zu abgeschieden, zu rau, ein scheinbar endloses Meer dunkler Wälder und versteckter Täler. Allenfalls als Jagdgebiet fand die Region Beachtung. Diese abgeschiedene Gegend gehörte über lange Zeit dem Fürststift Kempten sowie dem Kloster Isny. Um 1600 begann sich das zu ändern: Aufgrund akuten Holzmangels nahmen die Verantwortlichen der Stadt Ulm Verhandlungen mit dem hoch verschuldeten Kloster Isny auf. Der Abt verkaufte schließlich Waldflächen in einem Seitental der Eschach an die Ulmer. Rodungen folgten, ein kleiner Weiler entstand.
Doch dauerhaft besiedelt wurde die Adelegg erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts – ausgelöst durch die Ansiedlung eines ganzen Industriezweigs. In der vom Barock geprägten Wiederaufbauphase nach dem Dreißigjährigen Krieg war die Nachfrage nach Fensterglas sowie anderen Glaswaren groß. Die Adelegg bot dafür ideale Voraussetzungen: In den Molasseschichten lagerten Quarz und Kalk in Form geeigneter Sande und Gerölle. Hinzu kam der Reichtum an Holz – unentbehrlich sowohl als Energieträger als auch zur Gewinnung von Pottasche.
Die Erschließung dieser Region verlangte allerdings nach einem besonderen Menschenschlag: nach Frauen und Männern mit handwerklichem Geschick, Ausdauer und der Fähigkeit, den steilen Hängen einen Lebensunterhalt abzuringen. Mit dem Versprechen auf ein kleines Stück Land und Arbeit lockten die Grundherren immer mehr Menschen in diesen Teil des Allgäus. Die Zugewanderten errichteten auf Hangschultern und den Höhenlagen Höfe zur Selbstversorgung. Während die Männer meist Zuarbeit für die Glashütten leisteten – als Fuhrleute, Holzmacher, Aschenbrenner oder Glasträger -, lag die Landwirtschaft überwiegend in den Händen von Frauen und Kindern.
Auch viele Vorarlberger siedelten in die Adelegg
Die Herkunft der neuen Siedler war vielfältig. „Die Glasmacher stammten größtenteils aus dem Schwarzwald, Bergbauern und Knechte aus der weiteren Umgebung sowie aus Vorarlberg und der Ostschweiz. Beliebt waren unter anderem Mäher und Sensenschleifer aus dem Montafon. Die Holzfäller wurden unter dem Sammelbegriff Tiroler zusammengefasst, wobei nicht immer zwischen Tirolern und Vorarlbergern unterschieden wurde“, erklärt Rudi Holzberger.
Der Journalist, Historiker und Autor ist in Kreuzthal, einem Dorf in der Adelegg, aufgewachsen und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte dieser Landschaft. Er weiß, dass die Gründe, wieso Menschen ihr Glück in dem entlegenen Winkel des Allgäus suchten, durchaus vielfältig waren: „Wer in seiner Heimat in der Erbfolge zu weit hintanstand, der witterte die Chance, sich hier etwas aufzubauen. Andere wiederum wollten problematischen Lebensverhältnissen entkommen und suchten in der Fremde den Neuanfang. Nicht wenige gingen fernab der Heimat auf Partnersuche.“ Der Historiker gibt zu bedenken, dass es oft nicht einfach sei, einzelne Lebensgeschichten nachzuverfolgen – vor allem dann, wenn die betreffenden Personen es nie geschafft haben, Grundeigentum zu erwerben und daher nicht in offiziellen Dokumenten auftauchen. So verliert sich manche Lebensspur in der Adelegg.
Die Hochblüte der Glashütten in der Region erstreckt sich vom späten 17. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Holzverknappung, steigende Transportkosten und die Verlagerung der Glasindustrie in günstigere Regionen führten schließlich zur Aufgabe der Hütten. Nach dem Ende der „gläsernen Zeit“ blieben die Bauernhöfe zunächst weiter bestehen. Doch wegen der langen Winter und der kurzen Vegetationszeit war die Landwirtschaft auf der Höhe mühselig und nicht sehr ertragreich. Außerdem forderte die Abgeschiedenheit und damit verbundene lange Wege zu Kirche, Schule oder Einkaufsmöglichkeiten ihren Tribut.
Attraktiveres Leben im urbanen Raum
Das Leben in einem urbaneren Umfeld bot mehr Annehmlichkeiten und bessere Arbeitsbedingungen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden bereits Höfe zusammengelegt und andere gänzlich aufgegeben. Mit ihnen verschwanden meist auch die Wiesen und Weideflächen. Viele davon wurden aufgeforstet oder der Natur überlassen.
Die Spuren der Vergangenheit lesen
Rudi Holzberger hat es sich zur Aufgabe gemacht, die sogenannten Wüstungen der Adelegg aufzuspüren. Wer die Zeichen zu lesen weiß, kann die Spuren der Vergangenheit immer noch entdecken. „Ein großer Lindenbaum mitten im Nadelwald ist fast immer ein ehemaliger Hofbaum und markiert den Platz, an dem einst ein Bauernhaus stand. Dasselbe gilt für verwilderte Reihen von Ribiselsträuchern. Manchmal hat man auch das Glück und findet materielle Hinterlassenschaften wie Tonscherben“, sagt der Historiker. Mitunter haben sich auch Reste von Grundmauern erhalten. Rund 50 ehemalige Hofstellen hat Holzberger gemeinsam mit seinem Forscherkollegen Adalbert Hartmann im Kreuzthal bislang ausfindig gemacht und dokumentiert. Nur wenige der einstigen Bauernhäuser haben bis in die Gegenwart überdauert und werden heute meist als Feriendomizil genutzt.
Ein Paradies für Erholungssuchende
Nach einer Phase der Abwanderung und des Dornröschenschlafs wird die Adelegg mittlerweile wieder neu entdeckt: von Erholungssuchenden, Wanderern und Mountainbikern. Auf Anregung von Rudi Holzberger wurde daher ein Glasmacher-Themenwanderweg eingerichtet. Doch der Kreuzthaler hat noch eine größere Vision: „Mein Wunsch wäre es, dass an einer der Wüstungsstellen ein Hof möglichst naturgetreu wiedererrichtet wird.“ Damit die Geschichte der Adelegg einen sichtbaren Anker in der Gegenwart hat.
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