Live in der Stadthalle

Till Lindemann und die Königsdisziplin Provokation

Musik
30.11.2025 01:51

Kleine Proteste und Ungereimtheiten im Vorfeld zum Trotz, trat Rammstein-Frontmann Till Lindemann Samstagabend solo vor 14.000 Fans in der Wiener Stadthalle auf. Neben bewusst provokanten Videos und durchschnittlichen Songs ist der wahre Verkaufsschlager der Künstler selbst, der es perfekt versteht für Aufregung zu sorgen. Beeindruckend angesichts des schwachen Liedmaterials.

kmm

Das Demonstrationsrecht ist in Österreich ein Grundrecht. Es gilt für jedermann und jedefrau und bietet die Möglichkeit, öffentliche Meinungen und Forderungen auf der Straße zu äußern, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Die Demonstrationen gegen die deutsche Rockband Rammstein und deren Frontmann Till Lindemann haben Wien und ganz Österreich den Sommer 2023 über begleitet – wir haben ausführlich und detailliert berichtet. Die Judikative hat die Verfahren mittlerweile eingestellt, Rammstein tourten den Verträgen entsprechend auch noch 2024 munter weiter und befinden sich seither für unbestimmte Zeit auf Pause. Ob das kommerziell erfolgreiche Flaggschiff der Neuen Deutschen Härte überhaupt wieder zusammenfindet, ist offen, genauso offen ist die Frage, wie man mit dem 62-jährigen Sänger und den Vergewaltigungs- und „Row Zero“-Vorwürfen umgehen sollen.

Strafrecht gegen Moral
Fakt ist – das Strafrecht hat vorerst entschieden und ist so anzunehmen. Ganz im Gegensatz dazu ist das Moralverständnis gesellschaftlich unterschiedlich ausgeprägt und dehnbar – aber Moral schafft keine Gesetze und exekutiert keine Urteile, weshalb das seit einiger Zeit anberaumte Solo-Konzert von Lindemann in der Wiener Stadthalle niemals wankte – im Gegensatz dazu, dass unterschiedliche Initiativen mit Online-Petitionen und Guerilla-Maßnahmen, wie etwa öffentliche Anti-Lindemann-Straßenbemalungen mit Kreidestiften im Vorfeld noch eine Absage für die Show kurz vor dem ersten Adventsonntag forderten. Ob das Bild ein richtiges ist, einen Künstler nach jahrelangen derartigen Vorwürfen auf eine Bühne gehen zu lassen, mag moralisch verwerflich oder zumindest hinterfragenswert sein, doch sollte man in unserem gängigen Rechtssystem trotzdem froh darüber sein, dass Moral und Ethik nicht mit Judikative, Legislative und Exekutive gleichzusetzen sind. Eine Welt wäre in einem solchen Fall jedenfalls vogelwild und wesentlich willkürlicher.

Lichteffekte, viel Laser, aber kein Feuer und keine Explosionen. Bugetär ist Lindemann solo ...
Lichteffekte, viel Laser, aber kein Feuer und keine Explosionen. Bugetär ist Lindemann solo deutlich bekömmler unterwegs.(Bild: Andreas Graf)

Die ständige Negativ-PR und Aufregung um die Person und ihre Taten hat sich in der Öffentlichkeit jedenfalls zu einem positiven Bumerang für den Hauptbeteiligten entwickelt – ganz wertfrei und rein faktisch. War Lindemanns erste Soloshow kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie im Februar 2020 noch für einen vollen Gasometer gut, füllt er bei seiner Rückkehr mit neuer Band, neuen Songs und neuem Setting beinahe die Wiener Stadthalle. Nicht weniger als 14.000 Fans haben sich an diesem kühlen Samstagabend eingefunden, um ihrem Helden zu huldigen. Die meisten sind jahrelange Rammstein-Fans, vereinzelte sind auch mit seinem Solo-Oeuvre bewandert und zufrieden und ein gar nicht so geringer Teil an Anwesenden wusste lange nicht, ob er sich den nicht billigen Konzertabend mit harten Riffs und schrägen Kostümen gönnen sollte, entschied sich dann aber wohl aus Solidarität für Lindemann und Wut gegen seine Gegner für die Show des Berliners.

Das Innere nach außen gestülpt
Während seine Stammband mit industriellen Protzbühnenbauten und ausufernden Pyroeffekten für Staunen sorgt, setzt Lindemann selbst auf dauerhafte Provokation. In der strikt auf 90 Minuten gezwängten und ohne Begleitworte exerzierten Hauptabendshow ist die üppige Videowall hinten an der Bühne der eigentliche Hauptdarsteller. Dort sieht man kleine Fußbälle aus Penissen schwappen, weibliche Schamlippen unter Intim-Piercings flattern, blutige Klumpen und Därme in waidwunde Körperöffnungen zurückwandern oder Ratten mit Lindemann-Kopf in einem Hamsterrad laufen. Die beliebteste Kunstform des Sängers mit der markanten Kellerstimme ist der visuelle Schockeffekt. In Zeiten der ständigen und allumfassenden Verfügbarkeit jedweder Form von Fetischen, Abartigkeiten oder Perversitäten wirkt die kleine Horrorshow des Deutschen aber fast etwas antiquiert.

Draußen Stress, drinnen Freude – rund 14.000 Fans feierten in der Wiener Stadthalle den Auftritt ...
Draußen Stress, drinnen Freude – rund 14.000 Fans feierten in der Wiener Stadthalle den Auftritt von Till Lindemann.(Bild: Andreas Graf)

Während sich am Bühnenrücken die Grauslichkeiten türmen, treten auf ihr Menschen aus Fleisch und Blut in Szene. Die sehr weibliche Band Lindemanns steckt in martialischen Uniformen, während die zwei Tänzerinnen zum Auftakt „Fat“ noch als adipöse Strip-Nonnen in Erscheinung treten, dann aber zunehmend zu optisch verstärkenden Showgirls mutieren. Lindemanns Fantasiewelt ist eine spezielle und prinzipiell nur darauf ausgerichtet, irgendwem auf den Schlips zu treten. „Fat“ geht gegen Übergewichtige, „Sport frei“ erinnert bewusst an widerwärtigen Nazi-Sprech, in „Golden Shower“ fließen Urin-Sturzbäche aus Vulven, „Prostitution“ propagiert kritiklos Sexarbeit und „Praise Abort“ ist eine allumfassende Hass-Hymne. Wer bei all den verschiedenen Themen über die gesamte Spielzeit hinweg noch keinen Funken Ärger in sich brodeln verspürt hat, durchschaut das platte Spiel entweder und kann darüber lachen, oder er wartet auf das große Finale mit dem klingenden Namen „Ich hasse Kinder“, wo Lindemann sogar die sonst so unantastbare Gemeinschaftsfamilienbastion auseinanderpflückt und sich endgültig zum Bad Boy seiner Generation aufschwingt.

Mediokres Klangbild
Die visuellen Spiele und Spielchen dienen aber nicht nur als temporäre Schockeffekte, sie lenken auch von der puren Durchschnittlichkeit der Musik ab. Auch nach zig Jahren des Solodaseins muss man sagen, dass die besten Lindemann-Songs kaum die letzten Qualitätsrunden einer kollektiven Rammstein-Produktion überleben würden. Partiell durchdringende und starke Songs wie „Blut“, das mit einem Funk-Bass ausstaffierte „Platz Eins“ oder das bereits erwähnte „Ich hasse Kinder“ sind seltene Lichtblicke, die über das allumfassend mediokre Klangbild hinausleuchten. Frei nach dem Motto „Stumpf ist Trumpf“ steckt aber wenig Fleisch hinter den immergleichen, monotonen Rhythmusstampfern, deren ständige Schreie nach Aufmerksamkeit schnell ermüden. Dass bei „Platz Eins“ ausgerechnet Regenbogenfarben durch die Stadthalle leuchten, gehört wiederum zu jenen Lindemann-Humorschlenkern, die er in seiner sarkastischen Doppelbödigkeit wie kein Zweiter beherrscht.

Zackiger Iro, martialisches Äußeres und die bekannten Posen beim Performen: Till Lindemann – als ...
Zackiger Iro, martialisches Äußeres und die bekannten Posen beim Performen: Till Lindemann – als hätte man Rammstein auf Wish bestellt.(Bild: Andreas Graf)

Neben 14.000 entzückten bis enthusiasmierten Fans hat sich die demonstrative Protestriege vor der Wiener Stadthalle auf ein Minimum beschränkt. Wieso – im Gegensatz zu den zwei Happel-Stadion-Shows von Rammstein im Sommer 2023 – gar so wenige Lindemann-Gegner bereit waren, sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt physisch gegen das Objekt ihrer Abneigung zu präsentieren, verwundert und hinterlässt einen sonderbaren Beigeschmack. Wie weit man Lindemann und seine durchschnittliche Provokationsshow mögen muss, ist eine Sache. Prekärer wird es dann schon bei der ewigen Diskussion, ob sich die Kunst vom Künstler entkoppeln lässt und wenn ja, wie und weshalb. Wie bei vielen Dingen im Leben darf man von ihm und seiner Show wenig halten. Man darf sie abartig, widerlich oder krank finden. Man kann sich an der dargestellten Kunst und seiner flachen Inszenierung mokieren, aber man kann diese Kunst und ihren Urheber nicht verbieten, wenn es das Strafrecht nicht erfordert. Rein qualitativ geht aber in allen Belangen weitaus mehr …

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