Talk zum neuen Album

M.P. Kelly: „Meine Spuren führen nach Österreich“

Musik
31.10.2025 06:00

Vier Jahre lang schraubte Michael Patrick Kelly an seinem neuen Album „Traces“, für das er nicht nur seine Familiengeschichte aufrollte, sondern auch Helden in den Vordergrund holt und eine Friedenshymne verfasste. Der „Krone“ verriet er im Interview, was sein Antrieb für die Spurensuche war, warum er wieder mit seiner Familie arbeitete und was ihn zum Österreicher macht.

kmm

Michael Patrick Kelly hastet nicht. Alle vier Jahre veröffentlicht er im Schnitt ein neues Studioalbum. In Zeiten der permanenten Beschallung und der inflationären Veröffentlichung von Singles für Streamingplattformen und Radio-Airplay ist das ein fast schon antiquierter Zugang zum modernen Musikgeschäft. Der Erfolg gibt dem 47-Jährigen aber recht. Vor allem das letzte Werk „B.O.A.T.S.“ samt der Erfolgsnummer „Beautiful Madness“ hievte den Wahldeutschen fast in die Popularitätssphären der alten Kelly Family-Tage. „Die letzten drei Alben waren sehr erfolgreich und wir haben die jeweilige Tour immer um ein oder zwei Jahre verlängert, weil die Nachfrage so groß war. Zudem schreibe ich mit jedem Album immer mehr Songs“, erzählt er im „Krone“-Talk. 60 waren es für den Vorgänger, für das brandneue Werk „Traces“ sogar an die 100. „Ich war 18 Monate lang in einem richtigen Schreibfieber. Manche Songs kommen erst dann wirklich an, wenn man genug Raum für sie geschaffen hat.“

Vom Kinderstar übers Kloster zur zweiten Karriere als Popstar: Michael Patrick Kellys Leben ...
Vom Kinderstar übers Kloster zur zweiten Karriere als Popstar: Michael Patrick Kellys Leben verlief äußerst bunt.(Bild: Eva Manhart)

Suche nach dem Sinn des Lebens
Wie der Albumtitel seines sechsten Solowerks bereits vermittelt, hat sich Kelly konzeptionell auf Spurensuche begeben. Der ausschlaggebende Grund dafür war die Erinnerung an seinen 2002 verstorbenen Vater Dan, die wieder hochkam. „Am Tag, als er starb, trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift: ,Viele Menschen treten in dein Leben, aber nur wenige hinterlassen Spuren‘. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Welche Menschen hinterließen in meinem Leben Spuren? Welche Spuren möchte ich im Leben anderer Menschen hinterlassen? Was kann ich anderen geben? Zu den schlimmsten Dingen in der Gegenwart zählt heute unser Egoismus. Wir leben viel zu narzisstisch und selbstzentriert. Wenn alles gut geht, haben wir ca. 4000 Wochen, die uns im Leben zur Verfügung stehen. Natürlich, man will Geld verdienen, einen guten Job haben, eine Familie gründen. Aber was ist der höhere Sinn dahinter? Welchen Zweck erfüllen wir? Diese Fragen haben sich mir gestellt.“

Mit „The Day My Daddy Died” gibt es auf dem Album einen Song, der direkt seinem Vater gewidmet ist und bei der die Kelly Family mitsingt - das ist nach Jahren der Entfernung zwischen Michael Patrick und seinen Geschwistern eine kleine Musiksensation. „Ich habe seit mehr als 20 Jahren nicht mehr mit ihnen performt und ein paar Tage, bevor wir die Bänder zum Mastern abgegeben haben, kam diese spontane Eingabe. Es war unmöglich, sie alle ins Studio zu kriegen, aber ich habe sie angerufen und ihre Parts wurden in den USA, in Irland, in Spanien und in Deutschland in verschiedenen Tonstudios eingespielt. Dann habe ich die Stimmen zusammengefügt. Es geht hier weder um einen Marketingcoup, noch um Reunions-Pläne, sondern nur um ein musikalisches Denkmal für meinen Vater. Wir waren früher eine Band, eine Familie und ein Business. Sich mal nur als Geschwister ohne andere Hintergründe zusammen zureden, war eine sehr schöne Sache.“

Eine Ode an den Frieden
Der zweite Stargast auf „Traces“ ist der Star-Tenor Jonas Kaufmann, dem Kelly das Lied „Symphony Of Peace“ auf den Leib geschrieben hat. „Mir war es wichtig, wieder einmal eine richtige Friedenshymne zu schreiben, weil es so etwas schon länger nicht mehr gab. Die Menschen haben sehr viel Sehnsucht nach Frieden. Nicht nur bei Kriegen und in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht, sondern auch tief in ihrem persönlichen Inneren. Das Lied ist fünfeinhalb Minuten lang, vermischt Pop, Rock und Klassik mit einem Chor und Kaufmanns Stimme. Es ist mein persönlicher Favorit auf dem Album und schließt es gut ab.“ Auf dem Weg dahin behandelt Kelly diverse Spuren seines Lebens, die zum Teil tief zurückreichen oder auch Helden des Alltags hervorkehren. So etwa in „Keep Hope Alive“, das von einem Highway Patrol Officer in San Francisco handelt, der in seiner 15-jährigen Dienstzeit mehr als 200 Menschen vor einem Suizid auf der Golden Gate Bridge bewahrt hat. Kelly selbst hatte vor mehr als 25 Jahren eine suizidale Krise und schrieb schon früher Songs zu diesem Thema.

„Heute bin ich ein hoffnungsvoller Mensch, was auch mit meinem Glauben zusammenhängt. Das Thema ist nicht nur bei jüngeren, sondern auch älteren Menschen gegenwärtig. Etwa bei jenen, die sich stark mit ihrem Beruf identifizieren und zu Pensionsbeginn in ein Loch stürzen. Viele Menschen leiden stark unter Einsamkeit und manchmal kann ein Song ein Trigger sein, um zu helfen.“ Wenn es um die Magie seiner Musik geht, kommt Kelly ins Schwärmen und Erzählen, denn dahingehend hat er über die letzten vier Jahrzehnte seines Lebens schon sehr viel erlebt. „Die Skifahrerin Michelle Gisin zieht sich vor jedem Rennen einen Song von mir rein, um Ängste und Unsicherheiten abzuschütteln. Manche Menschen haben zu meinen Songs geheiratet oder jemand Geliebten beerdigt. Unlängst hat mich in Leipzig eine Frau umarmt und sich bedankt, weil sie meinte, ohne meine Musik wäre sie nicht mehr hier. Das sind die Momente, wo dir bewusst wird, dass Musik mehr ist als reines Entertainment. Sie kann gesellschaftsrelevant sein. In diesem Sinne gebe ich auch Friedrich Nietzsche recht, wenn er sagt, ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Kelly im Gespräch mit „Krone“-Redakeur Robert Fröwein zu den Themen Musik, Menschlichkeit und ...
Kelly im Gespräch mit „Krone“-Redakeur Robert Fröwein zu den Themen Musik, Menschlichkeit und Zusammenhalt.(Bild: Eva Manhart)

Es geht um Wahrhaftigkeit
Rein musikalisch entfernt sich „Traces“ stärker von den gewohnten Rockgitarren der letzten Alben, dafür gibt es verstärkt Gospel-Momente und lebensbejahenden Pop. Die teils fröhlichen Melodien stehen dabei im bewussten Gegensatz zu den persönlichen und schweren Texten, die manchmal besonders tief ins Seelenheil des Künstlers blicken lassen. „Ein guter Song besteht aus drei Akkorden und der Wahrheit. Du kaufst auch Johnny Cash jedes Wort ab, das er singt und insofern ist auch für mich das Songwriting zu 100 Prozent eine Wahrheitssuche.“ Von der Theorie, dass man Songs in erster Linie für sich selbst und nicht für andere schreiben sollen, ist Kelly jedenfalls nicht zu 100 Prozent überzeugt: „Ich habe früher viel mehr aus mir selbst geschrieben, heute habe ich auch andere Menschen im Kopf.“ Apropos „Traces“: Kelly wurde im Dezember 1977 in Dublin geboren, aber „meine Eltern waren rund neun Monate vorher in Wien zugegen. Man kann wohl sagen: ,I am from Austria‘“.

Wien-Konzert noch unsicher
Am 30. April wäre Michael Patrick Kellys Konzert in der Wiener Stadthalle geplant gewesen, der Termin fällt wegen des Song Contests aber auf jeden Fall flach. Wie es damit weitergeht, ist unklar. Kelly selbst verspricht aber einen Ersatztermin, der so bald wie möglich kommuniziert werden wird.

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