Mit „Squeeze Me“ veröffentlichte die in den USA geborene Wahldeutsche Sophia Kennedy vor einem halben Jahr ihr drittes Album und kommt damit live ins Wiener Flucc. Der „Krone“ erzählt sie im Talk, worauf es ihr bei der Musik ankommt und wieso Weiterentwicklung manchmal schwierig ist.
Die Ambiguität von Pop durchzieht die gesamte musikalische Historie des Genres. Einerseits als besonders authentische Form der artifiziellen Entkoppelung persönlicher Gedankenströme, andererseits als grellbunte Beschallung, die das Leben verbessern und den Eskapismus erhöhen soll. Die im amerikanischen Baltimore geborene Sophia Kennedy wählt für ihre Form der Musikweitergabe seit jeher den ersten Weg. Der mag durchaus komplexer und steiniger sein, wird auf Langstrecke aber zumindest für mehr persönliche Zufriedenheit sorgen. Ihr im Frühling erschienenes Drittwerk „Squeeze Me“ ist spielerischer und leichter als die Vorgänger ausgefallen und zeigt – in der Post-Corona-Zeit – eine Denkerin, die sich von den Fesseln der Reflexion befreien und in ihrer Musik fallen lassen konnte. Im Songwriting zählt Reduktion statt Bombast. Es gibt repetitive Klavierakkorde („Rodeo“), Orgelklänge und Drumcomputer-Beats („Imaginery Friend“) oder hypnotische Dunkeldiscokracher („Runner“) zu entdecken.
Zu zweit zum gemeinsamen Ziel
Die einzelnen Tracks sind durchzogen von detailfreudiger Liebe zum Sound, von Doppelbödig- und Doppeldeutigkeiten und lassen sich nicht so einfach in ein Genre-Korsett stecken. Ein wichtiger Teil von Kennedys musikalischer Breitenwirksamkeit ist ihr seit Jahren etablierter Co-Songwriter und musikalischer Kompagnon Mense Reents (Die Goldenen Zitronen), der seinen Anteil an den eigenständigen Kompositionen der Künstlerin hat. Die beiden gaben uns schon vor einiger Zeit bei ihrem Auftritt im Wiener Volkstheater Einblicke in ihre Kreativwelt. „Mir ist schon bewusst, dass Musik eine bestimmte Größe hat und manchmal ins Filmische gehen kann, aber das ist erst einmal nicht das, was ich mir vorab überlege. Der jeweilige Ort, an dem man die Musik spielt, verändert sie dann auch wieder. Ich versuche immer das Theatralische in meiner Musik zu finden, sie aber trotzdem Pop sein zu lassen“, so Kennedy im „Krone“-Talk.
Dass das aktuelle Album „Squeeze Me“ doch so anders und zuweilen auch heller klingt als der direkte Vorgänger „Monsters“ aus dem Jahr 2021, ist mit Sicherheit der zunehmenden Reife der Künstlerin geschuldet. Ob sie mit 36 Jahren nun endgültig ihre musikalische Identität gefunden hat, ist noch unklar. „Ich will meine Identität, glaube ich, gar nicht finden, denn dann wird es wohl langweilig. Zumindest stelle ich mir das so vor. Es ist immer gut, in seiner Entwicklung eine gewisse Festigkeit zu haben und von dort aus neu durchzustarten, aber vielmehr wünsche ich mir, dass ich immer noch neu dazulernen kann, ohne dabei aber nur an die Karriere zu denken. Ich bin gar nicht so sehr auf der Suche nach mir selbst, wie das manche vielleicht von außen wahrnehmen.“ Kennedy zog als Zehnjährige nach Hamburg, wollte ursprünglich Film studieren und pendelt jetzt als Popmusikerin zwischen der Hansestadt und Berlin hin und her.
Pop als Zugangserleichterung
Mit ihren zuweilen vertrackten und sehr verspielten Kompositionen gehört sie zu den Lieblingen der Kritiker und hat sich eine sehr treue Fanbase aufgebaut. Die Zusammenarbeit mit Reents ist der entscheidende Baustein für die Eigenständigkeit. „Wir sind beide sehr offen, was Musik anbelangt und hören ganz viele verschiedene Genres. Es wirkt vielleicht so, dass es in meiner Musik eine große Strenge gäbe, dabei lassen wir beide erst einmal sehr viel zu.“ Kennedy geht es um den Weg und nicht zwingend ums Ziel. „Am wichtigsten ist es, nicht auf der Stelle zu treten, sondern weiterzukommen und nächste Schritte zu gehen.“ Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass sie die Menschen mit ihrem Sound näher an sie ranlässt, als es im richtigen Leben der Fall wäre. „Ich stelle mir im Pop oft die Frage, inwieweit ich mich zeigen will. Oft stellt man das Persönliche ganz weit nach vorne, denn nur kunstvoll und unerreichbar zu sein, ist auch schwierig.“
Kunstvolle Musik entsteht am Ende auch aus Kontrasten – diese ergeben sich gut aus den Unterschiedlichkeiten zwischen Kennedy und Reents. „Es geht nie darum, etwas in der Eindeutigkeit zu platzieren. Es muss immer kleine Irritationsmomente geben und es sollten Welten zusammenfinden, die eigentlich nicht wirklich zusammengehen, aber dem Hörer dann doch Spaß machen.“ Bei all der Liebe zur Veränderung bleibt eine Konstante starr bestehen: Selbstzweifel. „Die sind immer da. Zudem bin ich streng mit mir selbst, weil ich nur Musik veröffentlichen möchte, die auch für mich selbst aufregend genug ist. Das darf man aber nicht mit Perfektionismus verwechseln, denn wir sind keine verbissenen Leute von der Pop-Hochschule. Um die Dinge für einen selbst und für andere spannend zu halten, gehört aber immer ein bisschen Quälerei dazu.“
Live in Wien
Am 14. Oktober spielt Sophia Kennedy im Wiener Flucc und stellt dabei auch ihr neues Album vor. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Informationen.
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