Beitritt weit weg
Bosnien-Herzegowina: Das Sorgenkind der EU
So hat EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle kürzlich sogar die Streichung von Vorbeitrittshilfen für Bosnien-Herzegowina angekündigt, weil sich die zerstrittenen bosnischen Politiker nicht auf ein Ende der ethnischen Diskriminierung im Staatspräsidium einigen konnten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat bereits im Jahr 2009 festgestellt, dass der ethnische Proporz von Muslimen, Serben und Kroaten menschenrechtswidrig sei, weil kleineren Volksgruppen wie Juden der Weg ins höchste Staatsamt verbaut wird.
Trotz massiven Drucks der EU konnten sich die bosnischen Politiker bisher nicht auf eine Gesetzesänderung einigen. Die durch den Dayton-Friedensvertrag im Jahr 1995 geschaffenen Staatsstrukturen geben den einzelnen Volksgruppen nämlich umfassende Blockaderechte in den zentralstaatlichen Gremien, die im Vergleich zu den beiden Landesteilen - die Bosnisch-Kroatische Föderation und die Serbische Republik - nur wenige Kompetenzen haben.
Zentralstaat vs. Republik
Während den Muslimen als größter Bevölkerungsgruppe an einer Stärkung des Zentralstaates gelegen ist, achten die Serben argusäugig auf die Zuständigkeiten ihrer "Republik". Somit wird in Bosnien fast alles zum Gegenstand ethnischer Auseinandersetzungen, sogar technische Fragen wie die Einführung neuer Personalausweise.
Über diese Frage wurde Anfang dieses Jahres monatelang gestritten, weil sich die Serben an der geplanten Überschneidung einiger Verwaltungseinheiten mit den Landesgrenzen stießen. Da keine neuen Personalausweise ausgestellt werden konnten, kam es sogar zu einem tragischen Zwischenfall: Ein Baby verstarb, weil es wegen eines fehlenden Ausweises nicht schnell genug zur medizinischen Behandlung nach Serbien gebracht werden konnte.
Kein Ende der Vormundschaft
Damit zeichnet sich kein Ende der internationalen Vormundschaft ab, unter der Bosnien-Herzegowina seit Ende des Krieges im Jahr 1995 steht. Als im März 2009 Valentin Inzko zum internationalen Bosnien-Beauftragten ernannt wurde, gingen Beobachter nur von einem kurzen Mandat des österreichischen Diplomaten aus, da die "volle Unabhängigkeit" des Balkanlandes bevorzustehen schien. Tatsächlich wird Inzko mit Jahreswechsel zum Rekordhalter unter den bisherigen Bosnien-Beauftragten, was die Länge der Amtszeit betrifft.
Und auch wenn sich Bosnien immer mehr vom Ziel EU-Mitgliedschaft zu entfernen scheint, im Fußball spielt es auf Weltniveau. Kürzlich schaffte die bosnische Nationalelf nämlich die Qualifikation für die Fußball-WM 2014 in Brasilien. "Ein gigantischer Erfolg, der das Land einen wird", so Inzko. Vor allem dann, wenn neben Serbien auch Kroatien die Qualifikation für Brasilien verpassen wird und alle drei Volksgruppen die Daumen für die bosnische Nationalelf drücken "müssen".












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