2008 von Deep Silver Vienna erstmals angekündigt, sollte "Ride To Hell: Retribution" ursprünglich bereits 2009 erscheinen. Doch der Termin wurde nicht eingehalten und mit der Schließung der Wiener Spieleschmiede im Jahr 2010 wurde der Titel schließlich offiziell für eingestellt erklärt. Bis zum März dieses Jahres, als er unter Federführung des einstigen britischen Co-Entwicklers Eutechnyx ("Nascar: The Game", "Pimp My Ride") plötzlich aus dem Nichts wieder auftauchte.
Dass "Ride To Hell: Retribution" aber besser in der Versenkung geblieben wäre, wird einem leider schon nach wenigen Minuten bewusst. Besonders ernüchternd: Nahezu der gesamte Spielinhalt wird bereits binnen des verwirrenden Prologs ausgebreitet – danach gibt es nur noch wenig Neues zu entdecken. Und selbst wenn: Spaßig, hübsch anzusehen oder wenigstens technisch gut umgesetzt ist dies alles nicht. Zwischenfazit: Finger weg!
Aber worum geht es eigentlich? "Ride To Hell: Retribution" erzählt die Geschichte des Vietnamveteranen Jake Conway, der nach seiner Rückkehr in die US-Heimat mitansehen muss, wie sein Bruder kaltblütig von einer Biker-Gang namens "The Devil's Hand" ermordet wird. Warum dies an dieser Stelle frank und frei ausgeplaudert wird? Weil sich ohnehin niemand, und schon gar nicht freiwillig, an dieses Spiel heranwagen sollte.
Prügeleien in all ihren Facetten
Doch zurück zur vernachlässigbaren Handlung: Jake schwört Rache, schwingt sich auf sein Motorrad und zieht alsdann eine blutige Schneise der Vergeltung durchs Hinterland. Geprägt wird das Spielgeschehen fortan von drei stetig wiederkehrenden Elementen: Fahrten mit dem Motorrad, während derer geprügelt wird, in sich geschlossenen Prügeleien ohne Motorrad und Abschnitten, in denen man sich frei bewegend prügeln und beschießen darf.
Mit Ausnahme von Letzterem haben diese Elemente zumeist Minispiel-Charakter und dauern wenn überhaupt nur wenige Minuten, bevor erneut ein Ladescreen den Bildschirm ziert. Faszinierend an den Motorradfahrten ist, dass das Bike prinzipiell auch ohne weiteres Zutun fährt, gegen die Leitplanke immun ist und auf Wunsch sogar kilometerlang geradeaus auf dem Boden rutschen kann – ein Feature, das eigentlich benötigt wird, um unter Lastwagen und anderen Hindernissen, die komischerweise rund um die Uhr die Highways versperren, hindurch zu rutschen. Von Fahrphysik also keine Spur.
Die Prügeleien, ob auf dem Motorrad oder zu Fuß, gestalten sich ähnlich anspruchslos: Einfache Quick-Time-Events, auf die zu reagieren selbst im mittleren von drei Schwierigkeitsgraden ausreichend Zeit bleibt, ergänzen sich mit einem ebenso simplen Kampfsystem (jeweils ein Knopf fürs Schlagen, Blocken und Treten) zu einer stupiden Knöpfchen-Drückerei. Dass Jake über eine Spezialattacke verfügt, ist nett, aber letztlich bedeutungslos, da man in der gleichen Zeit, die das Ausführen derselbigen in Anspruch nimmt, ebenso effektiv gewöhnliche Watschen verteilen kann.
Unverwundbare Gegner und andere Ungereimtheiten
Im Spielverlauf bekommt der Held schließlich auch Schusswaffen in seine viel zu groß geratenen Hände. Mit ihnen zu zielen, entpuppt sich als echte Herausforderung. Hat man schließlich getroffen, steht man vor einem ganz anderen Problem: Die Kugeln können den Gegnern offenbar nichts anhaben. Problemlos stecken sie mehrere Körpertreffer weg, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Nur wer den Kopf trifft, setzt der Konfrontation ein schnelles Ende. Skurrilerweise gilt dies nicht für maskierte Gegner, bei denen es sich genau umgekehrt verhält: Selbst Dutzende Schüsse zwischen die Augen führen hier nicht zum gewünschten Ergebnis.
Sex in voller Montur
Zu guter Letzt kommt dann auch noch der versprochene Sex ins Spiel. Wer sich allerdings prickelnde Erotik erhofft, wird enttäuscht: Als Abwechslung zwischen den nervenaufreibenden Action-Sequenzen darf den wahrscheinlich am wenigsten prickelnden Schäferstündchen der Videospielhistorie beigewohnt werden. Selbst "Leisure Suit Larry" hatte in dieser Hinsicht mehr zu bieten. Vielleicht wäre die Leidenschaft ja schon besser zum Ausdruck gekommen, wenn zumindest eine der am Koitus beteiligten Personen sich wenigstens eines ihrer Kleidungsstücke entledigt hätte. Doch Fehlanzeige: Miteinander geschlafen wird in voller Montur – vermutlich, damit sich nach den brutalen Schlägereien keiner der Sittenwächter über allzu viel nackte Haut beschwert.
Ein paar lobende oder zumindest anerkennende Worte gibt es dann aber auch für "Ride To Hell: Retribution" noch: Die Leistung der Synchronsprecher ist zumindest nicht ganz so schlecht wie vieles andere; die Musik kann sich ebenfalls hören lassen, wiederholt sich jedoch bereits nach kurzer Zeit; und dass nach einer guten Stunde zumindest ein wenig Open-World-Feeling samt Auftragssystem, Anpassungsmöglichkeiten für Waffen und Motorrad sowie freischaltbaren Fertigkeiten aufkommt, verleiht dem Spiel zumindest eine gewisse Tiefe. Haben möchte die zu diesem Zeitpunkt aber bereits niemand mehr.
Fazit: Es gibt Spiele, die sind so schlecht, dass sie schon wieder gut sind. Für "Ride To Hell: Retribution" gilt dies leider nicht. "Gott kennt Gnade, Jacke Conway nicht", heißt es im offiziellen Pressetext – besser wäre es allerdings gewesen und er hätte uns alle von diesem Spiel verschont. "Ride To Hell: Retribution", so wie es jetzt vorliegt, hätte selbst zu seinem ursprünglich angepeilten Veröffentlichungstermin 2009 niemanden aus den Socken gehauen. 2013 grenzt es jedoch an Frechheit, ein solches Spiel überhaupt zu veröffentlichen – noch dazu als Vollpreistitel.
Plattform: Xbox 360 (getestet), PS3, PC
Publisher: Deep Silver
krone.at-Wertung: 2/10








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