09.03.2013 17:00 |

"Krone"-Interview

Mistkübler: "Wie Verbrecher haben sie uns behandelt"

Vergangenen Dienstag hat ein skurriles Gerichtsurteil für Kopfschütteln gesorgt. Weil sie zu viel Abfall mitgenommen und dies nicht ihrem Vorgesetzten gemeldet hatten, wurden in Wien drei Müllmänner wegen Amtsmissbrauchs - nicht rechtskräftig - zu je drei Monaten bedingter Haft verurteilt. Im Interview mit Conny Bischofberger packt einer der drei Verurteilten, Josef Wimmer (Bild), aus.

Altlichtenwarth im Weinviertel, zehn Minuten von der tschechischen Grenze entfernt. Josef Wimmer (61) erwartet uns im orangen Arbeitsgewand der Wiener Müllabfuhr. "Ich hab's mir von einem Kollegen ausgeborgt", erklärt er fast schuldbewusst. Als fristlos Entlassener hat er eigentlich kein Recht mehr, es zu tragen.

Im kleinen Häuschen mit Garten verbringt der Wiener - nach 23 Dienstjahren bei der MA 48 - seine Zwangspension. An einer Steinmauer hängen Emailschilder, die er vor der Verschrottung gerettet hat. "Wär doch schad' drum gewesen", findet er. Als Mistkübler entwickle man mit der Zeit eine Liebe zu Gegenständen, die keiner mehr braucht.

Im "Krone"-Gespräch erzählt Herr Wimmer seine traurige Geschichte. Der alte, zahnlose Kater Moritz weicht nicht von seiner Seite. Drei Monate bedingt wegen Amtsmissbrauchs - das Urteil lastet schwer auf den Schultern des 61-Jährigen.

"Krone": Herr Wimmer, werden Sie lieber als Mistkübler oder als Müllmann bezeichnet?
Josef Wimmer: Mistkübler! Die Leut' sagen auch Karottenballett zu uns. Die Leut' mögen uns, weil wir einem jeden helfen.

"Krone": Wie geht es Ihnen nach der Verurteilung?
Wimmer: Ned gut. Zwei Jahre lang mussten wir auf die Verhandlung warten. Man fühlt sich mies. So hab' ich mir das Ende meines Arbeitslebens ned vorgestellt.

"Krone": Erzählen Sie uns vom Ende.
Wimmer: Das war am Donnerstag, den 10. Februar 2011. Da haben's uns - mich, den Willibald und den Gerhard - von der Fultongasse abgeholt, zwei vom Innendienst und der Oberinspektor. Wir durften uns ned amal die Händ' waschen oder aufs Klo gehen. Ich hab' auch meine Frau nicht anrufen dürfen. Im Auto haben wir nix reden dürfen. Wir wussten nicht einmal, was los ist! Wie Verbrecher haben sie uns behandelt. Wir wurden in die Zentrale gebracht, dort hat uns der Chef aufgeklärt.

"Krone": Waren Sie überrascht?
Wimmer: Natürlich! Was würden Sie sagen, wenn Sie mehr als 50 Tage von Ihrer eigenen Firma heimlich gefilmt und fotografiert werden? Die sind uns ja schon seit Weihnachten 2010 herum nachgefahren.

"Krone": Vor Gericht haben Sie gesagt, dass Sie sich schuldig fühlen. Warum?
Wimmer: Ich fühl' mich ja schuldig, jetzt, wo ich weiß, worum es geht. Aber mir war nicht bewusst, dass es da ein neues Gesetz gibt, darauf hat uns niemand aufmerksam gemacht.

"Krone": Der Vorwurf lautet, Sie hätten zu viel Mist entsorgt und dafür Geschenke angenommen. Korrekt?
Wimmer: Hätten wir den Mist liegen lassen sollen? Es hat geheißen, über Weihnachten, Neujahr soll man großzügiger sein. Wenn ich da jede Woche zwei, drei Sackerln mehr mitnehm', da denke ich mir nix dabei. Und was die Geschenke angeht: Das war einmal, zu Weihnachten, ein Kaffee. Und zu Silvester ein Schnitzel. Wegen dem bissel! Was kost' heut ein Kaffee?

"Krone": Der Schaden für die Stadt Wien betrage 1.751,61 Euro, weil zusätzlicher Mist kostenpflichtig sei. Der Schaden wurde dann auf 1.500 Euro heruntergesetzt.
Wimmer: Und ich sag' Ihnen, es geht nicht um den Schaden. Das, was die Stadt Wien da macht, hat Methode. Uns Alte will man loswerden. Wir sind ja nicht die erste Partie, mit der sie das machen, das geht ja laufend.

"Krone": Sie meinen, das wird zum Anlass für Personalabbau genommen?
Wimmer: Genau. Überall dort, wo die älteren Leut' die Touren fahren. Ich hätte 2014-2015 in Pension gehen sollen. Mein Vorgesetzter war sehr zynisch, als er mich gefeuert hat. "Hoffen'S gar nicht erst drauf, dass Sie die Abfertigung kriegen. Da! Unterschreiben'S!", hat er g'sagt.

"Krone": Haben Sie nicht den Betriebsrat eingeschaltet?
Wimmer: Doch, aber der hat auch gesagt, ich soll das unterschreiben. Auch die Arbeiterkammer konnte mir nicht helfen, weil die Stadt Wien ein eigenes Dienstrecht hat. Am nächsten Tag haben sie mir die Fristlose in die Hand gedrückt. Meine zwei Kollegen sind pragmatisiert, die wurden suspendiert und haben noch was vor sich...

"Krone": Sind Sie enttäuscht von Ihrem Arbeitgeber?
Wimmer: Und wie. Das ist nicht notwendig, dass man auf die kleinen Leut' so losgehen tut. Die jungen Kollegen trauen sich ja nicht einmal mehr aufs Klo zu gehen. Ich hätte mir eine Verwarnung erwartet. Der Innendienst hätte kommen können und sagen: "Was macht's ihr da für G'schichten?" Dann hätten wir ihnen erklärt, dass es manchmal schnell gehen muss bei der Müllabfuhr, wenn schon die Tramway hinter dir steht.

"Krone": Korruptionsstaatsanwaltschaft, Amtsmissbrauch: Verstehen Sie die Welt noch?
Wimmer: Na, na, na. Es ist ein Witz. Bei einem Herrn Grasser geht's um Millionen, bei uns geht's um ein paar Kaffee. Da kommt man sich schon verarscht vor.

"Krone": Würden Sie das gerne dem Wiener Bürgermeister sagen?
Wimmer: Sehr gerne. Ich hab den Häupl ganz gut leiden können, aber jetzt nimmer mehr. Ich war immer schon ein Sozialdemokrat, weil früher die Roten für die Arbeiter waren. Aber schön langsam kommt's mir vor, dass ich mich ablös' von denen.

"Krone": Wären Sie jetzt gerne auf einer Tour?
Wimmer: Oh ja, na freilich! Im Mai werden's zwei Jahre, dass ich nicht mehr fahren darf. Ich war gern bei der 48er, ich vermiss meine Partie.

"Krone": Wenn Sie jetzt einen Wunsch frei hätten, was wäre es?
Wimmer: Dass ich meine Abfertigung kriege. Ich und meine Frau haben uns für den Umbau des Hauses ein Geld ausgeborgt von meiner Mutter und meinem Freund. Das wollte ich 2015 zurückzahlen. Und noch etwas wünsch' ich mir: Dass die Leute im Dorf endlich wissen, dass ich nix g'stohlen hab'.

Posse in Orange
Weil sie rund um Weihnachten 2010 zu viel Abfall entsorgten und dafür zu einem Kaffee und später auch zu einem Schnitzel eingeladen wurden, erstattete die Korruptionsstaatsanwaltschaft Anklage gegen drei Müllmänner. Der Stadt Wien seien dadurch 1.751,61 Euro an Gebühren entgangen, hieß es im Urteil (drei Monate bedingt wegen Amtsmissbrauchs). Josef Wimmer wurde zwangspensioniert, seine zwei Kollegen Gerhard F. und Willibald B. vom Dienst suspendiert.

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