Mi, 20. Juni 2018

"Krone"-Interview

07.12.2012 17:04

Heini im Clinch mit der FMA: "Komplett weltfremd!"

Ein furchtloser Waldviertler gegen die mächtige Finanzmarktaufsicht: Im Interview mit Conny Bischofberger spricht Schuhfabrikant Heini Staudinger über seinen Groll gegen die Banken, die Arroganz der obersten Finanzhüter und sein goldenes Händchen für Geschäfte aller Art.

Zwei Autostunden von Wien entfernt, in einer gemütlichen Fabrikhalle voll zufriedener Gesichter, gehen gerade wieder 350 Paar "Waldviertler" in Produktion. Es riecht nach Leder und heißem Leim. Mittendrin steht "Heini" Staudinger wie der letzte Mohikaner und erklärt lautstark, wie weit es mit der einst so angesehenen österreichischen Schuhindustrie gekommen ist: "81 Prozent der Schuhe werden heutzutage in China und Indien erzeugt."

In der Mitarbeiterküche teilt der Chef mit dem weißen Wuschelkopf später Suppe vom Butternusskürbis aus und träufelt Waldviertler Kernöl über die Teller. "Gut hat der Milo wieder gekocht", freut er sich und setzt sich mit seinen Mitarbeitern an einen Tisch. Neuerdings finden hier auch Pressekonferenzen statt. Thema: sein Kampf gegen die Banken. Tenor: "Wir sind das Volk!"

Beim Interview in seinem Büro fällt ab und zu ein Stoß Papier um. Die Wände sind voll mit Büchern bis an die Decke. Irgendwo hängen eine Gitarre und ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Fürchtet euch nicht!" Heini beginnt viele Sätze mit den Worten: "Und zwoar..." Dann folgt eine Nachdenkpause, in der er seelenruhig einen seiner bunten Holzkreisel dreht.

"Krone": Herr Staudinger, die Finanzmarktaufsicht hat Sie aufgefordert, die drei Millionen Euro, die Sie sich von Bekannten ausgeliehen haben, umgehend zurückzuzahlen, weil Sie keine Bankenkonzession haben. Wird Ihnen nicht langsam mulmig?
Heini Staudinger: Na. Weil diese Forderung, so viel Geld innerhalb weniger Wochen zurückzuzahlen, komplett weltfremd ist! Wer das will, will meinen Betrieb ruinieren. Ich gebe meinen Freunden das Geld jederzeit zurück, wenn sie es wünschen. Aber sicher nicht, weil die Finanzmarktaufsicht sich das einbildet.

"Krone": Warum legen Sie sich ganz gezielt mit den Banken an?Staudinger: Nicht ich lege mich an. Hier geht es nicht um den Heini oder ein paar Waldviertler, sondern um Zehntausende Klein- und Mittelunternehmer, die alle von ihren Banken nicht das nötige Geld kriegen, obwohl sie die wichtigsten Arbeitgeber Österreichs sind. Plötzlich gelten geachtete und gewürdigte Werte wie zum Beispiel ein volles Warenlager oder eine gute Bilanz nichts mehr. In meinem Fall hat mir der Bankdirektor Heiter – er hat wirklich so geheißen! – einfach aus einer Laune heraus den Kreditrahmen gekürzt. Aus, Amen! Rückblickend bin ich ihm sogar dankbar, denn ich hab' den Warnschuss schon 1999, lange vor der Lehman-Pleite, bekommen.

"Krone": Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Staudinger: Ich war so geschockt, dass ich dachte: Vorsicht, Vorsicht! Hüte dich vor jeder Abhängigkeit den Banken gegenüber. Bis 2003 bin ich fast schuldenfrei gewesen. Mit dieser hohen Bonität habe ich Freunden und Verwandten gesagt: "He, ihr könnt euer Geld bei mir in der Firma einlegen!" Bis 2008 sind eine Million Euro zusammengekommen. Dann kam der Crash, und während alles rundherum flöten gegangen ist, haben wir unseren Sparverein, den wir jetzt "Apfelbäumchen" nennen, ins Leben gerufen.

"Krone": Verstehen Sie nicht, dass die Finanzmarktaufsicht dagegen Sturm läuft?
Staudinger: Vielleicht ist es nicht legal, was ich mache. Aber es ist legitim. Wie steht es in der Bibel? "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." Meine Früchte sind 130 Arbeitsplätze in der Krisenregion Waldviertel, wo wir mit unseren Photovoltaikanlagen auch die solare Wende vollzogen haben. Leute haben 200 Euro eingelegt und bekamen innerhalb von zehn Jahren elf Mal 30 Euro in Form von Warengutscheinen. Das Werbegedicht ging so: "Ganz oben da leuchten die Sterne und unten, da leuchten wir."

"Krone": Sie sind sicher ein anständiger Mensch. Aber der Finanzmarktaufsicht geht es um den Schutz der Anleger vor Betrügern.
Staudinger: Ich weiß nicht, warum die FMA gerade bei mir, wo ich seit 15 Jahren positive Bilanzen habe, so wahnsinnig besorgt um die Anleger ist. Da kaufen Leute Autos, die sie sich nicht leisten können, schließen Versicherungen ab, die sie übervorteilen, tragen ihr Geld ins Casino, in jedem Kaff gibt es Sportwetten, da kräht kein Hahn danach. Von den großen Betrügern ganz zu schweigen.

"Krone": Haben Sie das den Herren von der FMA gesagt?
Staudinger: Hätte ich gerne. Aber die heben bei mir nicht einmal das Telefon ab. Wir waren einmal dort, es empfing uns eine Dame mit strengem Kostüm. Die Atmosphäre war, um es freundlich auszudrücken, irritierend und autoritär. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich habe ihnen Folgendes gesagt: Ich bin kein Betrüger! Ich bin kein Verbrecher! Ihr seid das Problem! Denn unter eurer Aufsicht werden Milliarden versenkt, während bei mir noch kein Cent verloren gegangen ist. Man hat mir nahegelegt, nächstes Mal eine Vertrauensperson mit Rechtskenntnissen mitzunehmen, also quasi einen Anwalt. Aber ich denke nicht daran, dass ich mit einem Anwalt daherkomme, dem ich 300 Euro pro Stunde zahlen soll, während unsere Hackler für zehn Euro pro Stunde arbeiten müssen!

"Krone": Die Finanzmarktaufsicht hat Ihnen über die Medien ausrichten lassen, sie könnten gemeinsam eine legale Lösung finden. Interessiert Sie das nicht?
Staudinger: Jetzt sage ich Ihnen etwas: Ab einer Einlagensumme von 100.000 Euro wird bei denen die Prospektpflicht schlagend. So ein Prospekt hat zwischen 50 und 300 Seiten, und realistischerweise geht unter 50.000 Euro gar nix. Der Prospekt vom Meinl hat sogar 100.000 Euro gekostet. Diese Prospekte haben nur einen Zweck: Sie helfen im Zweifelsfall immer dem Stärkeren. Reines Advokatenfutter, das der Anleger ohne seinen Anwalt gar nicht versteht. Die meisten Anwälte wissen selbst nicht, wie sie es interpretieren sollen. Zu diesem Schwachsinn kann ich nur sagen: Nein!

"Krone": Zetteln Sie jetzt vom Waldviertel aus eine kleine Revolution an?
Staudinger: Die Banken verfügen über eine der stärksten Lobbys unserer Gesellschaft. Auch im Parlament sitzen haufenweise Leute, die direkt oder indirekt von Banken abhängig sind. Diesen Banken ist doch ein wackliger Souverän – Griechenland zum Beispiel – lieber als jeder Klein- oder Mittelbetrieb. Hier machen sich die Herrschenden ihre Gesetze, und dafür darf man den Weg nicht ebnen.

"Krone": Werfen Sie da nicht alle Banken in einen Topf?
Staudinger: Natürlich sind die Leute zum Beispiel bei der Raika Schrems, wo ich mit dem Radl bis zum Schalter durchfahre, keine Zocker oder Betrüger. Aber auch sie müssen sich an groteske Richtlinien halten. Sie dürfen mir die drei Millionen nicht geben.

"Krone": Würden Sie für Ihre Sache ins Gefängnis gehen, oder bevorzugen Sie eine politische Lösung?
Staudinger: Die FMA hat alle möglichen Leute auf mich angesetzt. Aber ich will keine Lösung unter dem Tisch. Die hätte ich schon gehabt. Ich will eine Lösung auf dem Tisch, die für alle gilt.

"Krone": Was war die "Lösung unter dem Tisch"?
Staudinger: Ein Bankdirektor hat mich angerufen und gesagt: "Du, Heini, ich hab's! Deine drei Millionen lassen wir durch meine Bank rennen. Ich habe die Konzession und ich verlange von dir keinen Groschen Provision." Das hat mich nicht interessiert. Denn mir kommt jetzt eine seltsame Verantwortung zu. Ich kann mich nicht für eine gemütliche Lösung entscheiden, ich bin jetzt zum Fahnenträger einer Bewegung geworden, die aufzeigen will, dass man Klein- und Mittelbetriebe mit diesen Methoden kaputt machen kann und somit der Wirtschaft nachhaltig schadet. Vergessen wir nicht, dass auch der Staat die vielzitierte Einlagensicherung nur dann leisten kann, wenn die Wirtschaft gesund ist.

"Krone": Und wie könnte die "Lösung auf dem Tisch" ausschauen?
Staudinger: Das Parlament soll die Sache klarstellen. Haben sie das wirklich so gemeint, dass Leute wie der Heini verfolgt werden solh glaube kaum.

"Krone": Könnte es auch sein, dass Sie nur ein sehr geschicktes PR-Genie sind?
Staudinger: Kein PR-Genie kann aus reiner Schlauheit diese Welle an Aufmerksamkeit erzeugen, die wir in den letzten Monaten bekommen haben (siehe dazu auch Video in der Infobox). Das war nur möglich, weil Millionen Österreicher angefressen sind auf die Banken. Und weil vor meiner Tür kein Mercedes steht und keine Abfälle meiner Fabrik das Waldviertel verschmutzen.

"Krone": Glauben Sie trotzdem, dass die Umsätze jetzt raufgehen werden?
Staudinger: Das glaube ich nicht, das weiß ich. Wir sind auch vor der FMA-Anzeige sehr, sehr stark gewachsen. Unsere Kurve ist immer bergauf gegangen.

Schlauer Fuchs
Geboren als Sohn eines Greißler-Ehepaars am 5. April 1953 in Vöcklabruck. "Nach jahrelangem Herumstudieren" (Originalzitat) fährt Heini Staudinger per Autostopp nach Dänemark und bestellt dort viele "Earth Shoes" mit viel Geld, das er nicht hat. 1980 eröffnet er sein erstes GEA-Geschäft. Seit 1991 produziert er Schuhe im Waldviertel – heute mit 130 Mitarbeitern. Freunde haben ihm drei Millionen Euro geborgt (Zinsen: vier Prozent). Privat ist Staudinger Vater von zwei erwachsenen Söhnen (Jakob ist 36, Sebastian 34; beide arbeiten in den Geschäften des Vaters) und seit 12. August stolzer Opa der kleinen Rosalie.

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