Eine aktuelle Studie zeigt, dass nicht Eltern oder Freunde, sondern Lehrer den größten Einfluss darauf haben, ob sich Jugendliche eine politisch populistische Haltung aneignen oder nicht.
Welche Faktoren sind dafür verantwortlich, ob sich Jugendliche eine populistische Haltung aneignen, oder nicht? Dieser Frage wollten Forschende an der Universität Bonn auf den Grund gehen. Im Rahmen einer Studie wurden insgesamt 3123 Teenager im Alter von zwölf bis 18 Jahren aus der Bodenseeregion (Österreich, Deutschland, Schweiz) befragt. Knapp die Hälfte davon waren Mädchen, 32 Prozent hatten einen Migrationshintergrund. Aus Vorarlberg nahmen 1523 Heranwachsende teil, von österreichischer Seite war Gudrun Andrea Quenzel von der Pädagogischen Hochschule in Feldkirch am Projekt beteiligt.
Wir haben zunächst schon auch angenommen, dass der Freundeskreis ein größerer Faktor sein könnte. Aber das hat sich nicht gezeigt.
Studienautor Sebastian Jungkunz
Überraschendes Ergebnis auch für Forschende
Die Ergebnisse der 2020 durchgeführten Befragungen sind durchaus überraschend. In einem Satz zusammengefasst: Nicht Eltern oder die Peergroup, sondern unfair agierende Lehrer sind der wichtigste Faktor in der Entwicklung illiberaler Haltungen bei Jugendlichen. „Wir haben zunächst schon auch angenommen, dass der Freundeskreis ein größerer Faktor sein könnte. Aber das hat sich nicht gezeigt“, erklärt Studienautor Sebastian Jungkunz. Der Befund, dass der Hang zum Populismus mit schlechten Beziehungen zwischen Schülern und Lehrenden zusammenhängt, würde auch mit einer herangezogenen Studie aus Großbritannien mit Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen übereinstimmen.
wurden im Jahr 2020 im Bodenseeraum im Rahmen einer groß angelegten Studie zur Entwicklung ihrer politischen Haltung befragt.
Erste Erfahrungen mit öffentlichen Institutionen
„Junge Menschen verbringen viel Zeit pro Tag in der Schule. Lehrende sind zentrale Autoritätspersonen in diesem einen, nämlich schulischen Kontext. Es ist damit eher leicht, negative Erfahrungen nur mit dieser einen Rolle der Lehrenden zu verknüpfen. Entsprechende Assoziationen im Kopf manifestieren sich dann nachhaltig“, erklärte der Forscher: „Eltern oder Freunde sind mit vielschichtigeren Beziehungen verknüpft, es gibt mehr verschiedene, positive wie auch negative Erfahrungen.“ Auch böte die Schule eine erste Erfahrung, wie öffentliche Institutionen funktionieren, meint Jungkunz.
Populismus floriert, wenn Menschen das Gefühl haben, nicht mitreden zu dürfen und sie Ungerech- tigkeit empfinden.
Studienautorin Julia Weiss
Die Studie ergab aber auch, dass nicht alle gleich auf unfaire Behandlung reagieren: Mädchen und Teenager an Schulen, die sich für das universitäre Studium qualifizieren, haben im Schnitt weniger oft populistische Haltungen gezeigt. Stärker betroffen waren hingegen Heranwachsende mit Migrationshintergrund und jene aus wohlhabenden Familien. Zudem sind Kids, die bereits früh die Erfahrung mit Benachteiligung gemacht haben, auch später stärker geneigt, schwarz-weiß zu denken.
„Populismus floriert, wenn Menschen das Gefühl haben, nicht mitreden zu dürfen, sie Ungerechtigkeit empfinden, und wenn sie einen fehlenden Willen oder die Unfähigkeit unter jenen mit Macht wahrnehmen, auf individuelle und soziale Beschwerden zu reagieren“, erläutert eine weitere Studienautorin, die Sozialwissenschaftlerin Julia Weiss. Nicht unterschätzt werden sollte auch der Umgang der Teenager mit den sozialen Medien, denn gerade populistische Parteien nutzen diese Kanäle verstärkt. Das könne die bereits vorhandene Dynamik noch verstärken, heißt es in der Studie.
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