26.08.2012 08:00 |

"Krone"-Interview

Intimus von Julian Assange: "Leben in gefährlichen Zeiten"

"Wir leben in gefährlichen Zeiten. Die Mächtigen wollen ihre Geheimnisse behalten." Es geht um Verrat, Wissen, Macht und sehr viel Geld: Der Sprecher von WikiLeaks, Kristinn Hrafnsson (li.), spricht im "Krone"-Interview über den Fall Julian Assange (re.) und das Recht auf Information.
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Es dauert einige Zeit, bis sich Kristinn Hrafnsson nach vielen Anrufversuchen tatsächlich am Handy meldet. Er ist neben Julian Assange das einzige aktive Mitglied von WikiLeaks, das sich offen zur Plattform bekennt und als ihr Sprecher fungiert. Eine geheime Jury im US-Bundesstaat Virginia bereitet gegen Assange, die Organisation und sechs seiner wichtigsten Mitstreiter eine Anklage wegen Spionage und Terrorismus vor. Hrafnssons Stimme klingt ruhig, konzentriert. Er ist ein Profi.

"Krone": Herr Hrafnsson, Ihr Kollege Julian Assange verschanzt sich nunmehr seit mehr als zwei Monaten in der Botschaft von Ecuador in London. Wie geht es ihm psychisch?
Kristinn Hrafnsson: Er ist zuversichtlich und setzt seine Arbeit fort. In Kürze werden neue Enthüllungen von WikiLeaks veröffentlicht werden. Aber natürlich beschäftigt sich Julian auch eingehend mit den laufenden Ermittlungsverfahren, nicht nur mit dem schwedischen Fall (in Schweden wurden im Herbst 2010 Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange erhoben, Anm.). Uns beunruhigt vor allem die Finanzblockade gegen WikiLeaks und die lächerliche Verfolgung durch die Vereinigten Staaten von Amerika.

"Krone": Sie empfinden die Untersuchungen, wie es zur Veröffentlichung zahlreicher geheimer Regierungsdokumente kam, als lächerlich?
Hrafnsson: Ohne Transparenz ist eine Demokratie bedeutungslos. Wie sollen Menschen ihre Wahl treffen und Entscheidungen einfordern, wenn sie nicht informiert sind? Für dieses Recht sollten die Menschen auf die Straße gehen, denn die Mächtigen wollen ihre Geheimnisse bewahren. Wir leben in gefährlichen Zeiten. Das wichtige Projekt WikiLeaks ist für mich die Fortsetzung meiner 25-jährigen Arbeit als investigativer Journalist. Dafür nehme ich in Kauf, dass die Supermacht der Welt und mächtige Finanzsysteme unsere Gegner sind.

"Krone": Was hat die Veröffentlichungen der US-Depeschen tatsächlich bewirkt, außer dass einige Menschen nun massive Probleme haben?
Hrafnsson: Amnesty International hat bestätigt, dass "Cablegate" eine treibende Kraft im Arabischen Frühling war. Unsere Sicht darauf, wie diplomatische Konversation überall auf der Welt funktioniert, hat sich verändert. Es waren extrem wichtige Informationen dabei. Vor allem haben wir aber auch den Journalismus wachgerüttelt, indem wir gezeigt haben, dass es möglich ist, an Informationen zu gelangen, auch wenn die Regierungskreise sie immer mehr zurückhalten.

"Krone": Wer pflegt den Umgang mit den Informanten?
Hrafnsson: In vielen Fällen gibt es keinen direkten Kontakt. Vielfach geschieht der Austausch auf anonymer Basis. Das ist meiner Meinung nach der beste Schutz für die Quellen.

"Krone": Warum wurde die Quelle von "Cablegate" nicht besser geschützt?
Hrafnsson: Wenn sie Bradley Manning meinen, dann weiß nicht einmal ich, ob er der Informant war. Ich kann jedoch ausschließen, dass er aufgrund irgendeiner Aktivität von WikiLeaks von den US-Behörden festgenommen wurde.

"Krone": Wie können Sie bei Anonymität der Quellen überprüfen, dass die Informationen echt sind?
Hrafnsson: Bislang haben wir keine einzige Information veröffentlicht, die nicht echt war. Das zeigt, wie gut unsere Kontrollmechanismen funktionieren. Aber natürlich könnten Fehler passieren. Es kann nicht die Lösung sein, dass wir eine Plattform für anonyme Zuflüsterer sind.

"Krone": Wie geht es mit Ihrem Unabhängigkeitsgedanken zusammen, dass Julian Assange eine Interview-Reihe für den Kreml-nahen TV-Sender "Russia Today" führt?
Hrafnsson: Es ist eine unabhängige Produktion, bei der es keinerlei Kontrolle vom russischen Staat gab. Das war die Voraussetzung für die Zusammenarbeit.

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