Die Grazer Autorin Nava Ebrahimi beschäftigt sich in ihrem neuen Essay „Wer ich geworden wäre, wenn alles ganz anders gekommen wäre“ mit der Bedeutung ihrer Herkunft - für ihre Identität und ihr Schreiben.
Man kann seiner Herkunft nicht entkommen. Das wurde der mittlerweile seit vielen Jahren in Graz lebenden Autorin Nava Ebrahimi, die im Iran auf die Welt kam und mit drei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland migrierte, bereits in der Grundschule bewusst: Der Religionslehrer war es, der Rückschlüsse aus ihrer Herkunft zog und sie zur Quotenmuslimin machte – fälschlicherweise, denn: „Mein Vater hatte als Kommunist nichts für Religion übrig, und meine Mutter, Monarchistin und Anhängerin des gestürzten Schahs, sah im Islam den Grund allen Übels“, erinnert Ebrahimi sich im Herbst 2023 in ihrer Vorlesung „Zur Kunst des Schreibens“ am Grazer Literaturhaus, die nun unter dem Titel „Wer ich geworden wäre, wenn alles ganz anders gekommen wäre“ auch als Buch erschienen ist.
„In mir spannte sich etwas“
Vielleicht liegt in diesem fundamentalen Missverständnis auch begründet, warum Ebrahimi sich schon früh zur Literatur, zum Schreiben hingezogen fühlte: „Ich spürte, in mir spannte sich etwas, das sich in meinen Freundinnen nicht spannte, und das wollte beachtet, benannt, beschrieben werden.“
Und so begann eine Karriere als Schreibende–zuerst nur für sich selbst, später als Journalistin und letztlich auch als Literatin. Doch mit ihrem ersten Manuskript in der Hand, wurde Ebrahimi einmal mehr von ihrer Herkunft eingeholt: „Und so sagte mir damals ein großer, literarischer Verlag mit der Begründung ab, er hätte gerade eine andere Deutsch-Iranerin eingekauft. Es kann nur eine geben“, schreibt sie.
„Es kann nur eine geben“
Der Erfolg kam dann trotzdem–wenn auch auf Umwegen: Ihr erster Roman „Sechzehn Wörter“ wurde beim Österreichischen Buchpreis 2017 als bestes Debüt geehrt, 2021 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Immer wieder stellt Ebrahimi in ihren Texten Figuren ins Zentrum, die letztlich mit ihrer Herkunft ringen und auf der Suche nach einer möglichen Essenz ihres Wesens sind, die unabhängig von Herkunft, Sozialisation und politischen Systemen ist.
Und das reflektiert nicht zuletzt auch ein Ringen der Autorin selbst, das sie in Literatur verarbeitet, wie sie in ihrem sehr lesenswerten Essay erläutert: „Das Schreiben ist für mich womöglich der Versuch, über den Umweg fiktiver Charaktere herauszufinden, wer ich eigentlich bin. Wie weit kann ich gehen mit meiner Vorstellungskraft, wie weit reicht meine Empathie, in wen kann ich mich noch hineinversetzen und in wen nicht mehr?“
Das Resultat ist ein Essay, der weit über die individuelle Geschichte Ebrahimis hinausgeht und von einem Ringen mit Identität erzählt, das jeder kennt, der dort, wo er lebt, nicht in die Norm passt.
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