23.02.2020 05:50 |

Autorin Nava Ebrahimi

Von der Rückkehr in die fremde Heimat

Für den Roman „Sechzehn Wörter“ erhielt die deutsch-iranische Autorin Nava Ebrahimi 2017 den Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt. Nun legt die in Graz lebende Literatin mit „Das Paradies meines Nachbarn“ ihren grandiosen zweiten Roman vor. Mit der „Steirerkrone“ hat sie über Inspirationen gesprochen.

Frau Ebrahimi, was war der Impuls für den neuen Roman, der, wie schon der erste, zwischen Europa und Iran spielt?
Ich kenne in Österreich viele Halb-Iraner, die eine komplexe Beziehung zu dem Land haben. Ab den 60ern kamen viele Iraner zum Studieren nach Graz und Wien, sind geblieben und haben Kinder mit Österreicherinnen bekommen. Einige von ihnen sind aber wieder zurück und haben Kinder hinterlassen, die persisch aussehen, einen persischen Namen haben, aber denen die persönliche Verbindung zu dem Land fehlt. Die Kinder stehen stets im Spannungsfeld, mit einem Land in Verbindung gebracht zu werden, mit dem sie selbst auch nur eine diffuse Sehnsucht verbindet. Dieses Dilemma hat mich interessiert.

Im Zentrum steht ein Iraner, der im Westen zum Star der Designszene wird. Woher kommt die Inspiration?
Viele iranische Eltern haben ihre Söhne nach Europa geschickt, damit sie nicht als Kindersoldaten in den Iran-Irak-Krieg eingezogen werden. Einige von ihnen haben Karriere gemacht. Einer etwa ist mit seiner Haltung „Ich kenne keine Angst“ zum erfolgreichsten Werber weltweit aufgestiegen. Mich hat interessiert, was das über den Westen aussagt, dass gerade jemand mit dieser Haltung derartigen Erfolg hat. Aus der Perspektive des Westens stehen Flüchtlinge ja immer in einer Position der Schwäche, aber er macht gerade aus dieser Fluchtgeschichte seine Stärke.

Wie schon die weibliche Hauptfigur in „Sechzehn Wörter“ schicken Sie auch ihn zurück zu den Wurzeln. Eine ganz bewusste Wiederholung unter neuen Vorzeichen?
Nicht bewusst, aber die Frage ist immer: Was motiviert mich, dass ich mich hinsetzte und schreibe? Bei mir ist es offensichtlich immer wieder dieses Thema der Rückkehr in eine fremde Heimat, die den nötigen Grad an innerer Dringlichkeit auslöst.

Wie läuft Ihr Schreibprozess eigentlich ab?
Wenn ich die Figuren mal deutlich vor mir sehe, dann spüre ich schnell auch die Spannungen, die die Handlung des Buches vorantreiben werden. Und mit ihnen entwickelt sich dann der Stil des Schreibens - die Stimmen, die Rhythmik, all das geht bei mir von den Figuren aus. Für mich war Sprache immer eher ein Mittel zum Zweck. Ich habe eher den erzählerischen Drang, in Figuren einzutauchen als Sprache an sich zu thematisieren.

In Beiträgen in deutschsprachigen Medien haben Sie sich unlängst zur aktuellen Situation im Iran geäußert und dabei angesprochen, dass Sie sich als Autorin auf gewisse Themen reduziert fühlen.
Es ist klar, dass man zu mir als iranischstämmiger Autorin kommt, wenn es darum geht, über den Iran zu schreiben. Für mich ist das ambivalent: Einerseits freut mich, dass ich meine Sicht mitteilen kann. Aber andererseits zeigt es auch, dass wir als Autoren mit Migrationshintergrund meist auf „unser Thema“ reduziert werden. Auf literarischer Ebene, als Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur werden wir weniger wahrgenommen. Dass unsere Blickwinkel längst auch ein Teil der Normalität im Westen sind, das wollen viele nicht wahrhaben.

Meinen Sie mit „viele“ vor allem den viel zitierten „alten weißen Mann“?
Ich halte von dieser Zuschreibung nicht viel, weil es eine Spaltung erzeugt, wo wir eigentlich mehr nach dem Wir suchen sollten. Dass viele alte weiße Männer derzeit so in Rage sind, liegt aber, glaube ich, daran, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben erleben, was es bedeutet, wenn man nicht mehr als Individuum gesehen wird, sondern auf klischeehafte Merkmale reduziert und einer Gruppe zugeordnet wird. Wir alle, die nicht als Teil der Normalität gesehen werden, kennen das.

Beide Bücher sind in Graz entstanden, wo Sie seit 2012 leben, dennoch kommt die Stadt darin nie vor. Eine bewusste Entscheidung?
Es ist ja oft besser, eine gewisse räumliche Distanz zu Dingen zu haben, um darüber schreiben zu können. Aber tatsächlich gab es im aktuellen Buch ursprünglich einen zweiten Erzählstrang, der nach Graz geführt hätte. Ich musste ihn dann aber streichen, weil es nicht gepasst hat. Aber ich nähere mich Graz auch erzählerisch langsam an - privat bin ich längst hier angekommen.

Nava Ebrahimi, „Das Paradies meines Nachbarn“ (btb Verlag, 224 Seiten, 20,60 Euro). Das Buch ist ab Montag im Handel erhältlich und wird am 18. März bei einer Lesung im Grazer Literaturhaus offiziell präsentiert.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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