Sa, 17. November 2018

Ex-Premier inhaftiert

27.06.2012 11:20

"Suizidversuch" von Adrian Nastase war inszenierter Coup

Der angebliche Selbstmordversuch von Rumäniens Ex-Premier Adrian Nastase entwickelt sich immer mehr zu einem wahren Polit- und Verschwörungskrimi. Nach seiner Verurteilung wegen Korruption soll der 62-Jährige versucht haben, sich zu erschießen. Inzwischen sind jedoch schwere Zweifel an dieser Version aufgetaucht. Vielmehr scheint nun klar, dass Nastase samt Komplizen in Politik, Polizei und Ärzteschaft mit einer fingierten Aktion versucht hat, den Strafvollzug bis April 2013 zu verschieben - dem Datum, ab dem die Verjährung greifen würde. Nun wird ermittelt.

Das 62-jährige prominente Mitglied der regierenden Sozialdemokraten (PSD), ehemaliger Regierungschef und Außenminister sowie Präsidentschaftskandidat, war vorigen Mittwoch infolge seiner Schusswunden statt ins Gefängnis ins Notfallkrankenhaus eingeliefert worden. Nach der Verkündung des zweijährigen Hafturteils ohne Bewährung wegen Korruptionsvergehen versuchte er laut dem ursprünglich kolportierten Hergang der Ereignisse, sich mit seinem Revolver zu erschießen. Der Schuss konnte demnach von einem anwesenden Polizisten, der zum Vollzug des Haftbefehls in Nastases Wohnung gekommen war, abgelenkt werden, wobei die Kugel – nach Angaben der Ärzte – nur äußerst knapp lebenswichtige Organe verfehlte.

Nastase im Gefängniskrankenhaus - und somit in Haft
Nachdem die Medien jedoch immer mehr Unstimmigkeiten in dieser Darstellung des Ereignisses herausfanden, stellte sich heraus, dass Nastase offenbar mit der Komplizenschaft seiner Familie, seiner Parteifreunde, der Polizei und den Ärzten versucht hat, durch einen fingierten Selbstmordversuch und die anschließend inszenierten Entwicklungen seiner Haftstrafe zu entgehen oder diese zumindest hinauszuzögern. Ein Gericht entschied daraufhin am Dienstagabend, dass weder medizinische noch sonstige Gründe zur weiteren Verschiebung der Inhaftierung Nastases vorliegen. Der 62-Jährige wurde in Folge ins Gefängniskrankenhaus gebracht - und trat damit offiziell seine Haftstrafe an. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen leitende Mitarbeiter der Polizei sowie den Kardiologen des Ex-Premiers, die Nastase im Zusammenhang mit dem Vollzug des Haftbefehls begünstigt haben sollen.

So soll der Mediziner eine Falschdiagnose erstellt haben, um Nastase zu einer Verschiebung oder Aufhebung der Strafe zu verhelfen. Laut der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft wurde das Telefon des Arztes abgehört. Dabei habe er Personen aus dem engen Umkreis Nastases am Abend des Selbstmordversuchs mitgeteilt, dass der 62-Jährige nur leicht verletzt sei. Öffentlich erklärte der Kardiologe hingegen, dass Nastase an Hals und Schulter schwer verletzt und infarktgefährdet sei sowie einen zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt und eventuell sogar eine Herzoperation benötige. Das Gefängniskrankenhaus, in das Nastase am Dienstagabend transferiert wurde, ist zwar sehr gut ausgestattet, verfügt jedoch nicht über eine Abteilung für Kardiologie - ein Umstand, den Nastases Anwälte für weitere Versuche zur Verschiebung seiner Haftstrafe ausnutzen hätten können.

Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen ist die Diagnose des Mediziners schwer übertrieben. Rumänische Medien veröffentlichten am Dienstag Aussagen der Rettungsärzte, die bei Nastase Erste Hilfe leisteten, wonach die Kugel lediglich eine oberflächliche Schürfwunde verursacht habe. Zudem habe Nastase nach dem Abfeuern des Schusses selbst sein mit Blut beflecktes Hemd gewechselt. Der Kardiologe ist übrigens ein bekannter Hausarzt der PSD-Größen und steht selbst unter gravierendem Korruptionsverdacht: Die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft beschuldigt ihn, bei der Ausstattung des Gefängniskrankenhauses, in das auch Nastase übermittelt wurde, Gelder veruntreut zu haben.

Klassische Geheimdienst-Desinformationstechnik?
Jedes weitere Detail, das seither über den Fall bekannt wird, scheint die Widersprüche zu verstärken und die Wahrheit zu verschleiern - nach Meinung einiger Kommentatoren eine klassische Geheimdienst-Desinformationstechnik. Weder über den Zeitpunkt des abgefeuerten Schusses noch über die völlige Abwesenheit jeder Blutspur beim Transport in die Klinik herrscht bis jetzt Klarheit. Rätselraten gibt es auch über den Winterschal (siehe Bild 4), den Nastase auf der Krankentrage trotz der hohen Temperaturen um den Hals gebunden trug - laut vielen Kommentatoren ein äußerst dürftiger Verband, beziehungsweise ein unnötiges, wenn nicht gefährliches, da medizinisch wohl kaum empfehlenswertes Accessoire.

Besonders auffällig ist die Tatsache, dass Nastase, von dem man von zahlreichen Fotografien, in denen er als Jäger mit Schusswaffen in der Hand posiert, weiß, dass er Rechtshänder ist, bei seinem Selbstmordversuch mit der linken Hand geschossen zu haben scheint - dies würde zumindest der Verlauf der Kugel nahelegen. Zudem ist inzwischen bekannt, dass ein Krankenwagen bereits vor dem Selbstmordversuch vor Nastases Haus wartete, weil Innenminister Ioan Rus eigenen Angaben zufolge nach einem Telefonat mit demselben Verdacht geschöpft hatte, dass dieser einen Selbstmordversuch unternehmen werde und einen Krankenwagen an dessen Adresse bestellte. Doch weder die Sanitäter noch die - angesichts des unmittelbar bevorstehenden Vollzugs des Haftbefehls - anwesenden Journalisten, laufenden Kameras und sonstigen Zeugen registrierten den Revolverschuss, obwohl Nastase keinen Schalldämpfer benutzt haben soll...

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