20.06.2012 19:33 |

Gremium berichtet

Wiens Kinderheime waren "historische Katastrophe"

Die einstigen Wiener Kinderheime waren ein Ort des Schreckens - das geht aus dem am Mittwoch präsentierten Endbericht der Heim-Historikerkommission hervor. Das Gremium unter dem Vorsitz des Zeithistorikers Reinhard Sieder hatte sich mit den Zuständen in den Anstalten beschäftigt. Untersucht wurde der Zeitraum von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren. Damals war in den großen Heimen Gewalt offenbar Alltag: "Es ist eine historische Katastrophe von eigentlich unglaublichen Ausmaßen", zeigte sich Sieder erschüttert.

Die Kommission hat unter anderem ausführliche Gespräche mit 20 Betroffenen geführt. Dabei seien erstmals die Vielfalt und das Ausmaß der Gewalt zutage getreten, berichtete Sieder. Die großen Heime seien ab den 1970er-Jahren zwar geschlossen worden, eine systematische Aufarbeitung der Verhältnisse habe aber nie stattgefunden: "Es gab keine Forschung dazu." Nun sei klar: Zumindest für einen Teil der in den Heimen beschäftigten Erwachsenen sei Gewalt Teil der Erziehungsmethoden gewesen.

1.105 Personen berichteten über Gewalt
Die Fälle sind laut Sieder alle verjährt, auch fänden sich keine Namen mutmaßlicher Täter. Seit 2010 hätten sich laut Stadtrat Christian Oxonitsch bei der Stadt 1.105 Personen gemeldet, die über Gewalterfahrungen in den einstigen Wiener Kinderheimen (die sich nicht nur in Wien befanden) berichtet haben. Insgesamt wurden 769 Fälle in den Sitzungen der Opferschutzorganisation Weißer Ring behandelt. Für 550 Personen wurden finanzielle Unterstützungen beschlossen, zudem rund 25.000 Stunden Psychotherapie. Zuerkannt wurden bisher 17,1 Millionen Euro.

Die meisten Meldungen entfielen auf die Heime Wilhelminenberg (im Bild; 132 gemeldete Fälle), Eggenburg (91), Hohe Warte (86), Hütteldorf (64), die Wiener Kinderübernahmestelle (64) und Biedermannsdorf (59). In der Anstalt sollen sogar Fälle von Kinderprostitution vorgekommen sein. "Es sind unfassbare, erschütternde Geschichten, die man hier lesen kann", kommentierte Oxonitsch den mehr als 500 Seiten starken Bericht. Den Opfern sei wichtig gewesen, dass man ihre Erzählungen höre und ihnen Glauben schenke. Erlittenes Leid könne man nicht gutmachen, man könne aber versuchen, ein Zeichen zu setzen.

Gut ausgebildete Erzieher nach 1945 rar
Laut Kommission fehlte es in der Nachkriegsgesellschaft an gut ausgebildeten Erziehern. Etwa die Hälfte hatte keine oder nur eine minimale Ausbildung. Dies erkläre zum Teil, warum "populäre" und "autoritäre" Vorstellungen von gewaltsamer Erziehung im Heim vorherrschten. Vor allem die 1950er-Jahre standen noch im Schatten der faschistischen Epoche in Europa und der mentalen Auswirkungen des Krieges. Nach 1945 waren Personen tätig, die auch während der NS-Zeit in Fürsorgeeinrichtungen beschäftigt gewesen waren.

Ein Kontrollsystem fehlte offenbar lange Zeit: Die Entdeckung von einzelnen Misshandlungen in Kinderheimen in den 1950er- bis 1970er-Jahren geschah nur zufällig, nicht aufgrund systematischer Kontrolle der Erzieher und ihrer Praktiken. Die Innenwelt der Heime war lange Zeit vom Jugendamt abgetrennt. Bis in die 1960er-Jahre war das sogenannte Anstaltenamt für die Heime zuständig. Auch als moderne Methoden längst diskutiert wurden, habe es noch "reaktionäre Inseln" gegeben - auch hier wurde Schloss Wilhelminenberg genannt.

Kommission von "anhaltender Gleichgültigkeit" schockiert
"Verstörend" war für die Kommission die "anhaltende Gleichgültigkeit" gegenüber den Betroffenen. Heimkinder wurden und werden zum Teil bis heute in der Bevölkerung oft pauschal für gefährliche Kinder gehalten, was eine "notorische Fehleinschätzung" sei. In Wirklichkeit seien sehr viele Zöglinge noch sehr klein gewesen, als sie in die Anstalten kamen. Dorthin seien sie gebracht worden, nicht weil sie in irgendeiner Form auffällig waren, sondern weil in ihren oft zerrütteten Familien kein Platz mehr für sie gewesen sei.

Zu "schwer erziehbaren" Kindern wurden sie demnach oft nur, weil sie in den Kinderheimen in eine "Kultur der Gewalt und des Missbrauchs" gerieten. "Sie hatten keine Chance, sich in den Heimen zu heilen oder zu erholen", bedauerte Sieder. Dort zu überleben, habe hohe Widerstandskraft, Gegengewalt, aber auch Techniken der inneren Emigration erfordert - was oft zu seelischen und körperlichen Erkrankungen geführt habe.

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