Nachruf

„Der Tschako hat’s drauf, der ist was Besonderes“

Vorarlberg
30.12.2023 16:25
Porträt von Vorarlberg-Krone
Von Vorarlberg-Krone

Der Tod von Raimund „Tschako“ Jäger bewegt dieser Tage viele in Vorarlberg. Regisseur Martin Gruber (aktionstheater ensemble) erinnert sich an einen begnadeten Allroundkünstler, der mit so vielen Talenten gesegnet war. Vor allem aber erinnert er sich an einen langjährigen Weggefährten und ganz besonderen Menschen:

Tschako war, und es fällt mir schwer „war“ zu schreiben, Journalist, Sänger, Songwriter, Schriftsteller und Entertainer. Als Sohn eines renommierten Vorarlberger Tanzkapellen-Musikanten hatte er wie kaum ein anderer einen Sinn dafür, was Unterhaltung ist. Und dieser selbst auferlegten Pflicht, nämlich zu unterhalten, hat er einiges untergeordnet. Die schnelle Pointe war eine Spezialität von Raimund Jäger. Und in seinen Kolumnen bekamen einige immer wieder mal ihr Fett ab.

Ein Allroundkünstler im besten Sinne
Dennoch gab es da immer auch eine weit essenziellere Seite von Raimund als Schreiber. Zum einen war da der Schriftsteller, der bei einem anonymisierten Literaturwettbewerb das große Los gezogen hatte. Die Jurorinnen und Juroren waren nach Öffnen des Kuverts bass erstaunt, als sie ausgerechnet seinen Namen lasen. Zum anderen gab es den Kulturjournalisten Raimund, etwa in der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“, dem das „Wie“ noch wichtiger war als das „Was“. Er hatte die Fähigkeit, die Qualitäten des Bühnenpersonals (Timing, Stimme, Charisma, etc.) auf den Punkt zu bringen - eben „wie“ der Inhalt über die Rampe gebracht wird. Und es war seine Gabe, das Niveau einer Bühnendarstellung in ihren Details zu erkennen. Das hatte einen Grund: Tschako war selbst ein Künstler. Und zwar im besten Sinne ein Allroundkünstler.

Es war Vorarlbergs Starkarikaturist und Parade-Denker Dieter Zehentmayer, welcher später - wie Tschako - der Enge des Ländles entflohen ist und unter anderem für den „Standard“ und die „Berliner Zeitung“ gearbeitet hat, der bereits früh das Talent von Raimund erkannte. Nachdem ich mich als Teenager und blutiger Theateranfänger in ein Vorarlberger Nachtlokal geschlichen hatte, hat mir Zehentmayer mit Blick auf Tschako, der in dieser verrauchten 80iger-Jahre-Bar ebenfalls am Tresen stand, zugeflüstert: „Der Tschako hat’s drauf, der ist was ganz Besonderes. Da kann was gelingen.“

Ein Fixstern in vielen Formationen
Später dann, als kurzzeitiges Ensemblemitglied von „Drahdiwaberl“ und der legendären Hamburger Transen-Combo „Familie Schmidt“, vor allem aber als „Tschako und der kleine Prinz“ zusammen mit Markus Linder und in Auftritten mit seiner geliebten Schwester Maria („Fräulein Jäger“), hat er sein Können bei unzähligen Veranstaltungen im ganzen deutschen Sprachraum unter Beweis gestellt.

In den frühen Nullerjahren lagen wir uns kurzzeitig, wegen eines politischen Disputs in den Haaren. Damals habe ich einen Raimund kennengelernt, der nicht nur ein prononcierter Austeiler war, sondern auch einer, der sehr gut einstecken konnte. Ein reflektierter Zuhörer.

Seine Ambivalenz machte ihn so liebenswert
Kurze Zeit nach diesem Intermezzo habe ich Raimund gefragt, ob er sich vorstellen könne, in einer meiner Produktionen einen verzweifelten Entertainer mit Karriereknick zu spielen. „Du musst allerdings alles liegen und stehen lassen und für einige Wochen nach Wien ziehen.“ Tschako hat’s gemacht und eindrucksvoll bewiesen, was für ein ernsthafter und sensibler Künstler er sein konnte. Wer ihn kannte - und manche kannten ihn noch besser als ich - weiß, dass er noch viel mehr war. Er war ein begnadeter Socializer und zugleich ein messerscharfer Provokateur. Es war gerade diese Ambivalenz - und da werden mir sicher viele zustimmen -, die ihn so liebenswert gemacht hat.

Eine schillernde Persönlichkeit, von denen es in diesen Zeiten, in welchen die spießige Enge immer bedrückender wird, nur noch wenige gibt, ist nicht mehr. Ich erinnere mich an mein erstes Interview mit dem etwas älteren Tschako als Interviewer. Wir haben darüber geredet, was wir alles machen werden, was wir erreichen wollen. Du hast es geschafft Tschako. Es ist gelungen. Wir werden Dich schmerzlich vermissen. Martin Gruber

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