Theater an der Wien

Operndrama! Christenverfolgung, Zensur, Selbstmord

Kultur
18.09.2023 06:00

„Poliuto“ singt französisch. Mit „Les Martyrs“ zeigt das Theater an der Wien ab heute Gaetano Donizettis ersten Grand-Opéra-Versuch: Eine wilde Christenverfolgungsgeschichte aus dem römisch besetzten Armenien, bei dem am Ende der Held und seine Frau vor die Löwen in die Arena müssen. Ähnlich wild war die Entstehungsgeschichte, samt tragischer Fußnote. 

War wohl kein Hit: „Trotz hervorragender Besetzung errang ,Les Martyrs‘ lediglich einen Achtungserfolg. Das Echo der Kritik war geteilt“, weiß „Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters“ über die Uraufführung von Donizettis nicht ganz freiwilligem Pariser Grand Opera-Abenteuer „Les Martyrs“ 1840 zu berichten. 20 Aufführungen folgten. Dann war Schluss. Das Werk wurde zwar danach brav in Europa herumgereicht, doch heute kennt man - wenn überhaupt - eher Donizettis „Poliuto“. So heißt „Les Martyrs“ nämlich in seiner italienischen, ursprünglichen Fassung, die erst postum, 1848, uraufgeführt wurde.
Als Tondokument ist der „Poliuto“ in Traumbesetzung mit Maria Callas, Franco Corelli und Ettore Bastianini erhalten. Auch die beiden konzertanten Aufführungen - mit José Carreras, Katia Ricciarelli und Juan Pons ebenfalls höchstwertig gesungen - 1986 im Wiener Konzerthaus wurden aufgenommen.

Roberta Mantegna (Pauline) (Bild: Werner Kmetitsch / THW)
Roberta Mantegna (Pauline)

Keine Märtyrer auf der Opernbühne
Doch was war dem armen „Poliuto“ geschehen? Donizetti vertonte 1838 im Auftrag von Neapel und für den französischen Tenorstar Adolphe Nourrit ein auf Pierre Corneilles Tragödie „Polyeucte“ basierendes Libretto von Salvatore Cammarano. Eine wilde Christenverfolgungsgeschichte im römischen Armenien des Jahres 257 nach Christus. Dramatisch und grausam, wie es sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können, wenn am Ende der vornehme, getaufte Armenier Poliuto den Löwen in der Arena zum Fraß vorgeworfen wird. Samt seiner ebenfalls zum Christentum übergetretenen Gattin Paulina, der Tochter des römischen Statthalters.
Das Ganze war fürs Teatro San Carlo in Neapel gedacht. Doch hatte Donizetti die Rechnung nicht mit der Zensur gemacht: „Seine Majestät hat mit seiner eigenen heiligen Hand erklärt, dass die Geschichten der Märtyrer in der Kirche verehrt, aber nicht auf der Bühne aufgeführt werden“.

Roberta Mantegna (Pauline), Mattia Olivieri (Sévère) (Bild: Werner Kmetitsch / THW)
Roberta Mantegna (Pauline), Mattia Olivieri (Sévère)

Plötzlich Grand Opéra
Daraufhin eilte Donizetti verärgert nach Paris, um den „Poliuto“ an der Opéra herauszubringen. Wie es sich damals für Frankreich geziemte, natürlich als „Grand Opéra“, die basierend auf der französischen Tradition, ein ausladendes Opernspektakel samt Ballett bedeutete. Donizetti kontaktierte den wohl produktivsten Libretto Schreiber seiner Zeit, Eugene Scribe, der ihm den Text von drei auf vier Akte erweiterte, und auf Grand Opéra-Format brachte. Donizetti, so berichtet er in einem Brief, musste „alle Rezitative neu schreiben, dazu ein neues Finale für den 1. Akt, Arien, Trios und eine passende Ballettmusik komponieren, wie sie hier üblich ist, damit das Publikum sich nicht zu recht über die italienische Machart der Oper beschweren kann.“

John Osborn (Polyeucte), David Steffens (Félix), Tänzer, Arnold Schönberg Chor (Bild: Werner Kmetitsch)
John Osborn (Polyeucte), David Steffens (Félix), Tänzer, Arnold Schönberg Chor

Das Erbe der Tragédie lyrique
Im Theater an der Wien dirigiert jetzt Jérémie Rhorer. Man hat ihn in Wien vielleicht noch von ein paar Mozart-Dirigaten an der Staatsoper in Erinnerung. Mit „Les Martyrs“ leitet er seine erste Belcanto-Oper. Wenn auch im französischen Tarnanzug. Dabei findet Rhorer, dass gerade die französische Fassung den „Poliuto“ geadelt hätte: „Eine Grand Opéra für Paris zu schreiben, galt in der damaligen Zeit als Konsekration eines Komponisten. Die Form der Grand Opéra ist das Erbe der Tragédie lyrique, eine typisch französische Form ... Ein solches Werk schreiben zu dürfen, kam einem beruflichen Aufstieg gleich.“ 

Brustton statt Falsett
Die enorm fordernde Partie des Polyeucte, wie Poliuto französisch heißt, singt in Wien John Osborn. Man konnte den grandios Höhen starken Tenor bereits 2018 als Arnold in Rossinis „Guillaume Tell“ im Theater an der Wien bewundern. Damals wie jetzt tritt er in die Fußstapfen eines berühmten Vorgängers: Gilbert Duprez, dem Polyeucte der Uraufführung, der sich in die Operngeschichte nachhaltig eingeschrieben hat, weil er die Art des modernen Tenorgesangs neu und nachhaltig prägte. Denn damals wurden die hohen Tenor-Töne in einer Mischung aus Falsett- und Kopfstimme gesungen. Doch 1837, nach zehn Jahren in Italien, sorgte Duprez mit neuer italienischer Technik in Paris für Furore: Er sang als Arnold in Rossinis „Tell“ die hohen Noten nicht mehr im Falsett, sondern mit voller Kraft „do di petto“, also „aus der Brust“, wie man das heute kennt und erwartet.

John Osborn (Polyeucte), Roberta Mantegna (Pauline), Arnold Schönberg Chor (Bild: Werner Kmetitsch / THW)
John Osborn (Polyeucte), Roberta Mantegna (Pauline), Arnold Schönberg Chor

Hier bekommt diese Geschichte allerdings auch einen tragischen Beigeschmack. Denn aufgrund der neuen Kunst von Gilbert Duprez und seines Engagements in Paris, begann der bis dahin strahlende Stern von Adolphe Nourrit, übrigens der Arnold der „Tell“-Uraufführung 1829, bald dramatisch zu sinken. Er ging daraufhin nach Neapel, wo er ebenfalls die neue Technik lernen wollte, und besonders hoffte, mit Donizettis Poliuto seine alte Popularität zurückzugewinnen. Die Absage war ein umso herberer Schlag. Nourrit verfiel bald in Depressionen und stürzte sich in Neapel im März 1839 aus dem Fenster in den Tod.

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