Diese Zeiten, in denen man in eine Staatsreligion hineingeboren wurde und dann darin "sein Leben lang bleibt", seien vorbei. In der freiheitsliebenden Gesellschaft biete sich laut Schönborn eine "Fülle an Möglichkeiten". In dieser Funktion sei die Kirche "nur ein Player unter vielen anderen".
Der Kardinal verwies auf die Situation in Favoriten: Im Stadtdekanat 10 leben über 177.000 Menschen, davon knapp 60.000 Katholiken. Die 15 Pfarren zählen zwischen 2.000 und 7.000 Katholiken. In den vergangenen zwanzig Jahren habe sich im Dekanat nicht nur der Katholikenanteil von 60 auf 34 Prozent massiv reduziert, sondern auch das Leben in der Kirche ausgedünnt. "Das sind enorme Veränderungen, die für die Gestalt der Kirche nicht ohne Folge bleiben", so Schönborn.
Er räumte ein, dass es zum Teil ein "schmerzlicher Abschied" werde, betonte jedoch: "Die Kirche der Zukunft in Wien wird weiterhin ein flächendeckendes Pfarrnetz haben. Aber die Pfarren werden teilweise größer sein." Die Strukturen sollen jedenfalls schlanker werden. "Es geht nicht um einen Abbau, sondern um einen Umbau."
Standorte und Pfarrgrenzen nicht in Stein gemeißelt
Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel meinte ebenfalls, man könne "nichts" ausschließen, auch keine Schließungen. Pfarrgrenzen seien ebenso wenig wie kirchliche Standorte in Stein gemeißelt. Noch sei aber nichts fixiert, man befinde sich in einem laufenden Prozess. Generalvikar Nikolaus Krasa sieht die Hauptaufgabe der Kirche nicht in der Gebäudeverwaltung, sondern beim Menschen.
Mindestens 4.000 Katholiken pro Pfarre
Das Dekanat Favoriten wurde nun beauftragt, ein Konzept für eine Neuordnung zu entwickeln. Ziel der Reorganisation seien "Pfarren und Gemeinden, die aufgrund struktureller Entlastung und stärkerer Zusammenarbeit an Lebendigkeit gewinnen". Rahmenbedingungen gebe es ebenfalls, so soll etwa eine Pfarre aus mindestens 4.000 Katholiken bestehen. Weiters sollen die Kosten für den Betrieb des Pfarrheims 20 Prozent der erwirtschafteten Einnahmen - aus dem Kirchenbeitrag, aus Vermietungen, von Veranstaltungen - nicht überschreiten.
Werden diese Vorgaben nicht erreicht, sei dies zu dokumentieren und über eine Lösung zu diskutieren, so Prüller-Jagenteufel. Das Dekanatsteam werde Mitte Juni einen Zwischenbericht und zum Jahresende einen Endbericht über die Tätigkeit vorlegen. Ab 1. September 2013 werde das Dekanat aus neu errichteten Pfarren und Gemeinden bestehen.
Offen für Kultusbeitrag statt Kirchensteuer
Die jüngsten Austrittszahlen aus der Kirche beunruhigten Schönborn nicht. Seit Jahrzehnten gebe es einen "hohen Sockel" an Austritten: "Das signalisiert, dass sich die Einstellung gegenüber Institutionen grundlegend verändert hat." Auf diese gesellschaftlichen Veränderungen müsse man reagieren, verwies er auf das Pilotprojekt in Favoriten. Zum Vorschlag, einen Kultusbeitrag anstelle des Kirchenbeitrages einzuheben, zeigte sich Schönborn offen - man könnte die Modelle in Spanien oder Italien für eine Diskussion heranziehen.
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