Mi, 15. August 2018

US-Version im Kino

11.01.2012 14:32

007 ermittelt im hohen Norden: "Verblendung"

007-Darsteller Daniel Craig und Rooney Mara sind in David Finchers US-Remake des ersten Teils der überaus spannenden "Millennium"-Trilogie von Kultautor Stieg Larsson - "Verblendung" (Kinostart: 13. Jänner) - einem grausamen Familiengeheimnis auf der Spur. Verdammt harte, mutige Kinokost.

Schweden kann sehr kalt sein. Wenn in eisigen Nächten der Boden zu Stein gefriert, so hart, dass jeder Schritt gläsern darauf klingt, wenn einem der Wind den beißenden Frost ins Gesicht peitscht, schotten sich die Seelen ab, schließen sich Türen - und niemand weiß, was dahinter geschieht. Über den unwirtlichen skandinavischen Landschaften, die die klirrende Gletscherkälte von Jahrmillionen abstrahlen, liegt ein Schaudern, das von Bedrohlichkeit und düsteren Geheimnissen erzählt.

Die posthum veröffentlichte "Millenniums"-Trilogie ("Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung") des 2004 verstorbenen schwedischen Journalisten Larsson, die zur bislang berühmtesten Krimiliteratur des dritten Jahrtausends aufstieg, trägt diese eisige Atmosphäre in sich und seziert mit kaltem Blick Schicksale und Gräueltaten - nicht um des Schockelements willen, sondern um Schuld und Sühne in verstörender Weise auszuloten. Und wenn einem dann das Blut in den Adern gefriert, dann nicht nur, weil die Außentemperaturen niedrig sind.

Regisseur David Fincher ist ein Virtuose spannungsgeladener Kinokost. Unter Beweis stellte er dies unter anderem in "Sieben", "Fight Club" oder zuletzt in seinem Facebook-Tribute "The Social Network". Nun hat er sich Stieg Larssons Schweden-Thriller "Verblendung" vorgenommen, literarischer Nervenkitzel pur, der zudem schon 2009 mit Noomi Rapace als gewiefte und semi-autistische Computerhackerin Lisbeth Salander und mit Mikael Nyqvist (gerade auch in "Mission: Impossible - Phantom Protokoll" zu sehen) als unbestechlicher Journalist Mikael Blomkvist genial verfilmt wurde, Regie: Niels Arden Oplev.

Hollywoods Remake-Malaise, also die nicht immer inspirierte Wiederaufbereitung bereits gekonnt verfilmter Stoffe, löst mitunter einen Gähnkrampf aus. Hier liegt der Fall anders, die Messlatte aber eben auch extrem hoch. In die Rolle des Journalisten schlüpft 007 Daniel Craig, die hochintelligente und vom Leben schwer versehrte Punkerin Lisbeth - schwarze Lederkluft, schweres Schuhwerk, Piercings und Tätowierungen überall - wird von der zierlichen Rooney Mara gespielt, die schon in "The Social Network" mit Fincher arbeitete. Ein grandios ungleiches Duo, das von der gleichen Passion angetrieben wird - und ein Besetzungscoup, formidabel ergänzt von Top-Schauspielern wie Robin Wright, Christopher Plummer oder Stellan Skarsgard.

Anderes Ende als in Originalversion
Das von der Buchvorlage abweichende Ende begründet Fincher wie folgt: "Ein Roman gehorcht anderen Gesetzen als ein Film. Zudem sehe ich 'The Girl with the Dragon-Tattoo' (so der englische Titel, Anm.) eher als Neuinterpretation denn als Remake. Jede Verfilmung einer literarischen Vorlage setzt schließlich unterschiedliche Akzente!" Für das Drehbuch konnte Steven Zaillian ("Schindlers Liste") gewonnen werden, ein Mann, der Empörung bewusst herausfordert, weiß er doch um deren "Halbwertszeit". Und die regt immer zu Debatten an.

Koordinaten zu "Verblendung": Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomqvist ist ob eines brisanten Artikels zu einer Haftstrafe wegen Verleumdung verurteilt worden. Um dem angesehenen "Millennium"-Magazin nicht zu schaden, quittiert er vorerst den redaktionellen Dienst. Ungefähr zeitgleich tritt der Anwalt eines steinreichen, im Ruhestand befindlichen Konzernchefs, Henrik Vanger - von Plummer gespielt -, an Blomqvist heran, mit dem Angebot, die Vanger'sche Familienchronik zu erfassen.

Doch schnell wird klar, dass der betagte Pater familias dieses Ansinnen nur vorschiebt, um mehr über das 35 Jahre zurückliegende mysteriöse und spurlose Verschwinden seiner geliebten Großnichte zu erfahren. Mikael fräst sich durch die Indizien, kommt aber nicht weiter, bis ihm die Hackerin Lisbeth Salander anonym einen Hinweis schickt. Doch wer ist diese mysteriöse junge Frau, deren Aussehen Revolte pur ist und die am Computer wahre Wunderdinge vollbringt, sich überall einschleust, selbst aber kontaktscheu wie ein Reh auf der Flucht ist und die in Männern generell potentielle Vergewaltiger sieht? Eine Annäherung. Eine Affäre. Ein Albtraum. Ein Abgrund.

"Verblendung" ist "kein Kinderprogramm"
David Finchers Interpretation von Stieg Larssons "Verblendung" ist alles andere als ein silanisierter US-Aufguss. Es ist dies vielmehr ein von physischer Gewalt beherrschter Thriller, in dem sexuelle Demütigung als Akt bestialischer Verrohung und Bestrafung explizit gezeigt wird. Ein Film für nervenstarke Erwachsene. Oder wie es Daniel Craig auf den Punkt bringt: "David macht ja kein Kinderprogramm!"

Welchen Zugang hat Mr. Bond (das neue 007-Abenteuer "Skyfall" kommt am 1. November 2012 in die Kinos) zu seinem Part in "Verblendung"? Craig: "Die investigative Seite des Journalismus war für mich schon immer ungemein faszinierend. Man kratzt solange an Gerüchten und Geheimnissen, bis man die Essenz der Wahrheit unter den Fingernägeln hat. Guter Journalismus hat also auch mit dreckigen Fingernägeln zu tun!"

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