Die „Krone“ in Kiew

Österreichischer Konsul kämpft im Ukraine-Krieg

Österreich
26.02.2023 06:00

Lokalaugenschein in der Ukraine: Die „Krone“ traf einen Lebenskünstler, eine junge Familie und einen Diplomaten im Einsatz an der Front ...

Schüsse fallen, aus der Ferne ist dumpfer Granatendonner zu hören. Die Stadt Bachmut in der Ostukraine hat sich in den vergangenen Wochen in ein einziges Schlachtfeld verwandelt. Ein Soldat hebt seinen Kopf vorsichtig aus dem Labyrinth gatschiger Schützengräben.

Geschäftsmann und Militärkommandant
Er ist nicht „irgendein Soldat“. Bis vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine war Vsevolod Kozhemyako österreichischer Honorarkonsul in Charkiw. Es ist nicht leicht, ihn zu erreichen. Doch der „Krone“ ist es gelungen, mit dem 50-jährigen Multimillionär per Skype von Kiew aus zu sprechen. Seine Stimme klingt geschwächt, dennoch drückt er sich klar und deutlich aus. „Ja, ich bin ein Geschäftsmann“, beginnt er. „Und ich bin Kommandant einer Militäreinheit in der Ukraine.“

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„Es hat begonnen.“ Das war alles, was er zu mir am Telefon gesagt hat.

Vsevolod Kozhemyako über einen Anruf, der sein Leben veränderte

Um 4 Uhr morgens wurde er damals am 24. Februar 2022 von einem Kameraden geweckt. An jenem Tag, an dem der Krieg nach Europa zurückkehrte. „,Es hat begonnen.‘ Das war alles, was er zu mir am Telefon gesagt hat“, fährt Kozhemyako fort. Als ihn die verhängnisvolle Nachricht erreichte, weilte er gerade mit seiner Familie in Lech/Arlberg auf Skiurlaub.

Von Österreichs Bergen direkt in Krieg gezogen
„Ich habe mich sofort in mein Auto gesetzt und bin in die Ukraine gefahren. Keine Sekunde habe ich gezögert.“ Seine Frau lebt mit den vier Kindern seither in Österreich. Ohne viel nachzudenken, legte der Spitzendiplomat in der Heimat seinen Business-Anzug ab und schlüpfte in die Militäruniform. Zusammen mit anderen reichen Ukrainern hat der Geschäftsmann eine eigene Kampftruppe auf die Beine gestellt. Das Training, die Waffen und die Fahrzeuge bezahlt er alle selbst.

Für ihn wohl nur Peanuts. Das „Forbes“-Magazin schätzt Kozhemyakos Vermögen auf rund 100 Millionen Dollar. Befehle nimmt seine Kampftruppe, die nur aus Zivilisten besteht, von der ukrainischen Armee entgegen. Im Kampf an der Front handelt er mit seinen Männern jedoch völlig unabhängig.

Immer wieder kommt der ehemalige Teilzeit-Diplomat in dem Gespräch auch auf die Rolle Österreichs zu sprechen. Er kritisiert die unrühmliche Rolle der ehemaligen Außenministerin Karin Kneissl, und dass man sich jetzt eben entscheiden sollte, auf welcher Seite man stehe. Für Kozhemayko ist nämlich eines ganz klar: Der Krieg wird erst zu Ende sein, wenn die Ukraine gewinnt.

Von schmucker Kleinstadt zum Kriegsschauplatz
Schauplatzwechsel nach Irpin, einem Vorort nordwestlich von Kiew. Die einstmals schmucke Kleinstadt wurde in den ersten Kriegstagen von den Russen besetzt und war heftig umkämpft. Beim „Krone“-Lokalaugenschein sind die schweren Verwüstungen in der Stadt noch deutlich zu sehen. Viele Häuser sind Ruinen, ganze Straßenzüge ausgelöscht.

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Ich mache das alles nur für meinen Sohn. Er ist meine einzige Hoffnung und mein Halt.

Igor (54) half bei Kriegsbeginn die Kleinstadt zu evakuieren.

Auch das Zuhause von Igor S. (54) wurde völlig zerstört. Er steht seitdem wie so viele vor dem Nichts. Vor den Trümmern seines Hauses erzählt er uns seine Geschichte. Als die Russen in die Stadt eingefallen sind, habe er noch mitgeholfen, die vielen Frauen und Kinder zu evakuieren. Auch seine Ehefrau und der 17-jährige Sohn konnten noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Jetzt muss er hier in der Garage leben. Freiwillige Helfer haben einen Heizgenerator vorbeigebracht. Der soll ihm etwas Wärme spenden. Alle Nachbarn, Freunde und Bekannte helfen jetzt zusammen, um das wieder instand zu setzen, was gnadenlos zerstört wurde. Stolz zeigt er den Baufortschritt. Die Fenster sind bereits repariert. „Ich mache das alles nur für meinen Sohn. Er ist meine einzige Hoffnung und mein Halt“, sagt Igor entschlossen. Doch neben dem Wiederaufbau seines Hauses widmet er sich noch einem anderen und wohl auch wichtigeren Projekt.

Mit reparierten Fahrzeugen Rache an den Russen üben
Der Lebenskünstler ist nämlich handwerklich sehr geschickt und bastelt als Hobby an Autos herum. Aus der gesamten Umgebung kommen die Leute vorbei und spenden ihm ausrangierte Fahrzeuge. Er macht daraus wieder so manches funktionsfähiges Gefährt und schickt es mit dem Militär an die Front. Es ist seine ganz persönliche Art, um Rache an den Russen zu üben. „Dieser Wagen wird nach Bachmut zu unseren Helden geschickt“, lächelt Igor stolz und streichelt über die Motorhaube eines olivgrünen Kleinlasters.

Dennoch hofft er natürlich, dass der Krieg bald vorbei ist. Wenn es so weit sein sollte und er kämpfen muss, dann wird er aber bereit sein.

Kinder: „Wir vermissen unseren Papa so sehr“
Nicht weit von Irpin entfernt liegt Butscha. Ebenfalls eine Kleinstadt vor den Toren von Kiew. Russische Soldaten haben hier Zivilisten teils niedergemetzelt, gefoltert oder mit gezielten Kopfschüssen hingerichtet. Wie nahe Leben und Tod beieinander liegen, zeigt auch das Schicksal einer jungen Familie. Mitten im Krieg erblickte hier der kleine Orest vor elf Monaten das Licht der Welt. Er ist der jüngste Spross der fünfköpfigen Familie.

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Meine Kinder wissen es ganz genau, und sie sollen es auch wissen. Es ist Krieg. Daraus kann man kein Geheimnis machen.

Alla (37) geht offen mit dem Krieg um.

Sein Papa verteidigte zu diesem Zeitpunkt das Land bereits längst gegen die Russen. Bei der Geburt konnte er nur per Videoanruf mit dabei sein. Für ein halbes Jahr lebte Alla (37) danach mit ihren drei Söhnen in einer Flüchtlingsunterkunft in Luzk, im Nordwesten des Landes. Doch die Sehnsucht nach dem Papa war zu groß. Aber wie erklärt Alla den Kindern den Krieg und die schrecklichen Dinge, die passiert sind?

„Sie wissen es ganz genau, und sie sollen es auch wissen. Es ist Krieg, und das ist ja kein Geheimnis.“ Saveliy (9) nickt zustimmend: „Als wir weg waren, haben die Russen in unserem Haus gewohnt. Sie haben uns alle Konservendosen gestohlen, auch die Marmelade“, erzählt der Bursch aufgeregt. Bei jedem Luftalarm laufen die zwei Brüder in das Vorzimmer des kleinen Hauses und verstecken sich.

Als sie wieder nach Butscha zurückgekommen sind, haben sie im Baum im Garten ein Vogelnest entdeckt. Das sei für sie ein Zeichen der Hoffnung gewesen. „Wir vermissen unseren Papa so sehr“, sagen die Kinder und blicken dann verstohlen in den Garten - zu ihrer ganz persönlichen Friedenstaube.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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