11.07.2022 11:00 |

Taxi-Geschichten

Von gelb zu blau - der Sprung vom Taxi zur Polizei

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

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Eine falsche Bewegung und eine kurze Unachtsamkeit - schon war es so weit. Berkan kassierte einen Schlag mitten ins Gesicht und taumelte auf dem Fahrersitz hin und her. Die Nase schwoll augenblicklich an, das Blut blieb zum Glück aus. Dennoch war er von der Attacke außerhalb des Seitenfensters seines Toyotas überrascht. „Zuerst hat mich der Typ von der Rückbank aus angetippt“, erzählt er mir sichtlich aufgeregt, während wir zu meinem Termin ans andere Ende der Stadt fahren, „das mag ich aber gar nicht und habe es ihm auch so mitgeteilt. Dann meinte er, er könne mich jederzeit umbringen. Er stieg aus, ging zum geöffneten Fenster und gab mir voll eine mit.“ Womit der rabiate und schwer illuminierte Gast nicht gerechnet hat, war Berkans relativ spontane Gegenwehr.

Der gebürtige Türke nennt das Ringen seit frühen Teenagertagen seine größte Leidenschaft und schraubt den gewaltbereiten Kunden kurzerhand auf den dreckigen Asphalt. Der zieht sich dabei leichte Kopfverletzungen zu, aber Berkan hat glücklicherweise Zeugen, die nach Eintreffen von Polizei und Rettung bestätigen, dass er sich gegen das rabiate Auftreten des Gastes wehren musste. „Es ist ein schmaler Grat, wenn man diesen Job ausführt“, führt er elektrisiert aus, „aber wenn jemand gar nicht mehr anders zu beruhigen ist, dann muss ich eingreifen. Ich verwarne jeden Gast, egal in welchem Zustand er sich befindet, dreimal. Doch wenn die körperlichen Angriffe dann nicht aufhören, muss ich handeln.“

Wenn Berkan an diese Aktion von vor etwas mehr als zwei Jahren zurückdenkt, wird ihm etwas flau. Zu schnell kann zu viel passieren. Zu schnell übersieht man Situationen im Affekt oder reagiert instinktiv etwas zu grob. Vor allem dann, wenn man kampfsporterprobt ist und die Geduld verliert. „Ich will niemanden verletzen, aber ich muss mir nicht alles gefallen lassen.“ Das Taxifahren ist für Berkan alles andere als ein Traumjob, sondern Mittel zum Zweck. „Ich habe eine Lehre als Schlosser gemacht, aber der Job war mir auf Dauer zu schwer und man wird immer dreckig. Ich habe dann den Taxischein gemacht und fahre seit etwa dreieinhalb Jahren durch Wien.“ Mittlerweile hat er längst andere Pläne, für die seine in dieser Zeit gewonnene Ortskenntnis durchaus von Vorteil sein könnte.

Berkan möchte sich im Herbst auf der Polizeischule bewerben und eine ganz andere Berufslaufbahn einschlagen. Der Mittzwanziger würde auf jeden Fall zahlreiche Anforderungen erfüllen, wie er mit Begeisterung vermerkt. „Ich spreche Deutsch, ich bin konditionell gut in Form und kenne mich in Wien perfekt aus.“ Wer nun bei Polizei an beliebte Abteilungen wie Drogendezernat oder Mordkommission denkt, täuscht sich aber. Berkan würde am liebsten im Verkehrswesen tätig sein und auf der Straße Strafen an all jene verteilen, die sich nicht an die Regeln halten. „Beim Überfahren von roten Ampeln und schweren Geschwindigkeitsübertretungen wäre ich beinhart“, schmunzelt er, „ich erlebe das tagtäglich die ganze Zeit und es entstehen daraus so viele gefährliche Situationen. Das muss man noch viel strenger in die Hand nehmen, damit da wirklich eine Besserung eintritt.“

Dass er als Taxler im Stress vielleicht das eine oder andere Mal Verkehrsregeln variabel auslegt, lässt er nicht gelten und gibt sich geradezu empört. „So viel Stress kann ich gar nicht haben, dass ich zu rasen oder Ampeln zu überfahren beginne. Das Strafregister für Taxifahrer ist sehr streng. Wenn du ein paar Mal so vermerkt wirst, dann bist du den Schein schnell wieder los.“ Die Polizeischule dauert zwei Jahre, das bloße Reinkommen sei dabei die härteste Aufgabe. „Mein Cousin ist auch Polizist und schwärmt mir schon lange davon vor. Jetzt will ich es endlich probieren.“ Ein weiterer Pluspunkt: Berkan spricht vier Sprachen und kann sich im internationalen Wien vielfach gut verständigen. Und das erzwungene Amateurringen im Taxibrotjob hätte damit endlich sein Ende.

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