Mi, 22. Mai 2019
23.07.2011 16:15

Norwegen-Anschläge

86 Tote: Massaker von Utöya dauerte eine Stunde

Mit unfassbarer Brutalität hat ein Attentäter am Freitag in Norwegen eine Spur der Verwüstung und des Todes gezogen. Nach einem Bombenattentat in Oslo, bei dem mindestens sieben Menschen ums Leben kamen, setzte der Mann sein grausames Werk in einem Ferienlager auf der Insel Utöya fort. Hier erschoss der 32-jährige Norweger mindestens 86 Menschen, zumeist Jugendliche. Laut Polizei und Überlebenden dauerte das Massaker rund eine Stunde. Offenbar hatte der Täter seine jungen Opfer zuvor mit einer besonders hinterhältigen Methode in die Falle gelockt.

Das Jugendlager der norwegischen Sozialdemokraten lag auf der Insel Utöya nahe der Hauptstadt Oslo. Laut einem von der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF beauftragten Wachmann hatte sich der Attentäter an Land als Polizist ausgewiesen und über der entsprechenden Uniform auch eine schusssichere Weste getragen. Ausgerüstet sei er mit einer Pistole und einem Gewehr gewesen. "Er sagte, er sei geschickt worden, um die Sicherheit zu überprüfen. Das sei reine Routine nach dem Anschlag in Oslo", schilderte Simon Bränden Mortensen den Vorfall.

Mit einem Boot der veranstaltenden Partei hatte der 32-Jährige dann zu der Insel übergesetzt und dort die etwa 700 Teilnehmer zusammengerufen - unter dem Vorwand, ihnen wichtige Informationen zu dem Bombenattentat geben zu müssen, das kurz zuvor die Innenstadt von Oslo erschüttert hatte. Als die Teilnehmer zusammengekommen waren, eröffnete der Mann das Feuer.

In Panik rannten die Jugendlichen auseinander, viele flüchteten sich ins Wasser. Fernsehbilder zeigten zahlreiche Leichen am Ufer der Insel. Einer 22-jährigen Augenzeugin zufolge schoss der mutmaßliche Täter mehr als 45 Minuten auf die Jugendlichen, laut Polizei dauerte das Massaker sogar doppelt so lang. "Die Schüsse kamen mit etwa zehn Sekunden Zwischenraum", schilderte Nicoline Bjerge dem "Dagbladet". Die junge Frau hatte sich selbst mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt. Über ihre Eindrücke berichtete sie: "Ich hab' ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich."

"Ich bringe euch alle um, alle müssen sterben"
Dem sozialdemokratischen Jugendfunktionär Adrian Pracon zufolge soll der Täter mehrfach geschrien haben: "Ich bringe auch alle um, alle müssen sterben." Er selbst habe nur überlebt, weil er sich tot gestellt hatte, berichtete der Norweger der Zeitung "Verdens Gang". "Er zielte mit der Pistole auf mich, aber er hat nicht abgedrückt."

Im TV-Sender NRK berichtete der ebenfalls überlebende Ali al Hatem, dass zuerst eine Gruppe Jugendlicher auf den als Polizisten verkleideten Mann zulief. "Er hat direkt auf alle geschossen, die auf ihn zuliefen", sagte der junge Mann weiter. Er selbst sei sofort in die andere Richtung gelaufen und habe sich am Wasser versteckt.

Polizei entdeckt auf Insel Sprengstoff
Wie die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtete, fand die Polizei nach der Festnahme des Verdächtigen auf der Insel nicht explodierten Sprengstoff. Ob es sich dabei um einen scharfen Sprengsatz handelte, wurde nicht mitgeteilt.

Die Ermittler gehen von einem rechtsradikalen Hintergrund aus. "Die Internetseite des Tatverdächtigen lasse eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung erkennen", erklärte die Polizei am Samstag. Der Anschlag habe sich gegen das derzeitige politische System gewendet, die Polizei kenne das Milieu, in dem sich der Festgenommene aufhalte. Über erste Verhöre hieß es, der Mann sei "aussagebereit".

Zeugen berichten von zweitem Täter
Man stehe vor "äußerst umfassenden und langfristigen Ermittlungen". Deshalb wolle man vorerst keine Details über die beiden Anschläge veröffentlichen. Der Festgenommene gilt für die Polizei als Täter beider Anschläge. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass noch andere beteiligt waren. "Wir haben exakt übereinstimmende Zeugenaussagen darüber, dass es einen Täter Nummer zwei gibt", zitierte die Online-Ausgabe der Tageszeitung "Verdens Gang" den Osloer Polizeisprecher Einar Aas.

Norwegische Medien hatten zuvor bereits Aussagen von überlebenden Teilnehmern am sozialdemokratischen Jugendcamp auf der Insel Utöya veröffentlicht, in denen von einem zweiten Schützen die Rede war, der anders als der bereits festgenommene 32-Jährige aber nicht mit einer Polizeiuniform verkleidet gewesen sei.

Verhafteter war bis auf Verkehrsstrafe unbescholten
Laut "Verdens Gang" war der nun verhaftete 32-Jährige unbescholten, bis auf eine Jahre zurückliegende Strafe für ein Verkehrsdelikt. Er besitze Waffenscheine, unter anderem für eine Glock-Pistole. Außerdem habe er eine Firma namens Geofram, die sich dem Anbau von Gemüse und Knollengewächsen widme. Möglicherweise habe er dadurch Zugang zu Kunstdünger bekommen, der für die Herstellung von Sprengsätzen verwendet werden kann.

Gegen Mitternacht habe die Polizei die Wohnung des Mannes im Westen Oslos durchsucht, berichtete "Verdens Gang". Bereits vor Jahren habe er im Internet Beiträge mit kontroversem Inhalt veröffentlicht, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen Jugendfreund. Sein Facebook-Profil sei deshalb gelöscht worden. Später habe der Verdächtige, der eine Handelsschule in Oslo besucht haben soll, dann ein neues Profil angelegt, dort aber keine kontroversen Meinungen mehr veröffentlicht.

Autobombe in Oslo riss sieben Menschen in den Tod
Zuvor waren - eventuell als Ablenkungsmanöver für das Massaker im Jugendlager - bei der Explosion einer Autobombe im Osloer Regierungsviertel mindestens sieben Menschen getötet worden, 80 sollen in Krankenhäuser eingeliefert worden sein. An mindestens vier Gebäuden entstanden durch die Explosion schwere Schäden, darunter auch am Regierungssitz. Dichter, schwarzer Rauch stand über der Stadt.

Augenzeugen berichteten nach Angaben der norwegischen Zeitung "Aftonbladet" von dramatischen Szenen: In dem Haus, in dem Regierungschef Jens Stoltenberg seinen Amtssitz hat, sei das gesamte Erdgeschoß "weggeblasen" worden. Ein Journalist, der sich zum Zeitpunkt der Explosion in der Nähe der Redaktion der ebenfalls betroffenen "Verdens Gang"-Zeitung aufgehalten hatte, sagte: "Das ganze Gebäude bebte, wir dachten zunächst an ein Erdbeben."

Regierungschef Jens Stoltenberg hielt seinen Aufenthaltsort am Freitag zunächst noch geheim. "Die Lage ist sehr ernst", beschrieb er in einem Telefonat mit dem Fernsehsender TV2 die Situation. Er versicherte aber, er selbst und alle Minister seines Kabinetts seien unversehrt. Zugleich kündigte er eine entschlossene Reaktion an: "Wir werden alle verfügbaren Kräfte einsetzen, um uns zu schützen." Laut Stoltenbergs Büro hätte der Ministerpräsident am Samstag bei dem Jugendlager auf der Insel Utöya auftreten sollen.

Polizei befürchtete weitere Explosionen
Die Polizei sperrte noch am Nachmittag aus Angst vor weiteren Bomben große Teile der Osloer Innenstadt ab. Medienberichten zufolge sollten sich im Detonationsgebiet noch mehrere nicht explodierte Sprengsätze befinden. Eine Angst, die offenbar unbegründet war. Zusätzlich ordnete die Polizei auch die Räumung des Hauptbahnhofs an, wie der staatliche Rundfunksender NRK am späten Freitagnachmittag berichtete. Bereits zuvor war das norwegische Parlament evakuiert worden. Auch das Gebäude des staatlichen Rundfunks sowie zahlreiche Einkaufszentren wurden geräumt.

Die norwegische Polizei hat unterdessen die Grenzkontrollen verstärkt. Der Flugverkehr am Flughafen Oslo verlaufe zwar normal, jedoch sollten Reisende mehr Zeit für Sicherheitskontrollen einplanen, so die Behörden. Dem Außenamt zufolge gab es am Freitagabend keine Hinweise darauf, dass Österreicher unter den Verletzten oder Toten der Terrorangriffe sind.

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