Fr, 21. September 2018

Srebrenica-Massaker

30.05.2011 12:54

Mladic-Sohn: "Vater hat Frauen und Kinder gerettet"

Der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, hat seiner Familie versichert, dass er "mit Srebrenica nichts zu tun gehabt hat". Das gab sein 41-jähriger Sohn Darko nach einem Besuch im Gefängnis des Belgrader Sondergerichts für Kriegsverbrechen am Montag bekannt. Ratko Mladic war am Donnerstag verhaftet worden, seine Überstellung an das Haager Kriegsverbrechertribunal soll diese Woche erfolgen. Der 69-Jährige wird unter anderem für den Völkermord von Srebrenica 1995 mit rund 8.000 Toten verantwortlich gemacht.

"Mein Vater hat in Srebrenica Frauen und Kinder gerettet. Sein Befehl war es, die Verwundeten, Frauen und Kinder zu evakuieren", überbrachte Darko Mladic den Inhalt des Gesprächs mit seinem Vater den Medien, ohne genauer darauf einzugehen.

In Srebrenica wurde von bosnisch-serbischen Truppen das schwerste Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg verübt. Nach der Einnahme der UNO-Schutzzone am 11. Juli 1995 wurden von serbischen Truppen vor den Augen niederländischer Blauhelme etwa 8.000 muslimische Männer und Knaben aussortiert und später ermordet. Von vielen Leichen fehlt bis heute jede Spur. Andere waren in den vergangenen Jahren in zahlreichen Massengräbern in der weiteren Umgebung der Kleinstadt entdeckt worden.

Auch Tagebücher verraten nichts
Keinen Aufschluss über die Geschehnisse in Srebrenica bieten auch die Tagebücher von Mladic, die im Februar des Vorjahres im Haus seiner Familie in Belgrad sichergestellt wurden. Nur neun Seiten sind den Ereignissen im Juli 1995 gewidmet. Mladic beschrieb lediglich die Treffen, welche er am 14. und 15. Juli mit dem damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic und Vertretern der internationalen Staatengemeinschaft, darunter auch der UNO, in Bosnien hatte. Zudem notierte er sein Anliegen, "möglichst schnell dem UNHCR (UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge) und dem Internationalen Roten Kreuz den Zugang zu genehmigen". Damit enden die Mladic-Notizen zu Srebrenica.

Der Haager Angeklagte, der sich wegen Genozids in der ehemaligen UNO-Schutzzone und weiterer acht Gemeinden zu verteidigen haben wird, verlor kein weiteres Wort über das angerichtete Massaker. Srebrenica kam allerdings in seinen mehr als 3.000 Seiten umfassenden Notizen wiederholt ab Juni 1992 vor. Spekulationen, dass Aufzeichnungen zum Massaker vernichtet worden seien, haben sich bisher nicht erhärtet. Eine Antwort darauf wird womöglich Mladic selbst vor dem Haager Tribunal geben.

Sieben bosnisch-serbische Offiziere, die an der Srebrenica-Operation direkt beteiligt waren, wurden im Juni 2010 vor dem UNO-Tribunal zu langen Haftstrafen verurteilt, zwei von ihnen erhielten lebenslang. Das Berufungsverfahren ist noch im Gange. Zuvor war der ehemalige Befehlshaber des bosnisch-serbischen Drina-Korps, Radislav Krstic, rechtskräftig zu 35 Jahren Haft verurteilt worden.

Mladics Anwalt fordert neues, "unabhängiges Ärzteteam"
Indes hat der Anwalt von Mladic am Montag beim Belgrader Sondergericht den Antrag auf Bildung eines "unabhängigen Ärzteteams" gestellt. Dieses solle den "wahren Gesundheitszustand" des Ex-Militärchefs der bosnischen Serben feststellen, erläuterte Milos Saljic, ein einstiger jugoslawischer Militärrichter und Familienfreund, seine Initiative. "Sein Gesundheitszustand ist alarmierend", erklärte der Jurist. Auch glaube er nicht, dass Mladic den Prozessbeginn vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien erleben werde.

Der Vize-Sonderstaatsanwalt Bruno Vekaric wiederum wiederholte am Montag, dass Mladic bei der Anhörung am Freitag kommunikationsfähig gewirkt habe. Sein Zustand sei besser als einen Tag zuvor gewesen. Ein Ärzteteam hatte bestätigt, dass Mladic zwar an chronischen Erkrankungen leidet, dies aber seiner Auslieferung an das UNO-Kriegsverbrechertribunal nicht im Wege stehen würde. Die Belgrader Behörden hatten zudem am Wochenende angedeutet, dass die Untersuchung von Mladic durch ein internationales Team von Ärzten auch im Gefängnis des Haager Tribunals erfolgen dürfte.

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