Mo, 18. Juni 2018

Schwer krank?

27.05.2011 07:21

Mladic-Verhör vertagt: "Er konnte sich nicht mitteilen"

Der am Donnerstag in Serbien festgenommene mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic muss erneut vor Gericht erscheinen. Eine erste Anhörung Donnerstagabend musste nach knapp einer Stunde abgebrochen werden, weil sich der 69-Jährige angeblich nicht mitteilen konnte. Seinen Anwälten zufolge sprach er nur unzusammenhängend und konnte nicht einmal seine biografischen Daten bestätigen - womit plötzlich ein großes Fragezeichen über seiner Auslieferung ans Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal stünde. Vertreter der Anklage berichteten allerdings, dass Mladic voll bei sich und kommunikativ gewesen sei.

Die Einvernahme von Mladic vor einem Belgrader Sondergericht soll am Freitag fortgesetzt werden. Ein Ermittlungsrichter muss anschließend entscheiden, ob die Voraussetzungen für die Überstellung von Mladic an das UNO-Kriegsverbrechertribunal erfüllt sind. Danach hat Mladic die Möglichkeit einer Berufung vor einer höheren Instanz. Die serbische Regierung geht davon aus, dass das Auslieferungsverfahren eine Woche dauern wird.

Verwirrung um Gesundheitszustand
Mladic war vor der Anhörung am Donnerstag, die um kurz vor 20 Uhr begann und rund eine Stunde dauerte, von einem Gerichtsarzt untersucht worden. Medien brachten daraufhin verwirrende Berichte über den Gesundheitszustand des Haager Angeklagten. Mladic soll Nierenprobleme haben und zudem Probleme mit einem Arm, der infolge eines Schlaganfalls gelähmt sei. Aus dem Gericht war jedoch zu hören, dass Mladic voll bei sich und kommunikativ sei. Er könne auch beide Arme bewegen.

Auch die Aussagen des Anklagevertreters wiedersprachen jenen von Mladic' Anwälten, die ein dramatisches Bild vom Gesundheitszustand des Angeklagten gezeichnet hatten. Er habe sehr rational auf alles reagiert, was im Gerichtssaal vor sich gegangen sei, sagte der stellvertretende Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Bruno Vekaric, dem TV-Sender B-92. Auch fügte er hinzu, dass sich Mladic in den vergangenen 16 Jahren offenbar kaum verändert habe. "Er ähnelt sich selbst", so Vekaric. Mladic vertrete auch "dieselben Standpunkte wie in den 1990er-Jahren".

Nach etwa einer Stunde wurde das Verhör dann abgebrochen. Der Grund sei der "schlechte psychophysische Zustand" von Mladic, berichtete B-92.

Auf Fotos nicht wiederzuerkennen
Belgrader Medien berichteten am Freitag, Mladic zeige starke Demenzerscheinungen, und veröffentlichten Porträtfotos des inzwischen 69-Jährigen, auf denen er abgemagert und mit ausgefallenem Haar erscheint. Auf den letzten existierenden Fotos, die über zehn Jahre alt sind – wie das zweite Bild oben, das 1996 entstand –, ist Mladic noch als lebensstrotzender fülliger Mann zu sehen. Das erste Bild zeigt Mladic, wie er am Donnerstag zu dem Verhör gebracht wurde.

Der wegen tausendfachen Mordes als Kriegsverbrecher gesuchte Mladic wurde am Donnerstag auf einem Bauernhof eines Verwandten im Norden Serbiens gefasst. Der 68-Jährige wird unter anderem für den Völkermord von Srebrenica 1995 mit rund 8.000 Toten verantwortlich gemacht. Der politische Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, wurde bereits im Juli 2008 in Belgrad gefasst und muss sich wegen des Völkermords im Bosnien-Krieg vor dem Haager UNO-Tribunal verantworten.

Positive Reaktionen auf Festnahme Mladic'
Die Festnahme von Mladic war international einhellig begrüßt worden, während sich die Proteste in Serbien, wo ihn viele Menschen als Kriegshelden verehren, in Grenzen hielten. Lediglich einige Dutzend junger Nationalisten protestierten am Donnerstagabend im Belgrader Stadtzentrum. Die Behörden verschärften jedoch aus Furcht vor Ausschreitungen die Sicherheitsvorkehrungen.

Das Haager UNO-Tribunal bezeichnete die Festnahme von Mladic als "Meilenstein" in seiner Geschichte, verwies aber zugleich auf die Unschuldsvermutung für den Angeklagten. Chefankläger Serge Brammertz sagte, dass Serbien damit "eine seiner internationalen Verpflichtungen erfüllt" habe. Während UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon von einem "historischen Tag für die internationale Justiz" sprach, würdigte US-Präsident Barack Obama die "entschiedenen Bemühungen" seines serbischen Amtskollegen Boris Tadic, Mladic vor Gericht zu bringen. Vor 15 Jahren habe Mladic "die systematische Hinrichtung von rund 8.000 unbewaffneten Männern und Burschen in Srebrenica angeordnet, heute ist er hinter Gittern", sagte Obama am Rande des G-8-Gipfels in Deauville.

Festnahme bringt Serbien raschere Annäherung an die EU
Mehrere EU-Spitzenpolitiker ließen durchblicken, dass sich Serbien nun Hoffnungen auf eine raschere EU-Annäherung machen kann. "Wenn Sie mich fragen, ob Serbien der EU heute näher als gestern gekommen ist, lautet die Antwort ja", sagte EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle. "Sicherlich ist damit eine Hürde für Serbien genommen, was die Annäherung an die EU anbelangt", sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Deauville. Außenminister Michael Spindelegger meinte, der EU-Beitrittskandidatenstatus für Serbien sei nun "in greifbare Nähe" gerückt. Mit der Festnahme Mladic' habe Serbien nämlich "eine schwere Hypothek auf seinem Weg in die EU beseitigt".

Selbst Ehefrau und Sohn über Festnahme erfreut
"Erleichtert" von der Nachricht, dass Ratko Mladic festgenommen worden sei, zeigten sich auch seine Frau Bosiljka und sein Sohn Darko. Sie hätten nämlich gedacht, dass er nicht mehr am Leben sei, sagte Mladic' Anwalt Milos Saljic. Der bosnisch-serbische Ex-Präsident Karadzic bedauerte dagegen, dass "General Mladic seine Freiheit verloren hat". Wie Karadzic' Anwalt Peter Robinson aber weiter sagte, freue sich der Ex-Präsident darauf, gemeinsam mit Mladic vor dem UNO-Tribunal "die Wahrheit aufzudecken über das, was in Bosnien passiert ist".

Für Bosnien bedeutet die Festnahme von Mladic eine "gigantische Erleichterung", sagte der internationale Bosnien-Beauftragte Valentin Inzko. Zwar zeigten sich viele bosnische Serben empört über die Festnahme, doch betonte der Präsident der Serbenrepublik, Milorad Dodik, dass deren Institutionen "nie irgendjemanden verteidigen (werden), der Kriegsverbrechen angerichtet hat". Das bosniakische Mitglied im Staatspräsidium, Bakir Izetbegovic, äußerte die Hoffnung auf einen neuen Abschnitt in den Beziehungen mit Serbien, während die Opferorganisation "Mütter von Srebrenica" den späten Zeitpunkt der Festnahme kritisierte.

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