Mo, 25. Juni 2018

Nach Blutbad

23.04.2011 14:58

Syrien: Schüsse auf Demonstranten und Trauernde

Einen Tag nach dem Blutbad in Syrien, bei dem über 100 Menschen getötet wurden, sind am Samstag wieder Zehntausende Demonstranten mit der Forderung nach einem Systemwechsel auf die Straße gegangen. Während sie die Opfer der Heckenschützen zu Grabe trugen, riefen sie lautstark "Nieder mit dem Regime" und forderten Präsident Bashar al-Assad zum Rückzug auf, wie Zeugen am Samstag berichteten. Auch ihre Proteste wurden mit Waffengewalt niedergeschlagen.

Syrische Sicherheitskräfte haben nach Augenzeugen-Berichten das Feuer auf Teilnehmer eines Trauerzugs für getötete Demonstranten eröffnet. In der Nähe von Damaskus seien dabei mehrere Oppositionelle verletzt worden, berichteten die Zeugen. Auch aus der südsyrischen Stadt Asraa wurden Schüsse auf Trauernde und mehrere Verletzte gemeldet, die ebenfalls einen Systemwechsel und den Rücktritt von Präsident Assad verlangt hatten.

"Heute sind die Beerdigungen, und wir haben Angst, dass dabei noch mehr Blut vergossen wird, was mehr Proteste und Tote zur Folge haben wird", sagte ein Oppositioneller am Samstag. "Das ist wie ein Schneeball, der von Woche zu Woche größer wird. Der Zorn nimmt zu, die Straße brodelt." Aus Furcht vor neuen Zusammenstößen wagten sich nach Angaben eines Regierungsgegners in Damaskus viele Menschen nicht aus ihren Häusern.

Blutigster Tag in Syrien seit Beginn der Proteste
Erst am Freitag hatten Scharfschützen in mehreren Städten das Feuer auf demonstrierende Oppositionelle eröffnet und dabei nach jüngsten Angaben von Regierungsgegnern 112 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Heckenschützen versteckten sich auf Dächern und zielten auf Demonstranten, unter den Opfern soll sogar ein einjähriges Kind sein. Es ist die höchste Todeszahl an einem Tag seit Beginn der Proteste im März.

Die hohe Zahl an Todesopfern ist vor allem auf die Heckenschützen zurückzuführen, da die Demonstranten nicht mit einem Angriff von den Dächern aus gerechnet hatten. Die Regimemedien bezeichneten die Heckenschützen allerdings als "unidentifizierte Bewaffnete". Etliche davon seien von den Sicherheitskräften festgenommen worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Nach Einschätzung der Aktivisten sind aber die Heckenschützen Teil des mächtigen Geheimdienstes. Im Polizei- und Geheimdienststaat Syrien ist es unvorstellbar, dass sich Bewaffnete in einer derartigen Zahl und Koordinierung auf den Hausdächern in den Zentren der wichtigsten Städte einrichten können.

Die Kundgebungen am Freitag in Damaskus war eine der größten seit Beginn der Protestwelle. Mehr als 100.000 Menschen gingen in ganz Syrien auf die Straße, um ein Ende der Gewaltherrschaft zu fordern. Die Menschen demonstrierten "für Freiheit und Reformen" und forderten den Sturz von Staatschef Bashar al-Assad und die Auflösung seiner Sicherheitsbehörden.

Forderung nach Rücktritt Assads wird immer lauter
Bisher sind der Gewalt der Sicherheitskräfte seit Beginn der Proteste in Syrien nunmehr rund 300 Menschen zum Opfer gefallen. Verlangten die Proteste bisher nur echte Reformen und Freiheiten, so dominiert nun auch die Forderungen nach dem Rücktritt Assads und nach einem Regimewechsel. Auch gingen die Demonstranten gezielt gegen die Symbole der Assad-Diktatur vor. In Damaskus etwa wurde, wie auf Oppositions-Webseiten zu sehen war, eine Statue von Hafis Assad gestürzt und mit Füßen getreten. Der Vater des jetzigen Präsidenten hatte mit seinem Putsch im Jahr 1963 die gegenwärtige Familienherrschaft begründet. Solche Szenen wären noch vor vier Wochen undenkbar gewesen, meinten Beobachter.

Ausnahmezustand bereits aufgehoben
Doch die Menschen wollen endlich eine Veränderung. Selbst die Aufhebung des seit 1963 geltenden Ausnahmezustandes, den Präsident Assad am Donnerstag per Dekret erlassen hatte, reicht nicht mehr, um die Menschen zu besänftigen. Assad hatte zudem zwei Dekrete zur Abschaffung des Staatssicherheitsgerichts, das außerhalb des ordentlichen Rechtssystems agiert, sowie zum Recht der Bevölkerung auf friedliche Demonstrationen erlassen. Oppositionelle bezeichneten die Maßnahmen jedoch als unzureichend.

USA verurteilen Vorgehen gegen Demonstranten
US-Präsident Barack Obama hat das brutale Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte "aufs Schärfste" verurteilt. "Dieser ungeheuerliche Einsatz von Gewalt zur Unterdrückung der Proteste muss jetzt beendet werden", so der US-Präsident. Obama bedauerte den Verlust von Menschenleben und sicherte den Angehörigen und dem syrischen Volk "in diesen schwierigen Zeiten" die Anteilnahme der US-Regierung zu.

Die Aufhebung des jahrzehntelangen Ausnahmezustandes und die Ankündigung der Regierung von Präsident Assad, friedliche Demonstrationen zulassen zu wollen, seien angesichts der brutalen Unterdrückung der Proteste nicht glaubhaft, erklärte Obama weiter. Assad und sein Regime hätten die Forderungen der Syrer nach Freiheit zurückgewiesen und ihre eigenen Interessen über die des Volkes gestellt. "Wir fordern Präsident Assad auf, seinen Kurs jetzt zu ändern und die Forderungen seines Volkes zu beachten", erklärte Obama.

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