19.12.2021 06:00 |

Filzmaier & Thalhammer

Zurück an den Start? Corona und Omikron

Ist nach dem Lockdown vor dem Lockdown? Kaum öffnen in Österreich Lokale und Geschäfte, stehen wir wahrscheinlich vor einer fünften Corona-Welle. Omikron - eine neue Virusvariante - ist noch viel ansteckender als alles, was wir bisher erlebt haben. Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier fragt den Infektiologen Florian Thalhammer, was das bedeutet.

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Peter Filzmaier: Für mich als Beobachter sind ab der Vorweihnachtswoche die Maßnahmen überall mehr oder weniger genauso wie vor dem Lockdown. Bedeutet das nicht als logischen Umkehrschluss, wenn Omikron besonders ansteckend ist, dass wir in ein oder zwei Monaten die nächsten Ausgangsbeschränkungen brauchen?
Florian Thalhammer: Wahrscheinlich. Es ist ein kurzes Luftschnappen. Die Hochrechner der Nation erwarten schon im Jänner den nächsten Anstieg der Infektionszahlen.

Ich habe die Pandemiebekämpfung bisher so verstanden: Erstens benötigen wir möglichst viele Geimpfte, weil diese sich seltener anstecken, das Virus für kürzere Zeit und daher weniger übertragen, sowie nicht so oft schwer krank werden. Das entlastet die Krankenhäuser. Zweitens warten wir auf Medikamente in Tablettenform. Drittens gibt es Antikörper, die Infizierte als Infusion bekommen können. Tabletten und Antikörper senken aber das Risiko schwerer Erkrankungen bei weitem nicht so sehr wie die Impfung.
Das ist korrekt. Die ersten Packungen Tabletten langen gerade endlich in Österreich ein. Noch etwas wirkungsstärkere Tabletten folgen. Momentan stehen uns auch in größerer Menge monoklonale Antikörper zur Verfügung. Aus meiner bescheidenen Sicht hätten wir diese schon viel früher zum Einsatz bringen sollen. Tabletten und Antikörper sind aber kein Ersatz für die Impfung, weil sie weniger Wirkungskraft und stärkere Nebenwirkungen haben. Das gilt auch für Omikron.

Müssen wir daher zurück an den Start, weil die Wirkung aller Impfstoffe gegen die neue Virusvariante Omikron abnimmt?
Ja, die Wirkung ist geringer. Ganz genaue Daten fehlen noch, momentan gibt es unterschiedliche Aussagen über das Ausmaß des Wirkungsverlustes. Der Schutz ist aber unverändert viel höher als ungeimpft. Für diesen Schutz ist es freilich entscheidend, dreimal geimpft zu sein. Wir müssen nicht zurück an den Start, und angepasste Impfstoffe werden entwickelt. Das kennen wir ja von der jährlichen Grippeimpfung.

Diese Impfstoffe müssen anschließend massenhaft produziert und verteilt werden, was ja anfangs nicht so gut geklappt hat. Wann kann sich Otto Normalverbraucher wirklich gegen Omikron impfen lassen?
Jetzt! Nämlich sofort mit der dritten Impfung. Bei der Deltavariante haben wir gelernt, wir brauchen zwei Stiche. Bei Omikron sind es drei. Zwei sind sicher zu wenig.

Wie ist die Wirkung der Tabletten gegen Omikron? Ist diese nach dem Prinzip Hoffnung, weil man ja noch kaum Erfahrungswerte hat?
Nicht ganz. Da beide genannten Tabletten die Vermehrung des Virus unterbinden, sollte eine entsprechende Wirkung gegeben sein. Genaues wissen wir aber erst nach entsprechenden Studien.

Würden die Antikörper auch bei einer Omikroninfektion als Behandlung helfen?
Auch das wissen wir noch nicht genau. Manche ja, manche etwas weniger, wenige gar nicht. Anpassungen werden sicher erforderlich sein.

Von den angesprochenen Antikörperinfusionen als Behandlungsmethode hört man in der Öffentlichkeit fast nichts. Als Analytiker fällt mir kein Grund ein, warum Ärzte nicht darüber reden sollten. Politiker müssten umso mehr darüber sprechen, weil es ja Hoffnung macht. Warum spricht niemand darüber?
Eine gute, aber leider auch frustrierende Frage für mich. Ich rede seit sechs Monaten davon … Sind wir Österreicher immer zu langsam? Gibt es politische Entscheidungen, die ich nicht verstehen kann? Ich nenne lieber keine näheren Details.

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Ich würde weiterhin Menschenansammlungen meiden und bei etwaigen Krankheitszeichen lieber einmal zu viel testen. Auch bei Kindern.

Florian Thalhammer

Schade, ich würde gerne die politischen Entscheidungsprozesse hinterfragen, oder ob es gar einen Maulkorberlass für Ärzte gibt … Aber gut, etwas anderes: Wie verhalte ich mich aber angesichts von Omikron am besten im Alltag? Was würden Sie über Weihnachten und Silvester mit vielen privaten Treffen auf keinen Fall machen? Welche Maßnahmen, wie Maske tragen, sollte ich vernünftigerweise auch unabhängig von den formalen Vorschriften unbedingt beachten? Was kann ich halbwegs unbesorgt tun?
Mit Maske fast alles, jedoch würde ich weiterhin Menschenansammlungen meiden und bei etwaigen Krankheitszeichen lieber einmal zu viel testen. Auch bei Kindern. Ebenso sollten die geltenden Vorschriften und Empfehlungen eingehalten werden. So etwa soll im Wiener Handel die 2G-Regel nur mangelhaft kontrolliert werden. Wenn das stimmt, verweise ich auf Zürich als Positivbeispiel: Dort erfolgt in Lokalen und auf dem Weihnachtsmarkt eine freundliche und trotzdem penible Kontrolle des Grünen Passes sowie eine Identitätsüberprüfung. Dafür ist alles offen.

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Eine Übertragung durch Haustiere ist theoretisch möglich, aber in der Praxis extrem unwahrscheinlich.

Florian Thalhammer

Ich will noch jede Menge über das Leben mit dem Virus im Alltag wissen, weil hier die „Krone“-Leser häufig Fragen stellen. Wann und wie oft soll ich mich idealerweise auch als Geimpfter testen? Wie sehr muss ich aufpassen, dass ich mich nicht nach dem Angreifen von Gegenständen anstecke? Können Haustiere das Coronavirus übertragen? Lässt sich das bitte in jeweils einem Satz beantworten?
Beim Testen nein, weil das zu sehr vom beruflichen Umfeld, Impfstatus und Risikoverhalten abhängt. Das mit der Ansteckung beim Berühren einer Türklinke ist ein Mythos. Hygienemaßnahmen wie vor der Pandemie sind ausreichend. Eine Übertragung durch Haustiere ist theoretisch möglich, aber in der Praxis extrem unwahrscheinlich.

Zum Abschluss eine Gretchenfrage: Was denken Sie eigentlich über einzelne Ärzte, welche die Gefahren der Pandemie bestreiten oder arg verharmlosen?
Ich halte von diesen absolut gar nichts, und die Medizinische Universität Wien hat sich soeben von einem problematischen Coronaverharmloser getrennt. Jetzt ist meines Erachtens noch die Österreichische Ärztekammer am Zug. Ärzte, welche Menschen von Schutzimpfungen wider besseres Wissen abraten, kann die Berechtigung zur Berufsausübung entzogen werden.

Zur Person: Florian Thalhammer

Florian Thalhammer ist Infektiologe an der Medizinischen Universität Wien, Stellvertretender Ärztlicher Direktor und Epidemiearzt am Universitätsklinikum Allgemeines Krankenhaus (AKH) sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT).

Zur Person: Peter Filzmaier

Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft an der Donau-Universität Krems und der Karl-Franzens-Universität Graz sowie Leiter des Instituts für Strategieanalysen (ISA) in Wien.

Peter Filzmaier
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