10.10.2021 13:55 |

Die Letzten

In jedem Stück Holz lebt ein singulärer Ton

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er den Gitarrenbauer Norbert Hammerer über die Schulter geschaut.

Wäre es nach dem Vater gegangen, wäre aus Norbert ein internationaler Meisterschütze geworden, denn Talent hatte der Bub. Vielleicht wäre ihm auch so ein Coup geglückt, als der Vater Hubert, ein Tischlermeister aus Egg, im Jahr 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom die einzige Goldmedaille für Österreich in der Disziplin „Freies Gewehr Dreistellungskampf“ errang.

Aber der Sohn spürte, obwohl selbst ein exzellenter Sportschütze: „Das ist nicht mein Weg. Deshalb bin ich nicht gekommen.“ Zwar trat er in die Fußstapfen des Vaters, wurde Tischlermeister, doch eines Tages hörte er ein Konzert des berühmten Virtuosen Leon Koudelak, der auf einer Roemmich-Gitarre spanische Musik der Klassik spielte. „Da war mir klar: So muss es klingen.“

Damit meint Norbert Hammerer nicht nur den Klang des Instruments, sondern in einem übertragenen Sinn den Klang des Lebens. „Da wusste ich: Ich möchte Gitarrenbauer werden. Natürlich würde man davon nicht leben können, aber ich rief den Herrn Roemmich einfach an. So hat alles begonnen.“

Man siezt sich
Seine Werkstatt liegt etwas versteckt in einem Weiler von Egg. Ich muss lange suchen, bis ich sein Haus finde. Die Hausnummern sind hier bunt durcheinandergewürfelt. Wie es unter Landsleuten üblich ist, bietet man sich schnell das Du an. Ich frage, ob wir uns duzen können. Norbert Hammerer will dezidiert beim Sie bleiben. „Aus weltanschaulichen Gründen“, sagt er. Der Mann fängt an, mich zu interessieren. Er kann sich ungewöhnlich gut ausdrücken. Bei allem, was er mir in dem fast dreistündigen Gespräch erzählt und darlegt, spüre ich ein tiefes, unglaublich ernsthaftes Durchdringen der Materie, das für einen Laien wie mich fast pedantisch anmutet.

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Wie ich auf andere wirke, ist nicht mein Problem. Das ist das Problem der Anderen.

Norbert Hammerer

Aber für Norbert Hammerer ist eine Gitarre, wie er sie baut, eben kein Gebrauchsinstrument. Sie ist das klangliche Abbild der Welt, wie er sie hört und sieht. Angefangen bei den Hölzern, die er verwendet, über die Proportionen des Korpus, des Schalllochdurchmessers, der Steg- und Kopflänge, bis zum allerkleinsten, nicht mehr sichtbaren Detail, wird alles der „Harmonia mundi“ untergeordnet, der Harmonie der Welt. Hammerer orientiert sich dabei an den energetischen Gesetzmäßigkeiten der Kinesiologie. „Alles Formen oder Wirken findet seine Erklärung in den Gesetzen der Natur. Die Art der Form bestimmt die Wirkung, denn letztlich ist es immer nur die Qualität, die die Seele berührt.“ Ob bei solchen Überlegungen die Luft nicht allmählich dünn wird und nur Kopfschütteln zurückbleibt, frage ich. Herr Hammerer antwortet mir ganz freundlich: „Wie ich auf andere wirke, ist nicht mein Problem. Das ist das Problem der Anderen. Aber freilich, meine Frau konnte da nicht mehr mit, und so kam es zur Scheidung.“

Unglaubliche Akribie
Er wirkt in keiner Weise stur oder verbohrt. Das Gegenteil. Hammerer hat sich für diesen Weg entschieden und versucht konsequent in diesen kosmischen Fußstapfen zu gehen. Das zeigt sich allein schon darin, mit welcher Akribie er eine Gitarre erdenkt, plant und baut.

Bei der „spanischen Bauweise“, die er favorisiert, werden erst alle Bestandteile wie Decke, Hals, Zargen usw. angefertigt. Dann wird der Hals, der bis in den Korpus hineinragt, mit der Decke verleimt. Beides wird zusammen auf einer „Solera“ fixiert, die den Halswinkel ganz genau festlegt. Auf dieser Solera werden die beiden Zargenhälften mit der Decke und in zwei Schlitze in den Hals geleimt. Wenn die Zargen mit Reifchen, Unterklotz und gegebenenfalls mit Konsolen fertig ausgestattet und an die Bodenwölbung angepasst sind, wird der Korpus mit dem Boden geschlossen. Jedes noch so kleinste Detail hat seine Bewandtnis.

Viele Werkzeuge und Hilfsmittel, die Hammerer benötigt, hat er selbst ertüftelt und gebaut, weil sie auf dem Markt nicht zu haben sind. So legt er etwa Wert auf naturkonforme Rundungen. Schraubzwingen verwendet er bei Verleimungen so gut wie nie, weil sich die Gitarre den Druck merkt. „Ich versuche, ein ausgewogenes Verhältnis der Kräfte zwischen Balken, Spreizer, Boden-, Deckenstärken und Stegflügel zu erreichen, damit das Instrument vergleichbar einer Glocke rundum schwingt.“

Bei den Hölzern und ihrer Zusammenstellung ist er besonders wählerisch. „Überall habe ich nach altem Zwetschgenholz für die Griffbretter gesucht. Alle Dörfer habe ich abgefragt, bis ich auf einen Drechsler in Schwarzenberg stieß, der in seiner Garage einen Klotz liegen hatte, der genau meinen Wünschen entsprach. Jedes Instrument ist eine neue Herausforderung. Man beherrscht die Sache nie, denn in jedem Stück Holz lebt ein Ton, der unverwechselbar klingt und sich nie wiederholt.“ Norbert Hammerer nimmt eine Gitarre aus Ahornholz aus dem Schrank und spielt darauf Bachs „Air“. Ein warmer, voller Klang erfüllt die Werkstatt.

Es gibt ein altes, andalusisches Sprichwort: Keine Frau schläft so fest, dass der Klang einer Gitarre sie nicht ans Fenster locken würde. Hammerers Gitarren locken nicht nur, ihr Klang berührt das Herz.

Robert Schneider
Robert Schneider
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