Reden immer wirrer

Gadafi in Tripolis: "Das Volk liebt mich!"

Ausland
26.02.2011 08:31
Rätselhafter Auftritt des Noch-Machthabers Libyens: Während sich die Schlinge um Muammar al-Gadafis Hals immer enger zieht, dürfte der Diktator immer noch an einen Sieg über die Protestbewegung glauben. Wie in Aufnahmen des staatlichen Fernsehens Libyens zu sehen war, trat Gadafi am Freitag auf dem Grünen Platz in der Hauptstadt Tripolis auf und hielt dort eine flammende Rede, in der er seine Anhänger dazu aufrief, das Land zu verteidigen. Zudem versicherte er, das Volk "liebt Gadafi".

"Wir werden kämpfen und wir werden siegen", erklärte Gadafi. Die Waffenlager im Land würden "geöffnet, um das ganze Volk zu bewaffnen". Der libysche Machthaber rief seine Anhänger auf, "Libyen zu verteidigen" und die Ölquellen des Landes zu schützen. Zuletzt hatte sich Gadafi am Dienstag in einer telefonischen Ansprache im Staatsfernsehen an das Volk gewandt, in der er erklärte, "Revolutionsführer" in Libyen zu bleiben.

Gadafi-Sohn spricht von Waffenstillstand
Ein Sohn Gadafis hat sich am Freitagabend zu Verhandlungen mit Aufständischen bekannt. Er hoffe, dass bis Samstag ein Waffenstillstand in zwei Städten geschlossen werden könne, sagte Saif al-Islam Gadafi vor ausländischen Journalisten in der Hauptstadt Tripolis. Man habe es in Misrata und Sawiya mit "Terroristen" zu tun. Dennoch habe sich die Armee entschlossen, sie nicht anzugreifen. In den beiden westlibyschen Städten kämpfen Aufständische gegen Anhänger Gadafis. Gadafis Sohn sagte jedoch, abgesehen von den beiden Städten sei die Lage ruhig.

Nach tagelangen blutigen Kämpfen haben Gegner des Regimes die Kontrolle über die Städte im Osten Libyens übernommen. Das libysche Militär war aus den Gebieten geflohen oder hatte sich den Aufständischen angeschlossen. "Uns wurde versichert, dass der Staat die Kontrolle über die östlichen Städte des Landes zurückgewinnen wird", sagte der Gadafi-Sohn. Erneut machte er Islamisten für die Proteste gegen das Regime seines Vaters verantwortlich. Das hätten Bewohner der von den Aufständischen kontrollierten zweitgrößten Stadt Bengasi, das Zentrum des Aufstandes gegen Gadafi, bestätigt. Sie hätten sich telefonisch auch über die chaotischen Zustände beklagt. "Mädchen können nicht mehr auf die Straße gehen, Schulen sind geschlossen und das öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen, weil, so beschreiben sie es, Islamisten dort mit Gewalt die Kontrolle übernommen haben", sagte Saif al-Islam Gadafi.

Er bestritt auch, dass Söldner gegen Demonstranten eingesetzt worden seien. Augenzeugen hatten zuvor berichtete, dass Kämpfer aus dem Tschad, Mali und anderen afrikanischen Staaten Gegner des Gadafi-Regimes angegriffen hätten.

Letzte Bastion Tripolis
Tripolis ist die letzte Bastion, die Gadafi nach den tagelangen Unruhen geblieben ist. Am Freitag rückten die Aufständischen weiter Richtung Hauptstadt vor, wo in mehreren Stadtteilen nach Medien- und Augenzeugenberichten heftige Kämpfe zwischen Gegnern Gadafis und Sicherheitskräften tobten. "Ich glaube, Tripolis erhebt sich", sagte ein Mann im Stadtzentrum. Wie weit die Regimekritiker bereits in die Hauptstadt vorgedrungen sind, ist allerdings weiterhin unklar, da kaum Informationen aus der Stadt dringen.

UN-Diplomat spricht von Tausenden Toten
Seit eineinhalb Wochen dauern die Proteste gegen den Diktator bereits an. Regierungskritiker fordern Gadafis Rücktritt. Seine Sicherheitskräfte gehen laut Augenzeugenberichten mit äußerster Gewalt gegen die Demonstranten vor, die Zahl der Todesopfer ist immer noch nicht klar. Der libysche Vize-Botschafter bei den Vereinten Nationen sprach am Freitagabend von Tausenden Toten. Ibrahim Dabbashi sagte während einer Pressekonferenz in New York, die Zahl der während der Proteste getöteten Menschen gehe in die Tausenden und nicht in die Hunderte. Zudem werde mit weiteren Opfern gerechnet, sagte der UN-Diplomat.

Menschenrechtsorganisationen gingen bisher von mehreren Hundert Toten aus, andere Quellen dagegen von 300 bis 1.000 Toten. Vor einigen Tagen hatten die libyschen Behörden erstmals Angaben zur Zahl der Getöteten gemacht, wonach bis Dienstagabend mindestens 300 Menschen ums Leben kamen. Zu diesem Zeitpunkt hatten Menschenrechtsorganisationen jedoch bereits von mehr Toten gesprochen.

Osten feiert bereits seine Befreiung
Tausende Menschen versammelten sich am Freitag in Libyens zweitgrößter Stadt Bengasi zum traditionellen Freitagsgebet. "Das dürfte Gadafi wirklich ärgern", sagt Mohammed Katat, einer der Gläubigen, die sich an diesem Tag vor dem Gerichtsgebäude der Stadt versammelt haben. "Er hat sich immer eine solche Masse bei seinen Ansprachen gewünscht, aber das ist nie passiert."

Bis zu 8.000 Libyer sind gekommen, sie recken die Arme gen Himmel und rufen "Oh Gott". Vor ihnen steht der Imam Salem Jaber. Seine Predigt hält er vor den sterblichen Überresten dreier Männer, die beim Kampf um Bengasi getötet wurden. Einer der Särge wird kurz für die Fotografen geöffnet: Darin liegt ein junger Mann, auf seiner Brust klafft ein Loch. "Unter Gadafi hat die Welt begonnen, die Libyer zu hassen und uns als Terroristen zu sehen, die Zerstörung wollen", ruft der Imam in die Menge. "Wir wollen, dass die Welt erfährt, dass wir nicht so sind, wir wollen leben, wie andere Völker."

Bewaffnete Männer beschützen Gläubige
"Wir werden Tripolis nicht im Stich lassen", ruft er. "Allah Akbar" - Gott ist groß - erwidern die Gläubigen. Und auch eine Botschaft an Europa und die USA will der Imam noch loswerden: "Wir wollen keine Militärintervention." Es sei eine Revolution des Volkes. "Ab heute wird niemand kommandieren mit Ausnahme des Volkes", erklärt er. Auf dem Dach eines Gebäudes im Stadtzentrum von Benghazi wachen drei bewaffnete Männer über die Menge. "Wir sind hier, um die Gläubigen zu beschützen", erklärt einer von ihnen.

Doch nicht nur in Bengasi feiern die Menschen ihre Befreiung, auch in der östlichen Stadt Tobruk versammeln sich mehr als Tausend Menschen vor der Moschee. Auch hier gleicht die Versammlung einem Volksfest - die Menschen schwenkten Fahnen, geben ein Hupkonzert und singen. "Vorwärts Libyen, vorwärts Libyen", rufen sie mit emporgestreckten Fäusten.

"Gadafi behandelt uns wie Tiere"
Auch viele Kinder und alte Menschen sind gekommen und feiern unter den nachsichtigen Blicken der Militärs und Politiker, die der Führung des Landes abtrünnig geworden sind und sich der Revolte angeschlossen haben. Doch in diesem Klima der Freude und des Feierns vergessen die Demonstranten nicht, warum sie hier sind: Den Sturz der Regierung herbeizuführen, so wie es ihre Nachbarn in Tunesien und Ägypten geschafft haben. "Gadafi muss das Land verlassen", sagt Demonstrant Haduth. "Er behandelt uns wie Tiere, seit 42 Jahren leben wir wie die Tiere, unter schlechten Bedingungen."

Ein anderer Demonstrant schließt sich an: "42 Jahre lang hatten wir keinen Funken Freiheit - wir wollen Gadafi sagen, dass dies unser Land ist, nicht sein Gut, wir wollen, dass er geht." Gegenüber der Moschee befindet sich das ausgebrannte Polizeikommissariat, von dem Gebäude weht jetzt die libysche Flagge - aus der Zeit der Monarchie in den Farben rot, grün und schwarz. Im Osten genießen sie ihre neuen Freiheiten und hoffen mit Blick auf Tripolis, dass sie bestehen.

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