08.08.2021 06:00 |

Das große Interview

Worum geht’s im Leben, Herr Forcher?

Nach mehr als drei Jahrzehnten hat sich Sepp Forcher letztes Jahr vom Fernsehpublikum verabschiedet. Er ist jetzt für seine Frau Helli da. An ihrem Krankenbett hat der 91-Jährige noch ein Buch geschrieben.

Das gelbe Haus am Stadtrand von Salzburg könnte einen Blumenschmuckwettbewerb gewinnen. An jedem Fenster hängen rote und rosa Begonien. Die Eingangstür steht weit offen. In der Bauernstube, am runden, 200 Jahre alten Holztisch, sitzt Sepp Forcher, eine lebende Legende. Es duftet nach Zirbenholz und Wiesenblumen. „Die kriegt die Helli jeden Tag frisch aus Nachbars Garten“, erzählt Forcher und zeigt auf die Vase mit gelben Margeriten.

Der Mann mit dem vertrauten Gesicht, dem weißen Bart und der väterlichen Stimme spricht Salzburger Dialekt. Seine Frau Helli liegt neben ihm. Mit wachen Augen verfolgt sie, wie ihr Mann eine Flasche kühlen Grünen Veltliner aus dem Kremstal öffnet. Er schenkt auch für sie ein Gläschen ein, Helli lächelt. Klick-klack tönt die Kuckucksuhr leise.

„Krone“: Herr Forcher, vor 17 Monaten haben Sie „Klingendes Österreich“ das letzte Mal moderiert. Hatten Sie Entzugserscheinungen?
Sepp Forcher: Um Himmels Willen. Nein. Auch weil ich immer den Ehrgeiz hatte, selbst zu bestimmen, wann ich aufhöre. Nach der Zweihundertsten, mit 90, war ein guter Moment. Ich habe seinerzeit auch durchgesetzt, dass die Sendung werbefrei sein muss. Und tunlichst kitschfrei. Die Kamera vermisse ich nicht. Ich hatte nie Respekt vor der Kamera, die ist ja seelenlos. Immer nur vor dem Menschen, der sie bedient.

Was machen Sie jetzt den ganzen Tag?
Ich hab mit meinem Leben allweil was anfangen können. Was mach ich? Schlafen bis um 8, dann frühstücken mit Helli, Blumen gießen, lesen. Der Mensch ist ja im Grunde genommen ein faules Tier. Ich wollte immer schon ein fauler Hund sein, jetzt kann ich das.

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Ich wollte immer schon ein fauler Hund sein, jetzt kann ich das. Schlafen bis um acht, frühstücken mit Helli, Blumen gießen, Nietzsche lesen.

Sepp Forcher

Was lesen Sie gerade?
Gestern habe ich „Menschliches, Allzumenschliches“ von Nietzsche gelesen, da staunt man nur so. Dazwischen „Swanns Welt“ von Marcel Proust. Und natürlich Musil. Die feinste, fintenreichste, österreichischste Sprache. Einfach unglaublich.

Und dann schreibt der „faule Hund“ mit 91 auch noch immer Bücher. Wie kommt das?
Das widerstrebt eigentlich meiner Sehnsucht nach Faulheit, das haben Sie ganz richtig bemerkt. Es fällt immer dem Verleger ein, er besitzt eine große Überzeugungskraft und meinte: Schreib doch über die Berge! Dabei ist es eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt auf einem Berg war.

„Die Berge meines Lebens“ haben Sie hier an diesem Tisch geschrieben, mit Helli neben Ihnen. Wie war das?
Nicht leicht für die Helli. Wir haben null geredet miteinander, ich musste mich ja konzentrieren. Wenn sie etwas gesagt hat, hab ich „Ruhe!“ gerufen. Ich habe alles von Hand in alte Kalender geschrieben, und dann dem Mario Trantura diktiert. Wenn das Buch dann da ist, hab ich eine große Freude. Dass ich das überhaupt noch zusammenbringe, dass mein Gedächtnis noch funktioniert. Ich habe alles aus dem Gedächtnis geschrieben. Aber Gott sei Dank hatte ich ein Tourenbuch, da konnte ich alles noch einmal überprüfen.

Wie viele Gipfel haben Sie im Lauf Ihres Lebens erklommen?
Ich hab sie nicht gezählt, aber es waren sicher Hunderte - vom Mont Blanc über den Watzmann bis zum Piz Bernina. Ich hab zu einer Zeit mit dem Klettern begonnen, als es noch keine Helme gab. Man hat ein paar Socken in einen Hut gestopft und mit einem Lederband auf den Kopf gebunden. Das war der Steinschlagschutz.

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Ideal wäre es, wenn es uns gleichzeitig packt. Aber das ist ein Wunschdenken, das sich manche Leute mit viel Geld in der Schweiz erkaufen.

Sepp Forcher

Welcher war Ihr schönster Berg?
Helli ruft: „Der Glockner!“ - Auf dem Großglockner waren wir gemeinsam. Das war sicher das schönste Erlebnis. Ich halte das immer noch für etwas ganz Großes, einen Berg zu besteigen. Jeder Berg verlangt vom Menschen Selbstüberwindung und Leistung. Jeder Berg ist gefährlich. Einmal kommen Angstgefühle auf, dann wieder Glücksgefühle, weil man etwas geschafft hat, woran man nicht mehr geglaubt hat.

Es heißt ja, man bezwingt einen Berg. Ist das Ihre Sprache?
Nein. Denn der Mensch ist im Gegensatz zum Berg nur eine kleine Laus. Er sollte demütig sein. Und langsam gehen. Es gibt einen alten italienischen Bergsteiger-Spruch: „Wer langsam geht, geht gut. Wer gut geht, geht weit.“ Der Berg lehrt uns, die Kräfte einzuteilen. Mich hat er Härte und Disziplin gelehrt.

Warum soll man Ihr Buch lesen?
Weil ich glaube, dass es nicht uncharmant ist. Weil manche Wegbeschreibungen auch philosophisch sind. Und weil ich mich kurz halte. - Lacht.

Wird es Ihr letztes gewesen sein?
Wenn es nach mir geht, ja. Aber dem Verleger wird vielleicht wieder was einfallen. Obwohl ich schon am Rande des Grabes stehe. Aber das Grab ist die Ruhestätte für Faule. Da kannst dich ausschlafen bis zum Jüngsten Gericht.

Sie lachen, während Sie das sagen. Ist der Tod ein Spaß?
Jetzt lacht Helli auch. - Was soll man über den Trottel sagen? Soll man ihn fürchten? - „Ich hab‘ auch keine Angst vor dem Tod“, sagt Helli.

Möchten Sie Helli überleben oder vorher gehen?
Ideal wäre es, wenn es uns gleichzeitig packt. Aber das ist ein Wunschdenken, das sich manche Leute mit viel Geld in der Schweiz erkaufen.

Käme sowas infrage für Sie?
Helli schüttelt den Kopf. - Nein, das ist doch feige. Der Herrgott schenkt uns das Leben, er soll es uns auch wieder nehmen.

Wie alt wollen Sie werden?
Mein Gott, jeden Tag einen Tag älter.
Helli sagt: Ich reiß mich nicht mehr drum.
Der Helli ist es vor ein paar Wochen so schlecht gegangen, dass ich schon dachte, sie wird es nicht mehr packen. Damals haben wir uns überlegt, ob wir uns verbrennen oder eingraben lassen. Wir sind uns einig. Wir werden uns verbrennen lassen, unsere Asche können sie im Winter aufs Eis streuen, damit sie nicht ausrutschen.

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Was soll man über den Tod, den Trottel, sagen? Soll man ihn fürchten? Wir werden uns jedenfalls verbrennen lassen, da sind wir uns einig.

Sepp Forcher

Was bleibt, wenn man 91 ist?
Vieles. Es kann einem zum Beispiel noch der Wein schmecken. - Führt das Glas zu Hellis Mund und lässt sie trinken. - Aber man isst nicht mehr so viel. Das tut mir ein bisschen Leid, ich würde immer noch gerne drei Tirolerknödel essen, von der Helli gekocht. Aber ich schaffe nur noch einen.

Worum geht’s im Leben?
Zu wissen, welches Geschenk es ist, leben zu dürfen. Einen Partner zu haben, der ähnlich denkt, Freunde, mit denen man noch ein Glasl trinken kann. Auf das läuft es letztendlich hinaus. Man soll jeden Tag genießen, sich den Appetit aufs Leben durch nichts und niemanden vermiesen lassen. - Zitiert das Ringelnatz-Gedicht über Einsamkeit und spätes Glück im Alter.

Haben Sie noch einen Tipp für die Jungen?
Gern. Sie sollen einem 90-Jährigen ja nix glauben. Alle Erfahrungen selber machen, sich den eigenen Glauben, die eigene Art zu leben erkämpfen. Und manchmal auch auf einen Berg gehen.

Höhlenführer und Hüttenwirt

Geboren als Giuseppe Forcher am 17. Dezember 1930 - zufällig - in Rom, aufgewachsen in Südtirol. 1940 wandert die Familie nach Salzburg aus. Bevor Sepp Forcher 1976 zum ORF kommt, arbeitet er als Höhlenführer, Hilfsarbeiter, Hüttenwirt und ab 1971 als Stadtwirt in Salzburg. 200 Mal, von 1986 bis 2020, führte der Star der Volkskultur durch die Sendung „Klingendes Österreich“. Seit 66 Jahren verheiratet mit Helli. Sein Buch „Die Berge meines Lebens“ erscheint am Montag, dem 9. August im Brandstätter-Verlag und kostet 22 Euro.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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