Deutsche übernehmen
Wall Street und Frankfurt schließen sich zusammen
Die Verteilung der Anteile ergibt sich aus der Marktkapitalisierung der beiden Aktiengesellschaften. Mit 11,4 Milliarden Euro übersteigt die der Deutsche Börse AG diejenige der NYSE Euronext mit 6,7 Milliarden. Mit dem Schulterschluss reagieren die beiden Börsenbetreiber auf steigenden Kostendruck und zunehmende Konkurrenz von alternativen Handelsplattformen, die ihnen mit günstigen Preisen die Butter vom Brot nehmen. Mit dem Zusammenschluss erhoffen sich die Börsenanbieter Einsparungen in Höhe von 300 Millionen Euro.
Die Deutsche-Börse-Aktionäre könnten ihre Papier eins zu eins gegen Papiere der neuen Gesellschaft tauschen, die Anteilseigner der US-Börse im Verhältnis von eins zu 0,47. Die deutsche Seite bekommt auch zehn der 17 Posten im Verwaltungsrat. Dafür stellen die New Yorker mit Duncan Niederauer den ersten Konzernchef. Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni wird Vorsitzender des Verwaltungsrats.
Fusion soll bis Ende 2011 besiegelt sein
Die beiden Börsenbetreiber hatten in der vergangenen Woche ihre Fusionsgespräche öffentlich gemacht und dabei auch bereits Eckpfeiler des Zusammengehens festgelegt. Als Streitpunkt erwies sich bis zuletzt die Frage des Namens, der aber offenbar noch immer nicht feststeht. Vor allem US-Politiker pochen auf eine Betonung von New York als Symbol des Kapitalismus. Der Arbeitstitel lautet daher unverfänglich "The Premier Global Exchange Group".
Bis Ende des Jahres soll die Fusion abgeschlossen sein. Allerdings müssen noch Aktionäre sowie Aufsichtsbehörden in beiden Ländern dem Vorhaben ihren Segen geben. Die Börsenaufsicht im deutschen Bundesland Hessen hat bereits eine genaue Prüfung angekündigt. Möglich wäre auch, dass eine konkurrierende Börse ein Gegenangebot vorlegt. Am Montag hatten Gerüchte über ein mögliches Offert der Chicagoer CME Group die Runde gemacht.
Katzenjammer bei US-Politikern über die "Deutsche Bors"
Dass noch etwas dazwischenkommt, ist trotzdem unwahrscheinlich: Somit hat die "Deutsche Bors", wie die Amerikaner sagen, künftig das Sagen an der Wall Street. Und das nagt schwer am Nationalstolz der einst unangefochtenen Wirtschaftssupermacht Vereinigte Staaten. Die Deutschen sind dabei nicht immer die Bösen. Manche US-Politiker hadern viel mehr mit den Fehlern im eigenen Land, die den amerikanischen Einfluss in der Welt haben schwinden lassen.
"Amerika hat eine Tradition, seine nationalen Heiligtümer zu schützen; und wir müssen nun handeln, um die New Yorker Börse zu schützen", forderte der demokratische Kongressabgeordnete Ted Deutch aus Florida. "Wir würden ja auch nicht den Namen der Freiheitsstatue ändern, von Mount Rushmore oder der Golden Gate Bridge." "Das ist ein herber Rückschlag für unsere Fähigkeit, die Welt anzuführen", stellte der ehemalige republikanische Abgeordnetenhaus-Sprecher Newt Gingrich fest. "Die New Yorker Börse, zwei Jahrhunderte lang ein Symbol des amerikanischen Kapitalismus, bekommt vielleicht schon bald neue Besitzer - Europäer", schrieb die "New York Times". Und das "Wall Street Journal" stellte melancholisch fest: "Für New York ist der Schritt ein Symbol für die schwindende Dominanz auf der Weltbühne."
Beim Blick hinter die Kulissen erscheint die ganze Aufregung ohnehin eher skurril: Nicht nur, dass die Deutsche Börse mit Reto Francioni schon seit Jahren von einem Schweizer gelenkt wird. Die Großaktionäre stammen mehrheitlich aus dem angloamerikanischen Raum - letztlich würden also Amerikaner doch wieder die New Yorker Börse kontrollieren - und die Deutsche Börse gleich mit.
Anleger reagieren wenig begeistert
Die Anleger haben sich am Dienstag wenig begeistert von der Einigung auf den Zusammenschluss gezeigt. Die Aktien der Deutschen Börse rutschten um 1,7 Prozent ins Minus auf 60,27 Euro, die der NYSE an der New Yorker Wall Street um über drei Prozent auf 38,05 Dollar. Nur die zeitweise vom Handel ausgesetzten Pariser NYSE-Euronext-Aktien lagen rund ein Prozent höher.
Auch die Analysten zeigten sich skeptisch. "Unter dem Strich bezweifele ich auch, dass das für die Aktionäre über die nächsten Quartale eine Erfolgsgeschichte wird", erklärte LBBW-Analyst Martin Peter. Konrad Becker von Merck Finck erklärte, viele Fragen seien noch offen. Andere Börsianer zweifelten, dass die angestrebte Kostensynergie wie geplant erreicht werden kann. "Das ist letztlich eine Frage des Glaubens", fasste einer zusammen.
Gelassenheit an Wiener Börse
Gelassen sieht man bei der Wiener Börse und ihrer Osteuropa-Börsenholding CEE Stock Exchange Group AG den neuen Börsengiganten. "Wir sind langjährige Partner und sehen uns auch weiterhin als Vertragspartner der Deutschen Börse", sagte Beatrix Exinger, Sprecherin der Wiener Börse, die gemeinsam mit der Deutschen Börse das Handelssystem Xetra benutzt. Negative Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit habe die Börsenholding, der neben Wien auch die Börsen in Laibach, Prag und Budapest angehören, keine zu befürchten, so die Sprecherin weiter. "Die Deutsche Börse und die NYSE spielen in einer ganz anderen Liga - nach der Fusion erst recht", sagte Exinger.












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