Enthüllungsbuch
WikiLeaks ohne "Postfach" und Tausende Daten
Der Top-Programmierer von WikiLeaks, intern "der Architekt" genannt, hat die von ihm geschaffene Software nach dem Bruch mit dem zusehends herrschsüchtiger werdenden Assange mitgenommen, sagte Domscheit-Berg dem Hamburger Magazin "stern". Dabei ging es um das Herz der Plattform, das einbruchssichere "Postfach", in das Whistleblower ihre Dokumente legen können. Ausgeschiedene Mitarbeiter hätten daher aus Sicherheitsgründen einen großen Teil des vorhandenen Datenmaterials "sichergestellt".
Wesentliche Funktionen der Enthüllungsplattform seien seit September 2010 "nicht mehr aktiv", sagte Domscheit-Berg weiter. Er und andere Mitstreiter hatten WikiLeaks vergangenen August im Streit über den Kurs des WikiLeaks-Gründers Julian Assange verlassen. Domscheit-Berg plant für heuer die Inbetriebnahme einer anderen Internet-Enthüllungsplattform namens "Openleaks". Sein mit Spannung erwartetes Buch "Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt", erscheint diesen Freitag.
"Rücknahme geistigen Eigentums"
Bei der Mitnahme der Software handle es sich aber nicht um Sabotage, sondern vielmehr um "Rücknahme geistigen Eigentums", das der "Architekt" der Organisation zur Verfügung gestellt hatte, sagte Domscheit-Berg. Die bisher unveröffentlichten Dokumente mitzunehmen sei notwendig gewesen, um die Quellen zu schützen.
Schließlich habe WikiLeaks nicht einmal mehr eine verschlüsselte Website. Offenbar sei Assange zu beschäftigt damit, den vorhandenen Datenschatz "auszuschlachten" bzw. fehle seinen Mitarbeitern das Know-how. Wenn er ihre Sicherheit garantieren könne, bekomme er die entführten Daten zurück.
"Freigeistig", "genial" - "paranoid" und "machtversessen"
Freilich bemühte sich Assange im Fall seiner jüngsten Coups, der "Cablegate"-Dokumente und der Militärdepeschen aus dem Afghanistan-Krieg, bei der Veröffentlichung längst um Deals mit etablierten Zeitungen wie der "New York Times" und dem britischen "Guardian" (mit beiden hat er seither wieder gebrochen). Auf der inzwischen mehrmals übersiedelten Plattform sind gerade einmal 4.000 der 250.000 "Cablegate"-Depeschen veröffentlicht, "WikiLeaks" lebt mittlerweile von Assanges Bekanntheit und der Berichterstattung durch etablierte Medien und Journalisten.
Er habe "noch nie so eine krasse Persönlichkeit erlebt wie Julian Assange", zitiert der "stern" aus Domscheit-Bergs Buch "Inside WikiLeaks", das am Freitag erscheinen soll. Der Deutsche, der fast drei Jahre lang für die laut Buch-Titel "gefährlichste Website der Welt" arbeitete, beschreibt den Australier demnach einerseits als sehr "freigeistig", "energisch", "genial", andererseits als "paranoid", "machtversessen" und "größenwahnsinnig".
Assagens Frauen: "Sie müssen jung sein, am besten unter 22"
In weiteren "geleakten" Buch-Exzerpten auf der US-Website "Cryptome" ist zu lesen, wie Assange zwei Mitarbeiter am Irak-Video "Collateral Murder" auf ihren Reisekosten für Flugtickets nach Island sitzen lässt. Dass Domscheit-Berg dem gebürtigen Australier nicht mehr wohlgesonnen ist, liegt auf der Hand: "Ab der zweiten Hälfte 2010 war Julian immer öfter mit Bodyguards unterwegs. Was für ein Aufstieg! Manchmal dachte ich mir, das Schlimmste für ihn wäre jetzt wohl, wenn ich vor ihm verhaftet werden würde."
Auch über Assanges Haltung zu Frauen, die seit Bekanntwerden der Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden immer wieder hinterfragt wird, äußert sich Domscheit-Berg: "Julians Hauptkriterium für Frauen ist simpel: Sie müssen jung sein, am besten unter 22. Und es ist auch klar, dass sie ihn niemals hinterfragen dürfen. 'Sie muss sich ihrer Rolle als Frau bewusst sein', hat er immer gesagt." Domscheit-Berg erzählt, dass Assange in größeren Gruppen immer damit geprahlt hätte, wie viele Kinder er in diversen Regionen der Welt in dieselbige gesetzt habe. "Ob er sich um diese Kinder kümmert, oder ob es sie überhaupt gibt, ist eine andere Frage", heißt es im Buch.
"Kinder darf man nicht mit Waffen spielen lassen"
Als großen Bluff schildert Domscheit-Berg laut "stern" frühere Erfolge von WikiLeaks: "Hätte die gegnerische Seite gewusst, dass wir nur zwei extrem großmäulige junge Männer mit einer einzigen Uralt-Maschine waren, hätte sie eine Chance gehabt, den Aufstieg zu stoppen." Durch den Weggang des "Architekten" sei die Enthüllungs-Plattform jetzt wieder auf den alten technischen Stand zurückversetzt worden. Es handle sich heute um "stümperhaft zusammengebasteltes Zeug", das "viel zu angreifbar" sei. Aber solange Assange sich nicht um die Sicherheit kümmere, werde er die fehlenden Dokumente nicht zurückerhalten. "Kinder darf man nicht mit Waffen spielen lassen", so das Motto der Aussteiger.
Das Thema WikiLeaks will Domscheit-Berg für sich abschließen. Die größte Errungenschaft der Plattform sieht der Informatiker im Nachhinein darin, dass nun allenthalben über Geheimhaltung, Transparenz und die Frage diskutiert werde, "was wir geheim halten müssen und was wir nicht geheim halten dürfen".











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